Nach Wochen am Schreibtisch stundenlang spazieren zu gehen, und die Welt ist noch da.
Fertig!
Ich habe gerade mein Hölderlin-Buch abgeschlossen. Morgen liegt schon der nächste Auftrag auf dem Schreibtisch. Aber hurra! Ich feiere trotzdem.
Nur einen Steinwurf entfernt
von meiner Kreuzberger Wohnung liegt dieser Garten. Hätte ich nur das Foto gesehen, ohne zu wissen, von wo es stammt, hätte ich vielleicht auf die Schweiz getippt. Auf jeden Fall auf eine ländliche Gegend mit viel frischer Luft und einem weiten Blick ins Land.
Manchmal ist es auch schön, sich zu täuschen. Und: Es lebe der tägliche Spaziergang: denn nur er erlaubt Momente, die man nicht im Leben für möglich gehalten hätte. Allen einen schönen 1. Advent!
Wie hältst Du es mit der Moral?
Großes Wort, die Moral, kommt mir im Alltag gar nicht so häufig unter. Das heißt, ich denke nicht unter dieser Überschrift. Dennoch höre ich in letzter Zeit gelegentlich, ich sei moralisch. Oder kategorisch. Es gebe doch mehr Grau als Schwarz und Weiß. Oder man müsse jedem Einzelnen doch alle Freiheiten offen halten.
Ups. Ja. Mit einer Moral-Keule rumrennen, und anderen sagen, wo es bitteschön lang geht, nee, bloß nicht! Andererseits, haha, wer Star Trek liebt, ist wahrscheinlich unrettbar moralisch, möglicherweise bis hin zur dämlich hollywood-weichgespülten Übertreibung. Aber es gibt für mich Dinge, die ich nicht richtig finde: Wie formulieren, ohne gleich als Moral-Apostelin da zu stehen? Und konsequentes Handeln finde ich wichtiger, je älter ich werde. Weil ich wissen möchte, was ich tue, und warum. Das muss ich ja nicht laut vor mir her tragen. Andererseits, wenn ich gefragt werde – ?
Wo fängt meine Verantwortung an?
Gerade wenn Dinge schief laufen. Gerade wenn mehr Unübersichtlichkeit da ist als gewöhnlich. Gerade wenn alles anders ist als sonst. Ist dieses Anders-Als-Sonst nicht auch eine Möglichkeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen – selbst wenn dieses „anders“ erst mal ungemütlich aussieht? Alle scheinen gerade gebannt auf Weihnachten zu schauen. Was macht Ihr?
35 Minuten beim Arzt
Nein, sie können das Rezept nicht vorbereiten. Da könnte ja jeder anrufen, und später säßen sie dann auf den nicht abgeholten Rezepten. It’s Corona, stupid! Nee. Hilft nix. Also hin.
Drei Frauen im weißen Kittel hinter dem Tresen. Keine guckt. Alle busy as hell. Klar. Warten. Ich checke meine E-Mails. Nix. Zwei Frauen verschwinden. Die andere tippt in den Computer. Ich räuspere mich mal.
Sechs Minuten später sitze ich im vorderen Wartebereich neben dem Tresen (mit drei anderen Vermummten). Ich habe zum Glück ein Buch mitgenommen.
Eine Frau kommt rein. Steht stoisch vorm Tresen. Als sie endlich sprechen darf: Ich war schon bei der Post und bei der Polizei. Ich höre Stimmen. – Haben Sie einen Termin? – Ich stehe vorsichtshalber mal auf. Die werden doch hoffentlich diese Frau jetzt nicht wieder wegschicken? Ob sie denn schon mal in der Praxis gewesen sei – und ihre Versichertenkarte dabei habe. Hat sie. Darf bleiben. Hört weiter Stimmen.
Ich lese. 20 Minuten sind jetzt vorbei. Wir sind vier. Eine Frau kommt rein. Sie sei gegen Mittag bei einer Freundin ohnmächtig geworden. Und dann habe sie sich über eine Stunde lang nicht bewegen können. Nein. Keine Vorerkrankung. Nein, zum ersten Mal in der Praxis. Karte dabei. Darf auch bleiben. Wir sind fünf. Zwei Männer kommen rein.
Nach 35 Minuten kommt die Ärztin mit meinem unterschriebenen Rezept. Ich darf gehen. Die Sonne scheint. Es ist mild. Ich bin glücklich darüber, wie gut es mir geht.
Wie geht das denn?
Bei einigen Dingen habe ich den Verdacht, dass ich sie nicht lerne, nicht, weil ich mir keine Mühe gebe, sondern weil ich partout nicht verstehe, wie sie zu lernen oder zu üben sind.
Wo ich zum Beispiel regelmäßig auflaufe? Beim Musizieren. Obwohl ich es immer wieder probiere, ich habe es nicht raus, wie ich soweit komme, ein Stück auf einem Instrument zu spielen. Oder es zu singen. Irgendetwas verstehe ich nicht.
Also klar, ich muss die Noten auf dem Blatt erst mal lesen, dann auf dem Instrument finden, dann irgendwie eine Melodie draus basteln. „Irgendwie“, da ist schon so ein Rätsel. Denn ich kann das nicht, wenn ich die Melodie oder das Stück nicht vorher mindestens einmal gehört habe.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Menschen behaupten (ich eingeschlossen), nicht musikalisch zu sein. Vielleicht gibt es einen Trick, den ich – und viele anderen – (noch) nicht kennen. Aber eben. Was denn, wie denn?
