„Ihm fällt immer noch etwas ein, womit ich nicht rechne“ – Sieglinde Geisel im Gespräch mit Peter Bichsel

Ein Interview zwischen zwei Buchdeckel zu packen, ist ein Wagnis: Gibt der oder die Interviewte genug her – genug überraschende Momente oder Einsichten, genug Blick über den eigenen Tellerrand? Und was ist mit dem Gegenüber? Sind die Fragen spannend, der Blick klar? Kommt es zu einem Gespräch oder bleibt es bei einem bloßen Abfragen und damit Abhaken von biografischen Details?

Der im letzten Jahr neu gegründete Kampa-Verlag in Zürich traut sich gleich an eine ganze Reihe von Interview-Bänden, die unter dem Titel „Kampa-Salon“ erscheinen: zehn Bände gibt es bereits. Für einen davon hat sich die Journalistin Sieglinde Geisel mit ihrem Landsmann, dem Schriftsteller Peter Bichsel getroffen. Gleich mehrere Gespräche führten die beiden in Solothurn, Bichsels Heimatstadt. Herausgekommen ist ein intellektuelles Vermächtnis des 83jährigen Autors – und ganz nebenbei eine Art „Gebrauchsanweisung“ für die Schweiz, die in Deutschland als Reise- und Auswanderungsland hoch im Kurs steht, aber gesellschaftlich und politisch meist als so fern wie hinter den sieben Bergen wahrgenommen wird. Darauf angesprochen, antwortet Sieglinde Geisel, mit der ich mich meinerseits zum Interview getroffen habe:

S.G.: Peter Bichsel ist ein politischer Mensch. Man kann mit ihm kein unpolitisches Buch machen. Er ist Schweizer durch und durch – und er ist sich dessen bewusst, wenn er sagt, „Ich habe meine Heimat dort, wo ich meinen Ärger habe“. Er ist dennoch gerne Schweizer, und äußert sich wohlwollend, wo andere lieber schimpfen. Das Schweizerische im Konjunktiv reden, treibt mich zum Beispiel in den Wahnsinn. In Berlin kann ich sagen, was ich denke, und ich weiß auch, was mein Gegenüber denkt. In der Schweiz bleibt es oft eher im Ungefähren und gerade da sagt Bichsel, das ist eben das Literarische an der Schweiz. Für ihn geht es beim Konjunktiv auch um das Erfinden, das Dichten, das „Was wäre wenn“ – den Satz den wir schließlich als Titel für das Buch gewählt haben.

Klunker:Wie hast du dich auf dieses lange Interview vorbereitet? Hattest du einen Plan, ein Drehbuch sozusagen?

S.G.: Ich habe erst mal alle seine Texte gelesen. Ich bin seit 1988 raus aus der Schweiz und kannte vor allem die Zeitungskolumnen nicht mehr, die er damals regelmäßig geschrieben hat. Mir fiel sofort auf, wie aktuell das ist, dass seine Texte aus den 1980er, ja selbst manches aus den 1960er Jahren heute noch Geltung hat. Das hat mich interessiert. Ich habe mir natürlich Fragen notiert, aber dann hat er mich bei unserem ersten Gespräch in einer Solothurner Kneipe gleich selbst mit einer Frage überrascht, ob ich wisse, dass er einmal fromm gewesen sei. Damit waren wir gleich mittendrin im Gespräch, ohne Small-Talk. Ich habe nicht einmal mein Aufnahmegerät aus der Tasche genommen, sondern nur mitgeschrieben. Dieses erste Gespräch haben wir übrigens auf Schweizerdeutsch geführt. Das heißt, ich musste es später ins Hochdeutsche übertragen. Bei den anderen Interviews haben wir dann auf Peters Wunsch hin Hochdeutsch gesprochen, er meinte, er könne in dieser – für die Schweizer – „Kunstsprache“ präziser formulieren. Das würde ich allerdings nicht so sagen, Bichsel formuliert auch auf Schweizerdeutsch messerscharf.

Peter Bichsel, Jahrgang 1935, ist als Autor vor allem für seine Kurzgeschichten und Kolumnen bekannt. Er arbeitet zunächst als Lehrer, der nebenher schreibt. Zwischen 1974 und 1981 ist er Redenschreiber für den Bundesrat Willi Ritschard der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der auch Bichsel angehört. Erste Texte von Bichsel erscheinen 1960 in Zeitungen und als Privatdruck. Er ist Teil der Gruppe 47, veröffentlicht ab 1968 regelmäßig Kolumnen, Kurzgeschichten und gelegentlich auch Hörspiele. Er ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

Klunker: Mir drängt sich die Frage auf, wie ein derart langes und intensiv geführtes Interview auf dich gewirkt hat. Oder anders formuliert: Gibt es etwas, was du aus den Gesprächen für dich persönlich mitgenommen hast?

S.G.: Oh ja. Peter Bichsel nimmt sich Zeit für die Antworten. Ich frage und dann denkt er erst einmal nach, bevor er etwas sagt. Daran musste ich mich gewöhnen. Aber das habe ich extrem schätzen gelernt. Peter sagt nie das Gleiche. Natürlich werden Bichsel-Leser in diesem Buch vieles schon kennen. Er erfindet sich ja nicht einfach neu, aber oft ist es anders formuliert und damit auch anders gedacht. Bichsel ist ein sehr lebendiger Geist. Vieles was er sagt, ist ein Denken in Paradoxa. Manchmal habe ich ihn richtig gequält, ich wollte ihn auf Definitionen bringen. Aber er denkt nicht in Definitionen. Nicht alles hat sein Gegenteil, so formuliert er das und damit hat er mich – ohne dass er das ausdrücklich meinte – auf eine Limitierung meines eigenen Denkens aufmerksam gemacht. Das war für mich eine echte Selbsterkenntnis, dass ich vieles ordnen möchte, dass das aber eine Limitierung ist.

Klunker: Meine letzte Frage bezieht sich auf Dein Vorwort. Du schreibst dort ausdrücklich, dass Peter Bichsel ein Autor ist, der keinen Roman geschrieben hat. Das habe ich nicht ganz verstanden. Ist die Gattung Roman der eigentliche Ausweis für einen Autor oder eine Autorin?

S.G.: Nein, das gehört eindeutig in die Lektionen zur Schweiz, wenn du so willst. Es gibt bei uns den Topos, dass Schweizer Autoren keine umfangreichen Romane schreiben. Selbst ein so produktiver Romanschreiber wie Peter Stamm schreibt eher kurze Romane. Wir haben halt keinen Dostojewski oder Tolstoi. Natürlich ist das auch augenzwinkernd gemeint. Peter Bichsel sagt dazu im Buch einige interessante Sachen, das hat auch mit dem Dialekt zu tun. Da wir Schweizer in einer „Kunstsprache“ schreiben, müssen wir jeden Satz bewusst formulieren. Das ist eine Arbeit, die man nicht unbedingt 400 Seiten lang durchhält.

PETER BICHSEL Was wäre, wenn? Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel, 224 Seiten | € (D) 22,– | CHF 30,– | Auch als E-Booklieferbar

Das Foto stammt von Sven B. Schnyder

Filed under: Rezension

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

Schreibe eine Antwort zu quersatzein Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s