Handwerkliche Fähigkeiten

Im Zusammenhang mit der neuerlichen Pisa-Studie habe ich gelesen, dass Jugendliche nicht mehr nur nicht gerne lesen, sondern es auch nicht mehr besonders gut können. Der Befund: ein großer Teil der Schüler/innen bleiben, was ihre Lesefähigkeit angeht, auf dem Niveau von Grundschüler/innen.

Hm. Bevor ich mich aufregen wollte, dachte ich erst mal, ob man die Sache auch umdrehen kann: Gibt es neue Fähigkeiten, statt des Lesens? Mir scheinen zum Beispiel die visuellen Fähigkeiten junger Menschen enorm. Sie sehen alles viel schneller, genauer, möglicherweise auch räumlicher, vieldimensionaler. Ich stelle mir das so vor, wie bei analphabetisierten Nomaden, die Landschaften auf der Erde und am Himmel scannen und begreifen, die mit riesigen Gedächtniskapazitäten gesegnet (oder besser: alles schön trainiert), und damit perfekt auf das Leben im Jetzt (oder auf Präsenz) fokussiert sind.

Lesen ist ja tatsächlich ein weitgehendes Verschwinden aus dem aktuellen Moment. Und dieser Umstand wird für mein Verständnis viel zu wenig beachtet, wenn auf die vorgebliche „Faulheit“ von heutigen Schüler/innen geschimpft wird.

Aber dann eben doch. Lesen ist ein Handwerk. Und wir ahnen mittlerweile, was der Verlust von handwerklichen Fähigkeiten bedeutet. Vor zwanzig Jahren noch galten Menschen, die solche verloren gegangenen Kenntnisse bewahrten als schrullige Nostalgiker, während wir heute, bei der Suche nach nachhaltigen Techniken, hier und da nur noch einen Totalverlust diagnostizieren können.

Und ja: Wer seinen Namen schreiben und Tweeds lesen kann, ist sicher kein/e Analphabet/in. Aber lesen im herkömmlichen Sinn bedeutet mehr. Eine mehrseitige Studie zu lesen, vielleicht einen längeren Artikel, ganz bestimmt: ein Buch. Ich habe erst sehr spät begriffen, dass meine Eltern das nicht konnten. Und ich habe noch später kapiert, dass erst die Geduld des Lesens die Fähigkeit trainiert, langsam Gedanken zu entfalten. Wir müssen aufpassen: Unsere digitalisierte Welt suggeriert (wahrscheinlich nicht mal absichtlich) schnelle Lösungen. Die aber beweisen sich in der Realität meist als trügerisch. In diesem Sinne: Warning!

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

    • Stephanie Jaeckel 6. Dezember 2019

      Ja, genau: Lesen ist nicht nur buchstabieren, sondern verstehen. Wobei ich komischerweise auch das Lesen ohne etwas zu verstehen als Leistung (vielleicht noch größere) einschätze: Indem ich meine Grenzen bemerke, oder sehe, dass andere Menschen Gedanken haben oder Erlebnisse, die ich mir nicht mal vorstellen kann, entwickele ich einen Sinn für die Mannigfaltigkeit von Welt. Hier ist dann vor allem Geduld gefragt, eine große Voraussetzung für handwerkliches Tun…

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