Kommen lassen oder einfordern?

Als Rheinländerin bin ich mit der Lokalweisheit „et kütt wie et kütt“ großgeworden. Auf englisch heißt das so viel wie „wait and see“, und gehört zu den Lebensregeln im Allgemeinen, nach der, wer zu viel fordert oder zu viel voraussieht, nicht nur zu viel Wind macht, sondern sich möglicherweise auch umsonst verausgabt.

Aber. Natürlich kennt jede Lebensweisheit auch ihr Gegenteil. Wer nämlich nix fordert, kriegt auch nix, oder nur, wer am lautesten ruft, wird gehört. Was also tun?

Im Beruf habe ich gelernt, laut zu rufen, oder zumindest, klare Ansagen zu machen. Vor allem, wenn ich etwas nicht will. Die zuverlässige Bank zu sein, d.h. die Mitarbeiterin, die jede Arbeit ordentlich abliefert, macht einen nicht unbedingt zur beliebtesten Mitarbeiterin. Eine Lektion, die ich allerdings nur mit Mühe begreife. Hier gilt es, sich die Perlen rauszusuchen. Denn nur, wenn meine Name mit Erfolg verbunden ist, strahle ich. Dagegen kommt kein noch so in letzter Minute noch gerettetes Projekt gegen an.

Privat – oder, um es zu präzisieren, in der Liebe – ist es oft anders. Je mehr ich etwas einfordere, desto eher bekomme ich es nicht. Ich habe mir schon überlegt, ob das Maß meiner Enttäuschung auch das Maß meiner falschen (weil zu hohen) Erwartung ist. Aber ich bin mir nicht sicher. Tatsächlich werde ich wahrscheinlich bei weniger Forderungen als stärker wahrgenommen, nicht unbedingt als „pflegeleichter“ wie ich befürchte, wenn ich diese selbstbewussten Zicken vor Augen habe, die von ihren Männern alles bekommen, nach dem sie im genervten Nörgelton verlangen.

Gut. Beruf und Liebesleben sind zwei verschiedene Welten. Dennoch finde ich es in beiden schwierig, das richtige Maß zu finden: Wo bestehe ich auf etwa, wo gebe ich nach oder verkneife mir sogar jede Forderung? Wie still wird noch als kompetent wahrgenommen, wie laut muss ich brüllen, um nicht vergessen oder unterschätzt zu werden? Einmal mehr ein schwieriger Drahtseilakt, und einmal mehr die Erkenntnis, dass eine Antwort alleine wohl nicht genügt. Und jeder Fall seine eigene Antwort fordert.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. alicemakeachoice 3. September 2019

    Das kommt mir sehr bekannt vor. Besonders, dass gegenüber dem Partner geäußerte Wünsche nicht erfüllt werden. Mund aufmachen, hat mir mal jemand geraten, da ich vorher immer hoffte, er würde schon ahnen, was ich brauche.
    Allerdings brachte mich das auch nicht weiter. Ich merke nur, dass es mich ärgert, wenn wünsche so nachhaltig ignoriert werden. Und auch ich schaue nach den Zicken, die alles ohne Probleme bekommen, wofür ich kämpfen muss.
    es hat – zumindest bei mir – mit meinem Selbstbild als Frau zu tun. Ich war immer mehr in Männerdomänen zu Hause, fühlte mich da sicher. Unter Frauen fühle ich mich eher deplatziert, kann manchem nicht wirklich folgen. nicht Fisch, nicht Fleisch. Die Arbeit daran ist ganz ordentlich anstrengend.
    Liebe Grüße
    Alice

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    • Stephanie Jaeckel 4. September 2019

      Ja, haha, das sind wahrscheinlich zwei Paar Schuhe. Natürlich kann ein Gegenüber nicht in meinen Kopf schauen, egal wie lange wir uns schon kennen (gilt auch für Freundinnen oder Kolleg/innen). Also, ansagen, was ist. Aber hier geht es erst mal – denke ich zumindest – um“alltägliche“ Dinge, um das Miteinander. Diese Erwartungen, an die ich im Text dachte, sind heikler, denn hier möchte ich eher einen Liebesbeweis, oder ein Zeichen zumindest. Das einzufordern, so zumindest meine Erfahrung – endet fast immer schlecht. Und ich muss mich jedes Mal wieder fragen: Warum bestehe ich auf solche Zeichen, wenn ich doch genau weiß, was oder wie es ist? – Als Kind habe ich viel mit Jungs gespielt. Auf dem Mädchengymnasium war damit Schluss. Und es ewig gedauert, bis ich wieder männliche Freunde hatte. Heute hält sich das so die Waage. Ich würde nicht sagen, dass Männer oder Frauen die besseren Freunde sind. Sie sind unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Vielleicht kann ich Dir Mut machen, es mal mit Freundinnen zu versuchen. Nicht, weil ich denke, dass Dir etwas fehlt. Einfach so, weil es schön sein kann…

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