Kleine Gesten

Ich könnte mir mal wieder ein Ohr abbeißen (haha, aber da muss die Evolution noch ein gutes Stück weiter…) – oder mir die Haare einzeln ausreißen (autsch, autsch, autsch, autsch…) – einmal mehr bin ich am Schluss eines langen Arbeitsmarathons übers Ziel geschossen, und habe mich auf den letzten Metern so verausgabt, dass ich jetzt erst mal mit einer fetten Erkältung im Bett liege.

Gut + wahr: Erkältungen zu bekommen, ist in dieser Jahreszeit kein Kunststück. Dennoch merke ich, dass ich immer wieder am Schluss langwieriger Anstrengungen über meine Grenzen gehe. Und mich dann für zwei, drei Wochen komplett schreddere. Wie doof ist das denn? Andererseits: gestern, in einem Gespräch mit einer Freundin, ist mir noch mal klar geworden, dass so ein „über die eigenen Grenzen gehen“ mir offensichtlich in den Knochen steckt. Einen „Schongang einlegen“ kommt für mich nicht in Frage. Auch gut. Aber in Zeiten zunehmenden Alters vielleicht nicht mehr die beste Lösung. Ich darf also einmal mehr zurück auf Los – und meine Strategien überdenken. Zeit genug habe ich ja…

Aber da gibt es noch was. Die grüne Wasserflasche zum Beispiel. Die habe ich am Freitag von einem wildfremden Mann bekommen, der gerade in sein Auto steigen wollte. Ich fuhr ihm auf dem Radweg entgegen. Beziehungsweise ich stieg gut zehn Meter vor ihm völlig erschöpft vom Rad. Ich war morgens nach Zehlendorf gefahren und jetzt, auf dem Rückweg, machte ich kurz vor dem Schöneberger Rathaus schlapp. Mir war heiß, schwindelig, und als ich Boden unter den Füßen hatte, dachte ich, dass der auch noch schwanke. Ich hatte den Mann gesehen, aber nicht weiter zur Kenntnis genommen. Wozu auch. Aber er sprach mich an, ob er helfen könne. Ehrlich, ich war völlig verdattert. Bei was wollte er mir helfen? Als ich gerade antworten wollte, „danke, alles Bestens“ knickten fast meine Knie ein. Hoppla. Muss ich eigentlich erst auf dem Boden liegen, bevor ich merke, dass was nicht stimmt? Er ist dann zurück in seine Wohnung gegangen und brachte die grüne Wasserflasche und ein Glas mit. Jaja, und dann die immer wieder neue Erkenntnis: Wasser hilft tatsächlich. Die Flasche ist mittlerweile leer, aber eine gute Erinnerung an das, was wir Menschen einander im Alltag sein können, wenn wir hinschauen. Und eine Erinnerung daran, dass ich immer wieder Glück habe, auch in vor der Hand unscheinbaren Momenten.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. de Chareli 13. November 2018

    🙂 Schön, dass es diese Hilfsbereitschaft neben all den greulichen Nachrichten auch noch gibt. Und ja, die Grenzen ausloten ist immer spannend, aber irgendwann sollte der Selbstschutz-Reflex dann wieder einsetzen. Nicht ganz einfach in einer auf Leistung und Konkurrenzkampf getrimmten Gesellschaft, aber es geht. Ich scheitere daran auch immer mal wieder, aber gottseidank immer seltener.

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    • Stephanie Jaeckel 13. November 2018

      Ja, im Großen und Ganzen gebe ich Dir Recht – und ja, vielleicht gehört genug Erfahrung dazu, früh genug die Reißleine zu ziehen. Ich denke allerdings nicht, dass nur Leistungsdruck und Konkurrenz Gründe sind. Bei mir ist es die große Neugier, und eine gewisse Unbedingtheit, mit der ich mich in Aufgaben schmeiße. Halbe Sachen, halbe Herzen, halbes Tempo ist mir suspekt. Wahrscheinlich, weil ich meine Eltern oft so wahrgenommen habe: nur halb bei der Sache. Das mag ich nicht. Aber eben. Vielleicht gibt es noch eine andere Alternative…

      Gefällt 3 Personen

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