Hexentanz

Lust auf Randale, fragt, wer in Berlin lebt, doch eigentlich war die letzte Aprilnacht auch mal Lust auf mehr, auf mehr Aufregung, Liebe, Leidenschaft. Da gibt es den bürgerlichen „Tanz in den Mai“ neben den teuer verkauften Abenteuer-Veranstaltungen, in denen der Teufel los ist oder zumindest laute Rockmusik tobt. Ich hätte schon Lust auf eine ordentliche nächtliche Sause, am Wannsee vielleicht, mit Picknick und Bier, warum eigentlich nicht verkleidet, warum nicht mit Tanz und einer wilden Eberjagd? Fliegen wäre natürlich auch klasse, schwimmen vielleicht noch ein bisschen früh. Die Wahrheit? Ich werde eine Kartoffelpizza backen und mit Freunden verputzen. Drinnen. Wenn ich ehrlich bin, war Hexe nie wirklich ein Rollenmodell von mir. Wenn schon Abenteuer, dann Piratin. Da gibt es leider, jedenfalls soweit ich weiß, keinen offiziellen Feiertag.

Maul mit Schwanz dran

Man möchte fast meinen, dass ein/e Dreijährige/r die Blaupause für dieses Lebewesen gezeichnet hat. Ein Tiefseefisch aus ewiger Dunkelheit und Kälte, war vielleicht nicht so wichtig, wie so eins aussieht, durfte auch mal der oder die Praktikant/in ran. Fast so fühle ich mich heute, habe zwei Bücher gelesen (eins zu Ende und eins von vorne bis hinten). Habe einen riesigen Kopf. Der Rest schlackert nur noch an mir rum. Und dunkel ist es auch. Wahrscheinlich gab es tagsüber sogar Wetter. Aber an eins erinnere ich mich: Feinster Spargelsalat (lauwarm) mit Pecorino-Käse. Kurzum: Zeit für Träume.

Ein Buch, wie ich lange keins gelesen habe:

„Unser Leben“ von Stefan Schütz, erschienen im wundervollen Verlag Mattes & Seitz. Ein unglaublich sperriges Lese- ja jetzt aber echt -abenteuer, mit täglich fortgesetzten Bewegungen durch Denk-, Vergangenheits- und Wirklichkeitsräume, die bis in die Paranoia ausgreifen. Ein Kammerspiel zwischen Greis und Greisin, wörtlich, ein Theater des ausgehenden Lebens ohne Licht am Ende des Tunnels. Gerade mal 124 Seiten, an denen ich seit Montag lese. Mit etwas, was sich mit Gewinn nur sehr schmalspurig beschreiben lässt. Nicht konsumierbar. Es fährt einem in die Knochen.

 

Die ausführliche Rezension hoffentlich bald bei: http://www.tell-review.de

Schon lange

habe ich nicht mehr so gelangweilt in einem Konzert gesessen, von dem alle begeistert waren. Aber das Essen davor und das Trinken danach waren schön. Also: Ein guter Abend!

Also, persönlich bin ich da ein ganz anderer Mensch…

dachte ich – vielleicht nicht wörtlich, aber so ähnlich – gestern, als ich in der Umkleidekabine stand: mit den Armen voller cooler Klamotten und ich darin wie ein ziemlich verlorenes und gerupftes Huhn. Geschenkt, ich habe in letzter Zeit zu viel gearbeitet, was nicht gerade für ein strahlendes Äußeres sorgt, ich bin mehr als grau um die Nase und der Frisör hat mich seit Wochen nicht gesehen. Auch das Outfit lässt zu wünschen übrig, schnell morgens in die Jeans, Pulli, Schal, bequeme Schuhe, fertig. Ist ja eigentlich o.k. Aber mein Spiegelbild hat mich dann doch erschreckt. Eine müde, farblose Frau, die sich ganz offensichtlich – auweia – mit neuem Chic aufmöbeln will.

Na gut, ich kann sicher sein, dass ich nächste Woche schon wieder etwas frischer aussehe. Und schlechte Tage gibt es immer. Aber dieses Gefühl, dass ich doch eigentlich ganz anders bin, hat mich im letzten Jahr öfters erschreckt. Denn es zeigt ja wohl eine Dissonanz zwischen dem, wie ich mich fühle (oder der, für die ich mich halte) und dem, wie ich wahrgenommen werde.

Während ich im Spiegel diese langweilige Person sah, erinnerte ich mich daran, dass nur die Sachen, die ich wirklich mache, die ich laut sage, Dinge die ich verschenke, Grenzen, die ich setze, Komplimente die ich mache usf. sichtbar sind, bzw. mich sichtbar machen. Eigentlich bräuchte ich ein ziemlich großes post-it, das mich täglich daran erinnert, dass es nicht reicht ein Bild von mir zu haben. Ich sollte es auch in die Welt setzen (im Sinne von realisieren, nicht von promoten). Also gut, zwei post-its: Ich kann auch die sein, die ich sein will, wenn wieder mal ein ganz stinknormaler Montag ist. Jep.

