Shoppen ist mehr als Konsum

Mir stößt die Sache schon länger auf. Ich gehe gerne shoppen. Für mich, gerade nach der Arbeit oder bei schlechtem Wetter ein Spaziergang, der nicht immer an der Kasse endet. Ich kann völlig den Kopf ausschalten und mich im Betrachten von Materialien verlieren, in der Machart von Gegenständen, ihrer Wirkung, beim Anprobieren von Kleidern oder Schuhen, beim Vergleichen, oder Fantasieren, für was ich dies oder jenes verwenden könnte. Shoppen ist ein langes Gespräch mit mir selbst. Ein Ausprobieren von Dingen, die mir gefallen könnten. Die als mein Besitz meine zweite Haut, mein Schutz, mein Komfort, meine Unterhaltung oder meine Diener in vielerlei praktischer Hinsicht werden. Die ich fortan immer wiederkenne. Die damit einzigartig werden, auch wenn im Regal noch 10 davon gestanden haben. Wenn ich mit einer Freundin oder mit einem Freund unterwegs bin, kann es noch spannender werden. Weil wir unsere Funde miteinander vergleichen. Und so eine Menge voneinander erfahren: Vorlieben, Abneigungen, Kenntnisse, Sehnsüchte. Aber es scheint, als dürfe ich dieses Vergnügen nicht genauso unbefangen zum Besten geben wie ins Kino gehen, ins Konzert oder zum Sport. Shoppen ist was fürs Massenpublikum, billiger Rausch, nichts fürs Herz, die Seele und schon gar nicht für den Verstand. Na gut, dachte ich bis jetzt. Dann habe ich eben auch ein guilty pleasure, und gut ist!

Aber da naht vielleicht Rettung in Form eines Buches. Literaturprofessor Moritz Baßler und Heinz Drügh, Dozent für Literatur und Ästhetik, haben im Bielefelder transkript-Verlag gerade einen Sammelband zum Thema „Konsumästhetik“ herausgegeben. Und hier bekommt das Shoppen einen neuen Status. Weil sich zeigt, dass Kaufen auch auswählen ist, nicht bloß Geld ausgeben. Und weil – was wir natürlich alle schon wussten – auch Kunst längst käuflich ist. Was dort (also auf dem Kunstmarkt) ein ästhetisches Urteil ist, kann hier (in der Shopping-Mall) nicht einfach nur Nichts sein. So zumindest verstehe ich die Einleitung, die Baßler und Drügh ihrem Buch voranstellen. Heute will ich fürs Erste nur auf den Titel hinweisen. Mir scheinen hier werden die Weichen für eine neuen Umgang mit Konsum und mit (zeitgenössischer) Kunst gestellt. Weil wir mit unserer bisherigen Moral wahrscheinlich nicht weiterkommen, weder in Bezug auf Nachhaltigkeit und ein weniger verschwenderisches Leben, noch in der nach wie vor vernebelten Grauzone zwischen populärer und „hoher“ Kunst.

Moritz Baßler, Heinz Drügh (Hg), Konsumästhetik (Bd. 6). Umgang mit käuflichen Gegenständen, Bielefeld 2019.

Ein schönes Beispiel für unsere Mühe, Werbung und Kunst miteinander zu genießen oder voneinander zu trennen, ist dieses Schaufenster einer bekannten japanischen Modekette, das ich 2017 in San Francisco fotografiert habe. Kunst, Kitsch, Werbung oder was?

 

 

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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