Etwas nicht können

Ich gehöre zu den Autor/innen, die ihre eigenen Text nicht (vor)lesen können. Was nicht weiter schlimm ist, weil ich weder Gedichte noch Bücher schreibe, und deshalb auch kaum darum gebeten werde. Dennoch stört es mich. Warum kann ich das nicht? Und warum kann ich auch andere auf Papier gedruckte – noch so schöne – Geschichten nicht laut lesen?

Die Frage ist falsch. Denn wahrscheinlich werde ich das nicht herausfinden. Wichtiger ist, dass es mich stört und gleichzeitig motiviert, es noch einmal zu probieren. Vor Jahren hatte ich schon mal Unterricht, den ich aber irgendwann aufgab, weil ich nicht weiterkam. Auf dem Papier vor mir standen Sätze. Ich konnte sie sehen, lesen, aber weder verstehen noch sprechen. Sie landeten in meinem Kopf, blieben fremd und fanden den Weg nicht mehr hinaus. Die Erkenntnis war extrem deprimierend. Dennoch denke ich im Nachhinein, dass es richtig war, die Sache erst mal ruhen zu lassen.

Heute hatte ich meine zweite Unterrichtsstunde. Übrigens bei dem Lehrer von damals. Ein wie mir scheint wichtiger Punkt, denn Ort und Methode sind dieselben, aber ich merke schon jetzt, dass ich auf eine Art anders darauf reagiere. Das heißt, die Veränderung liegt nicht in einer anderen Situation, sondern tatsächlich bei mir. Nein, kein Wunder! Ich kann immer noch nicht lesen. Aber eine Sache hat sich geändert: Ich kann die Sätze auf dem Papier sehen, und ich verstehe sie auch unter dem – offensichtlich großen – Druck, sie laut vorlesen zu wollen. Die Sätze werden auf dem Papier zu einer Landschaft, der ich zwar nicht beikomme, aber ich nehme sie wahr. Und sie machen mir Spass. Es ist wie beim Rollschuhfahren-Lernen. Ich falle bei fast jedem Schritt auf die Nase, lache dabei aber, weil mir das Vergnügen bereitet.

Und gleich noch etwas passiert: Ich lerne mich beim Probieren und Lernen noch einmal neu kennen. Schließlich bin ich älter geworden. Und eben nicht mehr die von vor 10 Jahren. Mal sehen, wie weit ich komme. Aber allein für das Vergnügen während dieser und der letzten Stunde hätte es sich schon gelohnt.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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