Unterwegs sein

Der Alltag ist mir wie eine zweite, dritte oder meinetwegen auch vierte Haut. Ich bewege mich geschmeidig in ihm, und wenn es mal zwickt oder zwackt, werde ich ungehalten, weil mir gefühlt in meiner Selbstverständlichkeit etwas dazwischen kommt. Auf Reisen ist das sofort anders: Dazwischenkommen wird zum Programm. Weil ich immer mal wieder auf den Stadtplan gucken muss, weil ich – zumindest wenn ich irgendwo zum ersten Mal bin – nie weiß, was um der nächsten Ecke lauert (oder auch bloß zu sehen ist), weil alles ein wenig anders schmeckt, riecht und klingt. An solchen Tagen wird mir bewusst, wie oft meine Gedanken zu Hause im Leerlauf kreisen und sich im Grübeln festfahren.

Ich kann nicht immer unterwegs sein. Und es war für mich nicht nur prima. Zurück aus London hatte ich erst mal drei Tage lang Migräne, die ich zum Glück nicht als Bestrafung empfunden habe, sondern als faire Währung. Die Reise hat mich, bei allem, was ich sehen konnte, im Grunde wieder zu mir gebracht. Und ich glaube, das war auch genau das, was ich mir erhofft habe. In der Fremde war ich mir näher, als die letzten Monate zu Hause. Wobei ich ausdrücklich sagen möchte, dass ich eine angenehme Reise gemacht habe und keinerlei existentielle Ängste haben musste, nicht mal, als ich am ersten Abend (erst mal) nicht ins Hotel kam. Es war gerade genug, um zu erkennen, wie trügerisch Alltag sein kann. Er tut so, als wäre er das Leben. Dabei…

Törtchenparadies

Das ist vermutlich nicht das Erste, was den meisten zum Londoner Victoria & Albert Museum einfällt, aber ich schwöre: Es gibt fantastische Kuchen! Und im ältesten Museumscafé der Welt schmecken sie nochmal so gut. Was soll ich sagen? Die Reise war von der ersten Minute an (nein, erst von der ersten Minute jenseits des BER) ein Glücksfall und wirklich das Beste, was mir seit Monaten eingefallen war. Einfach mal weg. Das sagt sich leicht, und lässt sich noch leichter wieder beiseite schieben. Dann aber doch den Mumm haben, zu buchen und zu fahren. Und das Schreibtischchaos einfach mal Schreibtischchaos sein zu lassen, fiel mir zumindest nicht so leicht. Wurde aber belohnt. Mit tollen Eindrücken, aber auch – einmal mehr – mit neuen Facetten, die ich an mir entdeckt habe. Und jetzt scheint endlich auch in Berlin die Sonne, wir haben heute unseren mittäglichen Kaffeetreff im Hof wieder eröffnet, und die Arbeit ist zwar nicht weniger geworden, geht mir aber deutlich leichter von der Hand.

Reißleine ziehen

Die Welt ist peu à peu in meinen Alltag gekracht. Nein. Ich beklage mich nicht. Ich versuche eine Richtung einzuschlagen, und dabei nicht zu weit vom Weg abzukommen. Gleichzeitig mache ich etwas, was ich mich noch nie getraut habe: die Reißleine ziehen. Ich werde für 4 Tage verreisen und nicht erreichbar sein. Ich möchte Abstand und Ruhe und Ablenkung in einem. Es geht nicht mal mehr darum, ob das eine gute Idee ist. Mir fällt einfach nix anderes mehr ein.

„Theure Schwester“

Wer mag, kann im neuen Band „Aus dem Archiv geholt“ des Tübinger Hölderlinturms über den Brief lesen, den Hölderlin am 23. Februar 1801, kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz an seine Schwester schrieb. Ich habe den Recherche-Teil übernommen, Via Lewandowsky hat eine Art Drehbuch geschrieben über Momente, die so hätten stattfinden können. Viel Vergnügen.

https://hoelderlinturm.de/aus-dem-archiv-geholt/band-06-theure-schwester/

Wie der Brief gefaltet war, zeigt ein Papiermodell meiner Freundin Wiebke Müller. Das Foto stammt von Wolfgang Pfauder.

