Was ist ein schönes Buch?

So einfach die Frage, so variabel die Antworten. Schönheit ist nach wie vor ein heikler Begriff in unserer Zeit. Moderne und ihre Schwester Avantgarde haben sie in Misskredit gebracht: zu einfach, zu naiv, zu weit von jeglicher Realität entfernt. Über hundert Jahre später reiben wir uns manchmal die Augen: Wirklich? Schönheit kann mehr, als nur gute Laune machen. Sie lässt uns staunen. Und vielleicht hier und da die Nerven behalten, wo sie längst blank liegen.

Friends with Books ist eine Messe, die sich in den kurzen vier Jahren ihres Bestehens bestens etabliert hat. Dieses Jahr fand sie Mitte Oktober statt, 160 Aussteller/innen zeigten ihre Produktion ein Wochenende lang im Hamburger Bahnhof: knallvoll war es und beste Stimmung, soweit ich das beurteilen kann.

Was mich umgehauen hat: Wie inspirierend es ist, die Bücher zu sehen, die mit Sorgfalt und künstlerischem Anspruch gemacht werden. Kosten sind hier gerne Realitäten, die entweder in den Wind geschossen (also grandios ignoriert) oder mit einfachen und schlagkräftigen Improvisationen unterwandert werden. Übrigens fand ich das Publikum fast ebenso inspirierend wie die gezeigten Bücher…

Für mich eines der Highlights der Messe: „67-P“ von Claudio Pogo & Magdalena Wysocka. auf der hausinternen Webseite des Verlags (Pogo-Books) heißt es:

>A VISUAL JOURNEY THROUGH A TRUE DEEP SPACE ODYSSEY.
67-P IS AN ABSTRACT AND SUBJECTIVE VISION ON EUROPEAN SPACE AGENCY´S PHOTOGRAPHIC ARCHIVE OF THE WORLD FAMOUS ROSETTA MISSION.<

Klar. Wer ein Faible für Raumfahrt hat, ist mit dem Buch gut bedient. Auf 192 Seiten sind 143 Abbildungen zu sehen, alles Aufnahmen, die die europäische Raumsonde Rosetta nach ihrer verwackelten Landung auf dem Kometen 67-P gemacht hat. Schwarz-Weiß, konkret und abstrakt zugleich. Karge Landschaften ohne Luft, Wasser, Leben. Das Spannende liegt für mich genau in dem Widerspruch zwischen real und abstrakt – oder, um es anders zu formulieren: Hier habe ich zum ersten Mal begriffen, was mich an Fotografie und auch Malerei fasziniert: dieses Changieren zwischen da und und nicht da, zwischen belebt und fantasiert, zwischen Ort und einem Stück Papier (wahlweise Leinwand).

Die dem Buch zugrunde liegenden Fotos sind online einzusehen auf dem ESA image Archive. Eine Verwandlung „from science to art“ war laut eigener Aussage die Absicht der beiden Künstler Claudio Pogo und Magdalena Wysocka.

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Claudio Pogo und Magdalena Wysocka auf der Messe Friends with Books, Oktober 2018

Aus den gut 200.000 Aufnahmen suchten sie 143 aus und ließen sie auf Steinpapier drucken, was dem Buch eine eigene, „griffige“ Präsenz verleiht. Ein Ergebnis davon – Fotoaufnahmen unkommentiert hintereinander zu zeigen – ist (zumindest bei mir) die Wahrnehmung als „Bildgeschichte“, die ich mir mangels erklärender Texte selbst (und bei jedem Blättern etwas anders) erzähle. Wer mich fragt, ein perfektes Buch, mit auf eine einsame Insel zu nehmen.

P.S. Wenn ich das in meinem kurzen Gespräch mit den beiden richtig verstanden habe, ist 67-P für die nächste Runde der Schönsten Bücher der Stiftung Buchkunst nominiert. Ich drücke fest die Daumen!

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comment 1

  1. papiertänzerin 19. November 2018

    Heute lag ein Buch von Hoxton Mini Press bei mir im Briefkasten. „After the Flower Market“. Eine kurze Einleitung und sonst nur Fotos. Schön. Genauso wie das Buch I´ve lived in East London for 86½ Jahre, einem Porträt, in dem Foto & Text sehr fein zusammen gehen (Der Tipp kommt von Lawendula). Und das ist (logisch!) keine Werbung, sondern ein Austausch über Buchkultur.

    Gefällt 1 Person

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