Nächster Punkt, und auch hier ist zunächst alles klar: ich muss die Töne in der richtigen Reihenfolge greifen, zupfen, treffen. Die Übung besteht darin, mir die Reihenfolge zu merken und schnell von hier nach da und so weiter zu kommen. Hier ist mein Problem: Wie übe ich das? Soll ich von Anfang an versuchen, schon eine Melodie damit hinzubekommen? Oder besser kalt üben, also immer nur so Wechsel? Und wie verliere ich dabei nicht die Lust? Der Teil klingt meistens so katastrophal, pfff – und das dauert ewig.
Aber dann. Kaum komme ich halbwegs flüssig durch den Parcours, gilt es Stimmungen, Nuancen hinzubekommen. Weil ich aber immer noch dabei bin, den richtigen Weg zu finden, gelingt das so gar nicht. Oder es gelingt hier mal was und da, aber beim nächsten Versuch weiß ich schon nicht mehr, wie ich das hinbekommen habe. Oder schlimmer noch: Wie war das nochmal?
Am Ende – so viel ist mir zumindest klar – müsste ich elegant durchs Noten-Gelände kommen, mit aller Freiheit und gleichzeitig mit den Möglichkeiten, hier und da kleine hübsche Extras einzubauen, sagen wir wie Tanzschritte oder schöne Gesten, so in Etwa. Soweit komme ich aber meistens nicht, weil ich schon vorher aufgegeben habe.
Nein. Nicht schlimm. Ich bin keine Musikerin. Dennoch wüsste ich zu gerne, wie es geht, oder welche Einsicht, Praxis, Beobachtung mir fehlt, um weiter zu kommen. Wißt Ihr was?
Es nicht persönlich nehmen
„Sich warm anziehen“ fällt mir gleich dazu noch ein, aber das wäre vielleicht die falsche Richtung, weil Dinge nicht an sich ranzulassen, indem man sich ein dickes Fell hat wachsen lassen oder sich in fünf Schichten Hygge versteckt, vermutlich nicht viel bringen.
Die Zeiten scheinen gegen Winteranfang schwerer zu werden, meine Haut jedenfalls fühlt sich verdammt dünn an: Wollpullis und spitze Bemerkungen kratzen mehr als sonst. Auch die Enttäuschung setzt sich mittlerweile in mir fest. Menschen, die ich vielleicht nur oberflächlich kenne, aber auf jeden Fall mag, sind im Verschwörungsmodus, Corona gibt es nicht, dafür geht die demokratische Welt gerade unter. Gerade hier reagiere ich persönlich. Und hilflos wie nie.
„Nicht Ich Person Adressat“ – vielleicht sollte der Satz eher so heißen, zugegeben holprig, aber mit der eindeutigen Bitte: Nimm Luft aus deinem Ego. Das ist natürlich tricky, weil wir ja immer nur als wir selbst auftreten, und niemand anderes gemeint ist, wenn wir angebrüllt oder sonstwie angegangen werden. Den Ärger nicht aufsaugen, ihn aber auch nicht ignorieren. Darauf läuft es wohl hinaus. Und ich stehe da mit verdattertem Kopf und zwei linken Händen. Wie Bitteschön soll das denn gehen?
Vielleicht sind die Gänse, die gerade über unsere Köpfe weg ins Warme ziehen, da schon viel weiter?
Lesen, was da steht
Immer wieder muss ich mich gegen Auftraggeber/innen wehren, die wollen, dass ich meine eigenen Texte lektoriere. Ich weiß, dass in den meisten Metiers, in denen ich unterwegs bin, gespart werden muss. Ein Lektorat ist mittlerweile eine Ausnahme. Eine – wie ich finde – haarsträubende Entwicklung (und nein, ich habe keine Idee, wie das zu ändern wäre). Aber als Autorin bin ich (und das bezieht sich erst mal nur auf mich) völlig ungeeignet, im eigenen Wortsalat nach Fehlern zu suchen. Weil ich tatsächlich bei eigenen Texten nicht lese, was das steht.
Keine Ahnung, was ich statt dessen mache. Vielleicht „lese“ ich das, von dem ich weiß, dass ich es sagen will oder wollte. Denn egal, was da steht: Für mich ist es geschrieben und damit auch abgeschlossen – also weit, weit weg.
Ich muss mich also austricksen, um in eigenen Texten auf Fehlersuche zu gehen. Manchmal reicht es, ein paar Tage, am besten gleich eine ganze Woche zu warten, bis ich einen Versuch starte. Aber selbst dann – ich gehöre zu den Leuten, die sich nicht für Fehler interessieren. Und tja. Wie macht Ihr das denn so?
Trostlos hoch Zwei
Schlimmer ist vielleicht noch, wie gefügig wir Menschen uns in unsere Trostlosigkeit ergeben. Die entsetzlichen Architekturen zum Beispiel bleiben mir ein Rätsel. Klar, dass es mal schnell gehen muss nach einem Krieg oder einer Naturkatastrophe. Aber die scheußlichsten Häuser entstehen längst aus „wertigen“ Materialien, ohne jegliche Not und ausgerechnet da, wo viele Menschen in ihrem Alltag vorbei gehen, fahren. Was ist bloß mit uns los?






