Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Traumfische

„Die Nacht ist ein Aquarium, randvoll mit schwarzen Fischen. Du siehst sie nicht, sie schwimmen stumm um den ganzen Tisch herum…“ Hilfe! Nein, so ist es falsch, wie immer, wenn ich Gedichte zitieren will. Sie passen nicht in meinen Kopf, nicht mal kurze. Stets nehme ich die falsche – weil in Wirklichkeit gar nicht vorhandene […]

Kein Ort, nirgends

Spätägyptische Literatur, so dachte ich, sei etwas fürs Fachpublikum. Wie überrascht war ich, rasante Abenteuerromane zu finden, mit allen bis heute üblichen Zutaten (sex and crime), spannend und die Leser/innen ins exotische Ausland führend, hier und da allerdings mit ungewissem Ausgang, da sich (noch) nicht alle Texte rekonstruieren lassen. Hingerissen bin ich von den stereotypen, aber […]

Die Pfütze als Himmelsspiegel

Sollte der einen oder dem anderen die Sache mit dem Frühling zu zögerlich angehen und ein steter Fluch über Regenschauer (natürlich ungebetene) auf den Lippen liegen: Bedenke er oder sie dies: Im 18. Jahrhundert, das uns allenthalben die Aufklärung bescherte, galten Seen, Weiher, große und kleine Wasserflächen als Kommunikationspartner des Himmels. Ob die Aufklärung diese […]

Eine von vielen oder etwas Besonderes?

Als junges Mädchen stand die Antwort für mich fest. Ein besonderes Leben oder gar keins wollte ich führen. Das ist wohl eine Idee, die vor allem in der Provinz wächst und mich in dieser Hinsicht eindeutig als eine von vielen auszeichnete. Immerhin bin ich von zu Hause weg gegangen, habe ein Wolkenkuckucksheimstudium absolviert und derweil […]

Wo ich gerne lese.

Ich dachte, die Sache sei ausgemacht. Als Lieblingsleseort galt mir mein Bett, die Lieblingslesezeit ein freier Morgen, auch die letzte halbe Stunde vor dem Einschlafen. Oder eine langsame Dämmerung mit Kerzenlicht. Aber schärfer nachgedacht, fielen mir ganz andere Orte und Plätze ein, öffentliche Räume vor allem, die mich zu Lesehöchstleistungen brachten, d.h. erstens zu Erinnerungsrekorden […]

Für Augenoptiker

besteht die Welt aus großen und kleinen Buchstaben. Auch die junge Ärztin fand nichts Verdächtiges. Doch ich sehe die Welt – mit und ohne Brille – verlaufen und mit unscharfen Schlieren. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Eine Frage des Alters.

Subjekt contra Alltag?

„Ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen, habe aber nichts geschafft!“ – so klagte meine Mutter manchen Abend und mit „nichts geschafft“ meinte sie wohl nichts besonderes geschafft oder erlebt zu haben, im Gegensatz zu allen kleinen Erledigungen, Handgriffen, Telefonaten, die eben irgendwann (und wann, wenn nicht jetzt?) getan werden mussten. Wie oft […]

Sieh dich an

Ein Mann ohne Tagebuch sei wie eine Frau ohne Spiegel, notierte der junge Gottfried Keller. Von beidem – Tagebüchern und Frauen – hatte er da noch wenig Ahnung, fünf Jahre später zumindest hatte er noch kein Diarium angefangen. Warum schreiben Menschen Tagebuch, andere nicht? Oder warum schreiben manche gelegentlich Tagebuch, andere strikt, wieder andere in […]

Das Leben: eine Baustelle?

Wer in Berlin wohnt, weiß, dass eine Großstadt nix ist ohne ihre Baustellen, ihre Projekte, ihre Wunden. Im eigenen Leben würde ich gerne auf solche „construction sites“, wie es im Englischen heißt, verzichten. Zumal sie – zumindest scheint es – im Laufe der Jahre häufiger werden. Baustellen fordern Umwege, Improvisation. Sie bringen Lärm, Matsch, Unordnung. […]

Was ist mir wichtig?

Heute startet in Deutschland der Dokumentarfilm „My stuff“, in dem ein junger Finne genau diese Frage stellt. Das Experiment, das er dazu anstellt und filmt, ist so simpel wie radikal: Er räumt seine gesamte Wohnung aus, lagert alles ein und erlaubt sich vom ersten Drehtag an je nur einen Gegenstand alle 24 Stunden aus dem […]