 

Liebe Grüße von der Fee!

Die kam nämlich heute bei kalter Luft und strahlendem Wetter vorbei. Drei Goldene Wünsche hätte ich frei, nur zu, half sie mir auf die Sprünge, das kann doch nicht so schwer sein! Sie lächelte. Und ich mühte mich. Drei sind wirklich schwer. Zum Glück hatte sie Geduld. Und das Beste: ich dürfe jetzt drei weiter Wünsche vergeben. Was ich hiermit mache. Ob die Fee wusste, dass ich eine Bloggerin bin?

Ohne Ereignisse keine Zeit

zumindest keine für den Menschen spürbare – soviel war auch schon Aristoteles klar. Auch wenn heutige Menschen im Alltag immer wieder dem Irrtum erliegen, ihre Uhr diktiere die Zeit, bleibt Zeit ein kaum zu greifendes Phänomen. Rüdiger Safranksi hat sich in seinem aktuellen 2015 erschienenen Buch der Zeit gewidmet. Augenzwinkernd – und im Hinblick auf seine zahlreichen Philosophen- und Künstlerporträts – nennt er es eine „Biografie“, die er in 10 Kapitel teilt, zum Glück, denn sonst würde man vielleicht im ausufernden Wissen des Autors untergehen.

Ich habe die Audiofassung des Buches gehört, Frank Arnold liest und liest und liest. Gut fünf Stunden brauchen er und ich, um durch die Abhandlung zu kommen. Und wem wir auf dieser Tour alles begegnen! Ein Who-is-who bekannter Denker und Dichter, von denen einige, wie Blaise Pascal warnend den Finger heben und uns vor unserer Zerstreuungssucht warnen, andere unsere Verantwortung gegenüber der eigenen Lebenszeit und der aller Generationen zu Bedenken gibt wie Kant. Die Romantiker zeigen sich fasziniert von der Langeweile, Heidegger analysiert das so lästige Phänomen, Freud warnt vor dem Verdrängen von Vergangenem, Safranksi vor der psychologischen Aufarbeitung desselben, Proust zelebriert dagegen die Erinnerung.

Wir selbst stehen in der Strömung der Zeit, wir entwickeln und verändern uns in ihr und behaupten uns – wenn alles gut geht – als ein und dieselbe Person. „Let’s go through this thing called live“ rief uns Prince im letzten Jahrtausend zu, und es stimmt: in uns nimmt die Zeit Gestalt an. Sie wird zu Leben.

Mich hat im diesem Zusammenhang der Selbstbewahrung durch die erlebten Zeiten besonders der soziale Aspekt, nun ja, überrascht, denn nur durch die Annahme, dass ich dieselbe bleiben werde, lassen mich soziale Verbindlichkeiten, aber auch Verträge oder andere Verabredungen eingehen.

Nachdem sich die ersten Kapitel mit der Langeweile (hier zeigt sich die Zeit am erbarmungslosesten) befassen, der Zeit des Anfangens (und mit ihr der Erschließung neuer Welten) und der Zeit der (Selbst-)Sorge, durch die ein Individuum die Spannung zwischen Vergangenem und Zukünftigen am eigenen Körper begreift, wechselt Safranksi im 4. Kapitel die Perspektive: Nicht mehr die eigene Wahrnehmung steht im Vordergrund, sondern die – wie er es nennt – vergesellschaftete – Zeit, die „bewirtschaftete“ Zeit, die naturwissenschaftlichen Thesen zur Zeit oder auch die Literatur (und insbesondere der Roman) als großes, universales Zeitenspiel der zivilisierten Menschheit.

Kritisch beschreibt er den „rasenden Stillstand“ unserer globalisierten Welt, jedoch nicht, um sich auf Tipps für die persönliche Zeiteinteilung zu beschränken. Indem er das ganze Panorama des Zeitgeschehens aufzeigt, öffnet er unsere Empfänglichkeit für verschiedene Zeiterfahrungen. So vergessen wir in der Hektik des Alltags gerne, dass alles seine eigene Zeit hat. Und dass wir, wenn wir klug sind, den Dingen (oder auch uns selbst ) einmal Zeit lassen, selbst vor dem unbarmherzigen Diktum, dass Zeit Geld ist. Ewigkeit, und wer Musik hört, hat diese Erfahrung vielleicht selbst schon einmal gemacht, ist keine endlose Zeit, sondern etwas ganz anderes als Zeit: die Erfülltheit im Augenblick.

