Überm Tellerrand

Aus gegebenem Anlass habe ich eben eine alte arte-Dokumentation über die Arbeit im Haus Chanel angesehen. Alt heißt, von 2004. Gezeigt wird die Entstehung einer neuen Karl Lagerfeld-Kollektion, vom ersten Entwurf bis hin zur Präsentation auf dem Laufsteg.

Während ich den Film sehe, begreife ich zum ersten Mal im meinem Leben, was es heißt, etwas zu nähen. Mein lieber Scholli! Und dann sagt der Schuster (natürlich muss es zu den sensationellen Kleidern auch Schuhe geben), alles was er wisse, habe er von seinem Vater gelernt: Handwerk sei eine mündliche Kunst, da werde nichts aufgeschrieben. Je länger der Film (insgesamt waren es vier Folgen) dauerte, desto dünner wurde ich vor Ehrfurcht. Erst recht, nachdem die Näherinnen ganze Kleider wieder und wieder nähen mussten, weil die Farbe des Stoffs nicht genau stimmte oder eine Falte lag, wo sie nicht sein sollte. Wenn ich je noch einmal laut aufschreie, weil ich etwas noch einmal schreiben muss, werde ich ganz still an diese unglaublichen Näherinnen denken, und noch einmal von vorne anfangen. In diesem Film habe ich gesehen, was es bedeutet viel und präzise auf Termin zu arbeiten. Ich habe begriffen, dass das zum Handwerk dazugehört. Ja, das Handwerk vielleicht erst ausmacht. Zu denken, man habe einen Fehler gemacht, wenn man noch einmal von vorne anfängt, kommt aus der Ahnungslosigkeit. Nur die unbedingte Bereitschaft, einen ersten Anlauf besser zu machen, führt zu einer besonderen Leistung. Auch beim Schreiben. Auch heute noch. Auch an meinem Schreibtisch.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. wattundmeer 22. Februar 2019

    Das sind sehr interessante Gedanken. Ich hatte gerade die Docu über das Bauhaus gesehen und ganz ähnlich empfunden. Mit wie viel Zeit, Liebe und Detailbesessenheit in jener Zeit entworfen wurde. Und es ging nur zweitrangig um Geld, es ging viel mehr darum, etwas Großartiges zu schaffen. Und ich habe mich gefragt, ist so etwas in der heutigen Arbeitswelt überhaupt noch möglich?

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    • Stephanie Jaeckel 22. Februar 2019

      Ja, natürlich ist das noch möglich. Es gibt die gut gemachten Sachen ja immer noch. Und ich denke, fast immer sieht man es diesen Sachen auch an (können natürlich auch Hörspiele sein, oder anderes „Nicht-Greifbare“). Wir haben verlernt, präzise zu sein, weil uns eingebleut wird, Cleverness sei das Gebot der Stunde. Klar, wenn ich sehe, wie wenig Geld ich für einen einstündigen Audiotext bekomme, bleibt mir die Präzision schon mal im Hals stecken. Die Näherinnen bei Chanel waren und sind sicher gut (und damit angemessen) bezahlt. Aber hier geht es um eine Haltung. Und die habe ich auch verlernt. Schnell, schnell arbeiten und dann möglichst viel Freizeit. So funktioniert das nicht. Und die Frage ist doch tatsächlich, ob sich die Leute, die ihren Job mit Liebe machen, sich immer nur selbst ausbeuten.

      Gefällt 3 Personen

  2. Jo Wolf 22. Februar 2019

    Diese Haltung entdecke ich erst wieder. Im meinen Jobs war sie nicht gefragt… oder zu unmöglichen, kaputtmachenden Bedingungen.
    Von meinem Vater habe ich sie noch vorgelebt bekommen, auf seine Art. Das konnte entnervend sein, wenn man diesem Perfektionsdrang ausgesetzt war. Auf der anderen Seite habe ich was mit auf den Weg gekommen. Und oft ist es ja schon wertvoll genug, darauf irgendwann zurückgreifen zu können, selbst wenn man lange Zeit nicht getan hat. Ich denke, etwas vergleichbares tragen die meisten von uns in sich. Im Beruf oder anderen Lebensbereichen mag das oft untergehen oder einfach nicht gefragt sein. Aber jeder hat ja die Wahl, sich zu entscheiden, wie man damit umgeht. Sei es, dass man diese Haltung trotzdem in den beruflichen Alltag trägt, obwohl sie vielleicht nicht honoriert wird… oder sich halt seine eigene Nische im privatem zu suchen. Auch dort kann man etwas erschaffen.
    Ich habe z.B. in letzter Zeit meine Texte durchgesehen und festgestellt, dass ich ganz viel nacharbeiten muss, weil ich mit vielem sehr unzufrieden bin. Nicht weil sie alle schlecht wären. Aber weil dass, was ich eigentlich damit will, noch nicht umgesetzt ist. Daran den Spaß und damit auch die Ausdauer wieder zu entwickeln, ist entscheidend, denke ich. (Und natürlich den Blick dafür.)

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