Likes als Währung

„Qualität spielt keine Rolle mehr. Warum sonst bekommt ein Foto von einer Giraffe, die ein Blatt frisst, vier Millionen Likes?“

So war es neulich in einem Spiegel-Online-Interview mit dem Fotografen Albert Watson zu lesen. Watson ist seit den 1970er Jahren im Geschäft, hat eine klassische Karriere mit Mode- und Porträtfotos hingelegt, um – wie viele seiner Kolleg/innen – von Instagram überrollt zu werden. Er ist dabei nicht weinerlich, nicht mal überrascht, die „15 minutes of fame“, die Andy Warhol vor Jahrzehnten prognostiziert hat, standen ihm stets vor Augen. Er spricht sehr hellsichtig die heutige Situation an, mit der auch Blogger/innen konfrontiert sind: Qualität macht keine Likes, sondern Popularität – ganz egal, ob einem das jetzt nun passt oder nicht. Um Watson noch einmal zu zitieren:

„Ich kann eines meiner – wie ich finde – guten Fotos auf Instagram hochladen und bekomme dafür vielleicht 1000 Likes. (…) Eine der neuen Stars auf dieser Bühne ist Gigi Hamid. Ich konnte kaum glauben, dass sie mehr als 50 Millionen Follower auf Instagram hat. Wenn sie ein Selfie mit einer Tasse Kaffe postet, schreiben ihr eine Millionen Leute…“

Aber, Vorsicht! Auch wenn hier ein renommierter Fotograf schreibt: Weniger Likes bedeuten umgekehrt keineswegs automatisch Qualität…

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. Sybille Lengauer 3. Dezember 2019

    Es ist erstaunlich, wie Biedermeierlangweilig viele dieser Mega-Accounts sind. Geleckte Bilder, die ein klebriges Bedürfnis nach Ordnung und prüder Heimeligkeit vermitteln. Das sollte nicht mit Kunst verwechselt werden, egal wie viele Likes.

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  2. flowerywallpaper 4. Dezember 2019

    Der „Like“ Button kann für mich einerseits als Bedeutung der Qualitätsbestätigung des Betrachters gesehen werden, aber auch als Wertschätzung des Bloggers für seinen Beitrag, um zu zeigen, ich war da. Interessant finde ich, wenn ich die Statistik meine Blogs ansehe und feststelle, Besucher haben einen Beitrag stark besucht und geliked den ich selbst nicht die Bedeutung zugeordnet habe. Dann gibt es auch das Umgekehrte. Ich bin ganz glücklich einen bestimmten Beitrag in den Blog gestellt zu haben und er verzeichnet sehr wenig Interesse von anderen Bloggern. Im Grunde betreibe ich den Blog als „schönes“ Tagebuch für mich selbst. Gute Fotos, eine gute Geschichte mit vielen zu teilen. Das ist für mich Blog.Warum sollen sich andere nicht in ihrem Empfinden äußern können? Deshalb bin ich für den Button.

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    • Stephanie Jaeckel 6. Dezember 2019

      Klar, man selbst kann „Likes“ als Gradmesser für Themen, die man anspricht, lesen, als positives oder manchmal auch enttäuschendes Feedback verstehen. Aber es ist eben oft doch sehr ernüchternd, wie Beträge mit schwierigen Themen, über die man nachgedacht hat, links liegen gelassen werden, während woanders der tolle Tag im Freizeitpark unter Likes geradezu verschwindet. Was Du schreibst: Da ist unbedingt Wertschätzung drin. Und der tolle Tag mag von einem tollen Menschen gepostet worden sein. Es geht hier auch weniger um Neid, auch wenn das wohl vor der Hand so aussieht. Es ist schlicht die Erkenntnis, dass Qualität längst nicht alles ist.

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