Die Eleganz des Kochens

Glaubt man den Prognosen der Haushaltstechnikbranche, haben wir demnächst nicht mehr viel zu tun in unseren Küchen. Oder wahrscheinlich wird es bald überhaupt keine Küchen mehr geben. Um Platz zu sparen, verschwinden die Kochgelegenheiten vermutlich bald im Wohnzimmer, wo sie so unauffällig wie möglich eingepasst werden. Heute gibt es schon Herde, die – ausgeschaltet – nicht mehr vom übrigen Sideboard zu unterscheiden sind (außer, dass der Hersteller noch irgendwo gut sichtbar sein Firmenlogo anbringt).

Kochen ist da kaum noch möglich. Und hier stehen mir vor Schreck die Nackenhaare hoch. Weil ich befürchte, dass einmal mehr eine Kulturtechnik zur Disposition steht. Statt die Schönheit des Könnens vor Augen zu haben, geht es den Haushaltstechnik-fortschrittler/innen darum, uns Arbeit zu ersparen. Natürlich ist tägliches Kochen Arbeit, und damit oft genug frustrierend und endlos. Aber was um Himmels willen habe ich davon, wenn mein Ofen weiß, wie ich mein Hühnchen gebacken haben will und mir das zuverlässig, und wenn es sein muss, jeden Abend, haargenau gleich brät? Kochen ist doch nicht nur sein Ergebnis. Kein zu optimierender Prozess, der keine Pannen – und damit keine Überraschungen – mehr kennt. Der kein Fingerspitzengefühl mehr verlangt, oder Geheimtricks. Nur noch liefert. Wenn möglich, auf höchstem Niveau. Ja, ich weiß, das klingt defensiv und pessimistisch. Und ich gehöre durchaus zu denjenigen, die vom technischen Fortschritt profitieren. Ohne Computer hätte ich nie herausgefunden, dass ich gerne schreibe. Mit der Hand war ich immer zu langsam. Meine Handschrift habe ich gerne an den Nagel gehängt, und auch hier handelt es sich um eine Kulturtechnik. Also sollte ich daran denken, dass alle Menschen, die nicht gerne kochen, heilfroh über das gut gebackene Hühnchen sein werden. Trotzdem habe ich das dumme Gefühl, dass wir hier einem Denkfehler auf den Leim gehen. Wenn wir den Prozess für ein perfektes Ergebnis opfern, damit vermeintlich Zeit und Energie sparen, sparen wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei. Oder übersehe ich da was?

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

    • Stephanie Jaeckel 8. September 2019

      Ich habe gestern einen Beitrag von der IFA gehört, die gerade in Berlin läuft. Das mit dem Verschwinden der Küchen ist ein Trend, der noch in der Zukunft liegt. Schauen wir aber Wohnungen in New York, in San Francisco oder Tokio an, ist er dort längst Realität. Die große Protzküche gibt es nicht mehr. Tatsächlich haben viele Appartements, und längst nicht nur die der Armen, keine Küche. Hier in Berlin sehe ich das gelegentlich auch schon: Superteure Wohnungen auf so genannten „Filetstücken“ sparen sich eine extra Küche, gekocht wird im Wohnraum. Auch teure Küchenmaschinen werden in Zukunft wegen Klimaschutz etc. wieder kleiner. Dafür zieht eben KI ein. Irgendwo muss das Geld ja hin…, naja, zumindest der Fortschritt. In die Richtung ging meine Überlegung. Ob Hobbyköche wirklich kochen, wäre eine zweite Überlegung. – haha, nur ein Scherz!

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      • frauhemingistunterwegs 8. September 2019

        Meine Lieblingsgeschichte zum Kochen in New York stammt von einer echten New Yorkerin, die schon lange in Deutschland lebt. Deren Freundin präsentierte ihre neue Küche, in der sie nie kocht. Was sie mit diesem riesigen Backofen mache, wollte meine Bekannte wissen. Das sei ganz einfach, hatte die Frau gesagt und die Klappe geöffnet: „Ich bewahre darin meine Pelzmäntel auf.“ 😊

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    • Stephanie Jaeckel 8. September 2019

      Ja, das mit dem Kaffee machen einige bei uns im Büro auch. Wir haben zwei Kaffeemaschinen, zwei Espressomaschinen, eine „Durchdrück-Kaffeekanne“ und – für Schnelle – Kaffeepulver in mehreren Variationen. Aber die gehen raus und kommen mit einem Pappbecher Kaffee wieder. Ich kenne persönlich auch nicht so wahnsinnig viele Leute, von denen ich weiß, dass sie kochen können (kriegt man ja erst raus, wenn man ein paarmal was Selbstzubereitetes gegessen hat). Und es liegt weiß Gott auch nicht immer daran, dass sie nicht interessiert oder unfähig sind. Hohe Einkommen bedeuten meist doch ein hohes Arbeitsaufkommen – oder zumindest eine lange Abwesenheit von der heimischen Küche. Sehr niedrige Einkommen: dito.

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