Der politische – und für die nächste Zukunft sicher entscheidende – Aspekt der Zeit liegt genau in dieser aufgezeigten Ungleichzeitigkeit von Zeit. Denn wo die Finanzwelt in Sekundenschnelle agiert, muss die Demokratie im Prozess der Diskussion und des Einvernehmens zu Ergebnissen kommen. Synchronisationsprobleme entstehen da zwangsläufig, TTIP ist in dieser Hinsicht ein wichtiger Wegweiser: Wird sich die Politik aus den Fängen der Ökonomie befreien können und ihre Zeit zum Maßstab machen, und könnte sich daraus auch das Selbstverständnis eines Grundeinkommens ergeben, das der Eigenzeit eines jeden Individuums Rechnung trägt?

Besonders gut gefallen mir seine Beobachtungen zur Literatur, insbesondere zum Roman, den er als „Platzhalter unser transzendentalen Bedürfnisse“ und als einzig bislang funktionierende „Zeitmaschine“ beschreibt. Zeit, so eine weitere, mich überraschende Erkenntnis, würden wir nicht wahrnehmen, wenn wir unsterblich wären. Denn dann ginge sie uns nichts an. Dass das Zyklusdenken freundlicher ist als die Vorstellung einer linearen Zeitschiene, habe ich selbst schon herausgefunden. Mit Safranksis Bestätigung will ich mich auch weiterhin am Kreis orientieren. Dass ich, obwohl Frank Arnold stets frisch und klug liest, gelegentlich eingeschlafen bin, möchte ich nicht verschweigen. Vielleicht sind es die vielen Zitaten, die manche Zeilen füllen, indem das eine aus dem anderen schlüpft, Metaphern bildet, knackige Bilder, um dann im fabulierungsfrohen Rauschen zu verschwinden. Vielleicht ist es manchmal einfach ein bisschen viel – kürzere Kapitel mit anderer Diktion hätten vielleicht das Lesen bzw. Hören in verschiedene Rhythmen versetzt und damit selbst aus, in oder neben die Zeit gehoben. Aber das sind Kleinigkeiten, denn am Ende lässt sich ein Buch in Abschnitten lesen und ein Hörbuch wieder und wieder in den CD-Player einlegen. Leben und Lesen im Kreis. Das wusste schließlich auch schon Proust.

Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Gelesen von Frank Arnold. Random House Audio 2015.

 

 

September issue

Wenn ich Filme sehe, dann gleich mehrmals. „September issue“ von R.J. Cutler gehört zu meinen Lieblingen. Weil er mich immer wieder inspiriert und die seltene Eigenschaft hat, dass fast alle Momente, die ich zufällig stoppe, großartige Stills sind. Hier sehen wir Grace Cottington zu Füßen eines Models, während eines Shootings, dass ich spätestens in Cutlers Film als Knochenjob verstanden habe. Im Grunde ist es ein Dokumentarfilm, der die Produktion des September-Hefts der amerikanischen Vogue im Jahr 2007 zeigt. Doch eigentlich ist es die Geschichte von zwei unterschiedlichen Freundinnen (Anna Wintour und Grace), von Menschen, die sich der Mode verschrieben haben und selbst in einer fast unwirklichen Scheinwelt leben. Anna ist die als Eisberg verschrieene Chefin, die am Ende des Films zumindest mein Herz erobert, Grace ein, ja warum eigentlich nicht, Vorbild. „Never close your eyes – keep watching“, rät sie, wenn man in Bus, Bahn oder Taxi unterwegs ist, und dass man etwas finden muss (eine Art Rahmen), in das die eigene Arbeit hineinpasst: „otherwise it is not valued.“

Make it rain harder

Ich gebe es zu: Regen behagt mit nicht. Selbst warme Sommerregen werden von mir mit einer langen Schnute quittiert – keine Ahnung, vielleicht hat es (zu meiner Ehrenrettung) etwas damit zu tun, dass ich eine Brille trage, die voll geregnet keine Übersicht zulässt. Im Regen Fahrrad fahren ist mir das größte Gräuel, Menschen, die um Regen tanzen, habe ich erst begreifen müssen. Ich versuche es allerdings stets und immer wieder, mich zu arrangieren (was bleibt einem in Berlin auch anderes übrig): Ich sage mir zum Beispiel, dass es nur Wasser ist oder dass man sich wirklich lächerlich macht, wenn man mit einem finsteren Gesicht durch einen Schauer fährt.

Und da sehe ich heute dieses Video vom Superbowl, wo Prince in wahren Wasserfluten auftrat. Der tat so, als hätte er höchstpersönlich das Scheißwetter bestellt, als kleinen Gag für seinen Pausen-Gig. „Make it rain harder“, soll er dem besorgten Veranstalter kurz vor dem Auftritt gesagt haben. Keine Frage, diese kurze Schow war beeindruckend. So eine gute Laune. So gar keine Angst, auf dem glitschigen Boden auszurutschen. So ein Karacho. Wow. Das nehme ich mit. Auch, wenn ich hoffentlich nicht in die Verlegenheit komme, im strömenden Regen vor hunderttausenden Menschen singen zu müssen.