„Keinen Widerspruchsgeist hegen…“

„… denn er ist dumm und widerlich; man rufe seine ganze Klugheit dagegen auf.“

So lese ich im „Handorakel“ von Balthasar Grazián, einem Buch, das schon über 450 Jahre alt ist. Wenn ich ehrlich bin, halte ich mich daran gerade auch ein bisschen fest. Denn egal, wo ich unterwegs bin, worüber ich nachdenke, ich bin eine schlichte Haut, mit einem, wie mir scheint, schlichten Denkorgan (und sei das jetzt das Hirn oder der Darm). Ich nehme vieles so, wie es gesagt wird – Und denke oft später: Wie blöd kann man eigentlich sein?

„Wohl zeugt es bisweilen von Scharfsinn, dass man bei allem Schwierigkeiten entdeckt; allein der Eigensinn hierbei entgeht nicht dem Vorwurf des Unverstandes. Solche Leute machen aus der sanften, angenehmen Unterhaltung einen kleinen Krieg und sind so mehr die Feinde ihrer Vertrauten als derer, die nicht mit ihnen umgehn.“ 

Dabei geht es oft nicht nur um „sanfte, angenehme Unterhaltungen“, sondern – im privaten oder auch im öffentlichen Kreis – um politische, gesellschaftliche Fragen und der Suche nach dringenden Lösungen. Aber statt nach Möglichkeiten zu suchen, wie Verfahrenes wieder auf die Spur gebracht werden kann, wird lieber abgelehnt, weil zu viele Gräten im an sich guten Stück sind. Man verkämpft sich schnell, baut Gegensätze auf, die Gespräche werden hitzig, ein Ergebnis bleibt hinterm Berg. Auch gleich zu wissen, dass etwas nichts werden wird, zähle ich zum „Widerspruchsgeist“. Denn meine Erfahrung ist, selbst heikle oder unausgegorene Lösungen können erstaunlich gut funktionieren. Weil es manchmal darauf ankommt, überhaupt einen Schritt zu machen.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Roald Ristvedt 6. Dezember 2019

    „Ich bin dagegen – worum geht’s?“ Leider viel zu oft die erste Reaktion. Gepaart mit grassierender Diskursunfähigkeit. Es scheint kaum noch möglich, eine anderslautende Meinung einfach nur mal zur Kenntnis zu nehmen. Ich bewundere dann öfter mal den angelsächsischen Raum, wo ein „we agree to disagree“ völlig normal ist. Dieser Absolutheitsanspruch, die eigene Sichtweise auf Biegen und Brechen durchbringen zu wollen ist im besten Falle ermüdend, auf Dauer jedoch sehr demotivierend.

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