Alltag als zweite Haut

Dank Ulli habe ich – und viele andere – ein Jahr lang jedes erste Wochenende im Monat über den Alltag nachgedacht und geschrieben. In den meisten Beiträgen hat sich gezeigt, dass Grau möglicherweise gar nicht „die“ Farbe des Alltags ist, sondern „Bunt“. Zugegeben, nicht immer „bunt, strahlend“. Aber Alltage, so routiniert und monoton sie auch sein können, bekommen mit offenen Ohren und Augen mehr Farbtupfer als weitgehend vermutet. Wenn – und diese Einschränkung muss uns bewusst sein, wenn unsere Existenz halbwegs gesichert ist. Denn das ist klar: Menschen in prekären Situationen (dazu zähle ich auch schwere Krankheiten), haben keinen Alltag.

„Mikro-Urlaube“, so betitelte neulich eine Zeitung das Phänomen, mit dem ich mich seit Jahren beschäftige: Die „kleinen Freuden des Alltags“. Denn, und das ist eines der Themen meines Blogs: halb-prekäre Existenzen, wie ich eine führe, müssen sich vom Standard eines „normalen“ Lebens verabschieden: regelmäßig in Urlaub fahren ist nicht. Am Wochenende Kino, Konzert, Restaurant auch nicht. Kein eigenes Haus, kein eigenes Auto, kein Abo im Tanzkurs, und was nicht alles. Ich denke immer wieder darüber nach, ob ich in so einer Situation mehr fordern sollte, oder ob es besser, „richtiger“ ist, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Die Antwort habe ich bis heute noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht.

Vielleicht, so habe ich neulich bei dem Besuch bei meinem Vater gedacht, vielleicht ist altern – vor allem wenn es dann über die 90 weitergeht – ein langsamer Verlust des Alltags. Und insofern das, was so schwierig ist vor dem Sterben. Der Alltag ist demnach Leben. Und das sollten wir feiern. An jedem Tag, den wir auf der Welt sind.

Hier der Link zu Ulli: https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/10/04/alltag-12-2019/

 

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Ulli 6. Oktober 2019

    leider ist mein Kommentar gerade im Nirgendwo gelandet, also nochmal:
    Liebe Stephanie, ich danke dir, dass du von Anfang bis Ende bei meinem projekt dabei gewesen bist und dieses mit deinen Beiträgen bereichert hast.
    Spannend finde ich wieder einmal, dass ich hier Gedanken finde, die ich gerade für meinen 13. Beitrag vorformuliert habe.
    Nun aber werde ich noch darüber sinnieren, ob altern heisst den Alltag zu verlieren …
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Alltag 13 2019 – Finale |

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