Bestandsaufnahme

Ich erinnere mich: Jedes Jahr im Januar verschwand meine Mutter zwei ganze Tage im Betrieb (sie arbeitete ansonsten halbtags) zur Inventur. Als Kind klang das Wort für mich sehr abgehoben, als etwas, was nur berufstätige Erwachsene taten. Und jetzt, wo ich mich erinnere, merke ich, dass das Wort einen Beiklang hat, den ich nur als Januargefühl beschreiben kann. Und so empfinde ich es – mittlerweile selbst berufstätige Erwachsene – auch: Sehen was ist, und sehen, was dieses Jahr noch soll: Inventur halt.

Für meine Reise stehen die meisten „To-Do’s“ an. Das fängt bei Kursen für englische Konversation an. Ich habe mir zwei rausgepickt und von einer Kollegin noch den Tipp bekommen, wo es kostenlose „meetups“ in der Stadt gibt. Eine zweifelhafte Überraschung gab es gleich bei der Kurssuche: Die VHS bietet mittlerweile Kurse für Ü-50jährige an – !? Ich meine, beim Sport mag ich das einsehen, aber bei Sprachen, autsch! Fahrstunden werde ich ab Mai nehmen. Ich habe mit 18 den Führerschein gemacht (ein enormer Kampf mit meinen Eltern, die das für nicht nötig erachteten), bin aber seitdem kaum bis gar nicht gefahren. Da muss ich also noch mal ran, bevor ich mich in den USA für mehrere hundert Meilen hinters Steuer setze. Eine neue Brille muss im Übrigen auch bis dahin auf meine Nase und dazu gibt es noch einen Kurs im Videoschnitt, meine Freund/innen haben mir eine kleine Kamera zum Geburtstag geschenkt, da muss (und will) ich also auch nochmal Neuland betreten.

Heikler ist jedes Jahr die Frage, wie ich mich beruflich wieder aufpoliere. Ein Vorteil des Könnens ist ja, dass man nicht jeden Tag wieder mit neuen, unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert wird. Die Aufgabe kommt, und im Kopf entwickelt sich stracks ein Plan zur ordentlichen Abwicklung. Routine halt. Aber eben: Vorsicht! So hilfreich dieses Wissen ist, so gefährlich ist es, denn nichts ist langweiliger, als regelmäßige Texte. Ein Buch, das mir meine Freundin Sigi schon vor einiger Zeit ans Herz gelegt hat, soll hier Abhilfe schaffen: Constantin Seibt, Deadline – wie man besser schreibt, 2013/14 Berlin/Zürich.

Geschrieben ist es von einem Vollblut-Journalisten für Journalist/innen. Es geht, wie man im Titel sehen kann, ums Schreiben auf Termin, aber fast alles, was ich beim Durchblättern schon quergelesen habe, gilt auch für andere Texte, seien sie für den Privatgebrauch oder für eine spätere Veröffentlichung gedacht. Ein grundsätzlicher Punkt, den ich so nicht hätte formulieren können, aber der einleuchtet, sobald man ihn liest: Nie mit Gewissheiten schreiben, sondern immer als Fragende/r. Denn nichts ist so ermüdend, als einem beim Dozieren zu folgen. Wer dagegen Fragen hat, auch bei Themen, die ihm oder ihr unter den Nägeln brennen, bleibt spannend, wahrscheinlich auch für sich selbst.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

    • Stephanie Jaeckel 19. Januar 2019

      Oh, jajaja, hier wird es sicher noch einige Klunker zur Vorfreude geben. Und also Gelegenheit geben, sich auszutauschen. Am Ende der Route 66 war ich vorletztes Jahr schon, auf dem Pier von Santa Monica. Ich habe mich einfach völlig in Kalifornien verliebt, dass ich geschworen habe, wiederzukommen. Das wird zwar nur kurze vier Tage der Fall sein, aber auch, und da bin ich sicher: nicht das letzte Mal… Ich freue mich schon auf weitere Voreinstimmungen!

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  1. de Chareli 19. Januar 2019

    Ich finde, man sollte auch den Mut haben, Gewissheiten, also Meinungen, zu schreiben, gut argumentierte am besten. Mit Fragen allein kommen wir, fürchte ich, nicht weiter. Denn die wichtigen Fragen sind schon lange da, aber oft für und von den Einzelnen noch unbeantwortet: In welcher Art Gesellschaft wollen wir leben? Wie gehen wir mit Diskriminierung, Gewalt und Nationalismus um? Welche Einschränkungen der freien Meinungsäußerung und welche Art von Kontrolle braucht es im Netz? Und schließlich: Gibt’s heute eigentlich Pizza? 🙂 Ich wünsche ein sonniges Wochenende! ☀️

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    • Stephanie Jaeckel 19. Januar 2019

      Einwand, Euer Ehren! Es geht ums Schreiben, und ums Schreiben allein. Nicht um das Leben, nicht um nötige Debatten, nicht um Politik. Gewissheit ist der Tod des Textes. Nicht des Daseins. Aber auch im Leben können Gewissheiten gefährlich werden: Wüssten wir immer, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollten, gäbe es keine Diskussionen mehr. Keine Bewegung. Sogar die Frage, ob es heute eigentlich Pizza gibt, wäre fad, wenn Muttern (oder wer auch immer in der jeweiligen Küche Regie führt), morgens gleich den Speiseplan für den Tag ausgeben würde.

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