Am Boden der Tatsachen

Gestern war ich in einem Kaufhaus. Eine aussterbende Spezies, die ich ganz gerne mag. Immer gibt es viel zu sehen, jetzt im Advent ist es aber sogar für mich von allem zu viel. Gerne flüchte ich aufs Dach, wo ich im Restaurant einen Kaffee trinke mit Blick auf einen dramatischen Abendhimmel (wie im Winter üblich, so gegen halb Vier). 

Ich möchte jetzt gar nicht über Konsum meckern. Dennoch brachte es mich zum Grübeln, dass zum Beispiel Tannenzapfen in Tüten zum Verkauf angeboten werden. Als Schmuck für den Weihnachtsbaum oder für die Verpackung von Geschenken. Echt jetzt? Tannenzapfen? Klar, die Muscheln daneben erklären das Prinzip: Wenn Du aus Zeit- oder anderen Gründen nicht an das Zeug rankommst, kaufst Du es eben. Holz wird schließlich auch in den Baumärkten zum Verfeuern im Kamin angeboten, damit die Berliner/innen nicht mit Äxten durch den Grunewald streunen und alles platt machen.

Abends kam mir im Gespräch mit einer Freundin ein ganz ähnlicher Gedanke. Immer mal wieder werde ich gefragt, ob mir als Single nicht der Partner fehle. Ich finde die Frage schwierig. Wie kann ich etwas wissen, was nicht ist. Mir fehlt nix, sage ich dann. Oder: seit ein paar Jahren geht es mir immer besser. Dennoch, bestehen manche. Ich könne es doch mal probieren. Vielleicht wäre es dann noch besser. Ich sehe die Tannenzapfen vor mir. Ehrlich: ist ein Geschenk mit Tannenzapfen schöner verpackt als ohne? Ich weiß es nicht. Nur so viel: Mein Leben steht nicht zur Optimierung bereit.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. demoiselleohnetitel 4. Dezember 2018

    Auf meinem Fensterbrett liegt ein Tannenzapfen. Er ist ein Mitbringsel aus dem letzten Urlaub, denn er lag so hübsch auf meinem Wanderweg. Meine letzte Mitbewohnerin brachte für ihr Fensterbrett einen Tannenzapfen aus dem Park mit. Er war so schön, und auch ihre Mama horte wie ich Muscheln aus dem Urlaub im Badezimmer.
    Geld würde ich dafür nicht ausgeben. Der Grunewald liegt so nah 🙂

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  2. wildgans 4. Dezember 2018

    Ein Statement, das mir sehr gefällt!
    Im Herbsturlaub auf einem Hof mitten im Wald waren auch Leute aus dem Ruhrgebiet, die im Ramschladen dort irgendwo eine Plastiktüte mit Tannenzapfen gekauft hatten. Da sah ich solches zum ersten Mal, und wunderte mich. Allerdings waren die zwei Alten gehbehindert, konnten also gar nicht in den schönen Wald außenrum, das ließ mich dann verstehen…

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  3. Tanja im Norden 4. Dezember 2018

    Bei den Tannenzapfen hast Du auf jeden Fall recht. Ich käme nicht auf den Gedanken, etwas, das so einfach zu sammeln ist -auch im Stadtpark- extra zu kaufen. Jeder muss halt wissen, wo er die eigene Grenze zieht. Um im Bild zu bleiben, wie wichtig einem die Dekoration ist und welchen Perfektionsanspruch man da hat. Ich bin da sehr einfach gestrickt und wäre irre stolz auf mich, überhaupt den Gedanken zu haben, eine Verzierung aus Tannenzapfen zu basteln, die zu suchen wäre das kleinere Problem. Bei anderem, z. B. Weihnachtsplätzchen, finde ich gekauftes einfach reizlos. Dann lieber gar nicht.
    Deinen Gedankensprung zum Beziehungsleben finde ich dann ziemlich kühn. Das sind doch nochmal andere Entscheidungen.

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    • Stephanie Jaeckel 4. Dezember 2018

      Du hast Recht, der Gedankensprung war ganz schön weit und insofern hergeholt. Aber es ging mir um die Frage des Mehr oder der Optimierung. Kaufe ich zum Beispiel Tannenzapfen (oder Glaskugeln oder schöne Samtbänder), um meine Geschenke noch schöner – oder zumindest aufwändiger – zu verpacken? Oder lasse ich mich auf eine Sparvariante ein, die möglicherweise etwas mehr Arbeit macht, aber dafür weniger Müll. Im Leben fragt man vielleicht nicht direkt nach Müll – sicher nicht im Zusammenhang mit einer Partnerschaft. Aber auch hier geht es um die Frage, ob ich etwas, was so schon da ist, optimieren, größer, schöner machen will. Es ist im Grunde eben auch eine Lebensfrage für jede/n von uns: Wie gestalte ich mein Leben – und wie weit greife ich ein oder begreife dieses Leben als eigenes – sagen wir – Projekt. Oder wie weit lasse ich Dinge geschehen und gucke lieber, was kommt. Mir ist klar, dass es darauf keine Antwort geben kann. Ich hatte nur den Eindruck, dass ich mich von der Idee des Optimierens lösen möchte.

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