Paradox im Krieg

Wir gehen arbeiten, einkaufen, nach Hause, der Frühling fährt mit vorsichtigen Fingern über die Gärten und Wiesen, Coronainfektionen steigen und werden gefühlt trotzdem weniger, Alltag halt. Gleichzeitig sind die Medienkanäle voll von Kriegsnachrichten, wer Freund*innen oder Verwandte in der Ukraine hat, bekommt direkte Nachrichten, wir sind wütend über die Russen oder bekommen nur noch das kalte Grausen. Und genau an dem Punkt entsteht ein Paradox: Uns geht es wie immer, dort, im Krieg ist gleichzeitig der aus der Normalität kaum denkbare Ernstfall. Aber genau von dort kommt die Hoffnung. Katja Petrowskaja hat dieses Phänomen in einem Bericht für „Die Zeit“ gerade beschrieben. Ich denke: Natürlich können und müssen wir aus Deutschland helfen. Aber die eigentlich Stärke, der Mut, kommt paradoxerweise von der anderen Seite. Der folgende Absatz ist ein Zitat Katjas aus dem Zeit-Artikel:

Meine Freunde melden sich aus den Luftschutzkellern, aus verbarrikadierten Wohnungen, aus U-Bahn-Stationen verschiedener Bezirke: „Hallo! Hallo! – Am Leben!“ – „Bei uns war alles still.“ – „Vögel, die Vögel singen!“ – „Ich habe mich noch nie so über Sonnenlicht gefreut.“ – „Bei uns miaut es und schnarcht es!“ – „Meldung aus dem Nordosten: Bei uns taut es. Das Wetter ist sonnig.“ Wie kurze Funksprüche per Facebook. Manchmal posten Menschen nur ein Herz oder eine Umarmung. Alle versuchen einander aufzumuntern, zu scherzen. Die Solidarität unter den Menschen ist sagenhaft, wie in einem Epos. Niemals zuvor habe ich so viel Liebe, Zusammenhalt und Stärke gesehen. Ich schaue auf die Facebook-Seite meines Bezirks – „Festung Russaniwka“, einer Halbinsel im Dnipro, auf der hunderttausend Menschen leben. Ein unendlicher Strom von Nachrichten. Da meldet sich eine Tierärztin: Sie geht von Keller zu Keller, um kostenlos Tiere zu versorgen. Ich freue mich, meine Stimmung schwankt die ganze Zeit, aber diese Menschen in Kiew muntern mich auf.“

Mein Respekt

gilt gerade auch den zahlreichen Journalist*innen, die aus den Kriegsgebieten berichten. In der letzten Zeit hatten viele sehr schnell das Wort „Lügenpresse“ oder auch nur „Presse“ mit verächtlichem Unterton im Mund. Ich war auch immer wieder enttäuscht, wie häufig auf „falschen“ Themen rumgekaut, indem der vermeintliche Publikumsgeschmack nach Skandalen und Skandälchen bedient wurde. Aber wie sähe die Lage jetzt aus ohne verlässliche Presseberichterstatter*innen vor Ort? Sie geben mir – so komisch das angesichts der Bedrohung klingen mag – eine gewisse Sicherheit. Weil sie mir zeigen, was passiert, oder was sie vom Geschehen mitbekommen, und zwar von möglichst vielen Seiten. Und das unter größten persönlichen Einschränkungen und vermutlich mit einer ordentlichen Portion Furcht. Danke! Auch an die Angehörigen und Freund*innen, die diesen Einsatz mittragen.

Was tun?

Der Kultur- und Museumskomplex Mystezkyj Arsenal oder nur Mystetskyj Arsenal  ist ein multifunktionaler Kunst-, Kultur- und Museumskomplex im Rajon Peschersk in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, in dem die erste internationale Biennale für zeitgenössische Kunst in der Ukraine, die Arsenale 2012, die von Mai bis Juli 2012 stattfand, durchgeführt wurde (Wikipedia). Von dort kommt ein Aufruf an alle Kulturschaffenden, das Thema Ukraine, Zusammenarbeit mit ukrainischen Künstler*innen, etc. zu thematisieren, die Solidarität mit der Nation, ihren Menschen. Es geht um das Selbstverständnis, dieses Land als zur freien Welt gehörig zu begreifen. Zu sagen, dass uns die Ukraine, so fern sie uns im persönlichen Alltag sein mag, angeht. Hier die Punkte, die sie nennen. Vielleicht geht was für Euch oder andere.

1. Remind yourselves and remind others that this war is a war against the whole civilized world, free thought, democratic values, and truth. Include information about the ongoing Russian war in Ukraine into your public talks—mention this invasion at art and literature events that you attend or participate in. Bring this up at your exhibitions.

2. Write and share joint public statements as cultural and civil organizations, institutions, and industry associations—we need writers, publishers, booksellers, artists, and museums to use their platforms. Use your social media and share information and solidarity with the hashtag #StandWithUkraine. Help us provide truthful accounts to international media and share information on human rights and the lives of political prisoners with the hashtag #SolidarityWords. 

3. We ask you to publicly share your successful stories of cultural cooperation with Ukraine. In recent years, our country achieved essential progress in the arts and literature fields, and we partook in important cultural diplomacy and the promotion of European cultural values. We would like to save this important vector and defend the positive milestones that we have mutually achieved. 

4. Support peace and drive the attention of your fellow citizens, media, and politicians by using the facades of your offices and other available spaces for artistic actions showing the colors of the Ukrainian flag.

5. Highlight contemporary Ukrainian art and discuss the books of modern writers who wrote and will continue to write about the war in Ukraine, which has been going on for eight years in Europe. As a leading art institution, we are eager to provide you with all the information we have, so please get in touch with us.

The mission of our museum, the Mystetskyi Arsenal, is to facilitate interactions between people, communities, and institutions that empower individuals and free society. Our mission is not about aggression or escalation, and it is not about the forces of evil or destruction. We Ukrainians are a peace-loving nation, but we will defend our land, our families, and our right to freedom and independence. We will also defend Europe and our European choice.

1352 Km bis zum Krieg

Ich habe bis zuletzt nicht damit gerechnet. Vielleicht auch, weil wir im Westen dachten (vielleicht), dass wir Kriege endgültig, wenigstens bei uns, wenigstens,… – ich bleibe dabei, auf eine Lösung zu hoffen, auf genug menschliches Gehirnschmalz (nein, nicht Einsicht), auf eine gemeinsame und damit größere Antworten, wobei es beim „gemeinsam“ wieder wackelig wird. Was mache ich? Aus dem Nie-wieder-Krieg-Dornröschenschlaf aufgewacht, ich also, heute? Reicht es zu demonstrieren? Reicht es, sich jegliche Angst zu verbieten? Wütend zu sein? Eigene Einsichten zu suchen? An Politiker*innen zu zweifeln? Einfach so weiter zu machen? Willkommen in der Welt, möchte ich mir zurufen. Aber ich weiß nicht, was dieses Willkommen bedeutet.

Blinder Fleck

Ich denke immer wieder über diesen hilfreichen, aber eben auch schmerzhaft störenden Schutzschild in unserem Innern nach, der Erlebnisse, die zu verstörend sind, unsichtbar macht. Wir könnten vielleicht, und so funktioniert dieser Mechanismus, das Erlebte nicht ertragen. Wir würden beim Anblick blind. Das ist die Furcht, die den Mechanismus auslöst. Gleichzeitig werden wir blind, weil an der Stelle nichts ist. Wir aber spüren, dass da etwas sein müsste. Betriebsblind. Weil die Information fehlt, und wir vielleicht eine entscheidende Erkenntnis nicht – nie – erhalten. Wie kann ich die Schutzschilde deaktivieren? Was käme zum Vorschein? Würde ich ob dieser Erlebnisse wirklich blind? Oder klüger, stärker?