Zufriedenheit

Ich wohne mittlerweile seit fast zwanzig Jahren in derselben kleinen Einzimmerwohnung in Kreuzberg. Als ich einzog, gab es keine Alternative, als die Wohnung einmal durch einen Brand im unteren Stockwerk verwüstet war, stand ich kurz davor, umzuziehen. Das ist auch schon wieder elf Jahre her. Die Lage ist göttlich, die Hausgemeinschaft bestens. Kein Grund, auch nur irgendetwas zu ändern. Dachte ich. Denke ich. Aber gelegentlich piesacken mich Zweifel. Was, wenn ich einfach zu bequem bin? Wenn ich nur denke, das sei hier alles Zucker, nur weil ich mich nicht wage, meine Nase mal wieder in den Wind zu stecken?

Zufriedenheit gilt als eine der Grundfesten für (oder von?) Glück. Ich verstehe das mittlerweile so, dass sie einem die Ruhe gibt, das Leben überhaupt wahrzunehmen. Nur von einer soliden Basis aus, und sei es eine noch so kleine Wohnung, kann ich neugierig sein in alle Richtungen und habe Sicherheit genug, mich vor Unbill, Ungerechtigkeit oder  miesen Wetterlagen (in jeder Hinsicht) zurückzuziehen. Die eigenen vier Wände können eben auch das Bein auf dem Boden sein, das Menschen brauchen, um in der Welt heimisch zu sein (da gibt es natürlich noch ganz andere Beine).

Das Zerrbild der Zufriedenheit ist die Bequemlichkeit. Und wie sehr habe ich in der Provinz (auch wenn das jetzt eine miese Vereinfachung ist) darunter gelitten. Bequem ist die Todfeindin von schön, mutig, lebendig. Die noch häßlichere Seite der Bequemlichkeit ist das Sichgehenlassen. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Bequem wollte ich nie werden. Allerdings ahne ich mittlerweile, dass dieser Bequemlichkeitsdrang, den ich vor allem bei meiner Mutter mit Schrecken sah, etwas mit der Kriegserfahrung in ihrer Kindheit zu tun hatte. Alles das Behäbige, das Sich-Einfügen ins Kleinere kam wohl auch aus dieser existentiellen Erfahrung des völligen Ausgeliefertseins.

Zufrieden oder bequem? Natürlich muss ich da selbst hinter kommen. Aber: Wie packt Ihr die Balance? Habt Ihr einen Tipp?

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. Madddin 8. Juli 2018

    Du hast sehr schön analysiert, viel hinzu fügen könnte ich nicht. Wenn du in deinem Haus etwas ändern möchtest, es aber nicht angehst, wärst du bequem. Gibt es nichts zu ändern, ist alles gut, du kannst guten Gewissens wohnen bleiben. Stört dich etwas, was du aber nicht ändern kannst, solltest du VIELLEICHT ausziehen. Ich war mal in einer ähnlichen Situation, die sich jedoch durch den Wegzug eines unerträglichen Nachbarn auflöste.
    Herzliche Grüße
    Martin

    Gefällt 2 Personen

    • Stephanie Jaeckel 8. Juli 2018

      Die unerträgliche Nachbarin hier ist auch schon weg. Insofern stehen die Zeichen auf bleiben. Stehen sie sowieso. Komischerweise brachte mir mein neuer, schöner Schreibtischstuhl den Zweifel. Nicht, dass er hier nicht perfekt reinpassen würde. Aber er weist eben auch wieder nach draußen, in andere Räume, in denen seine Kumpels stehen, und die viel größer sind, und – manchmal zumindest – todchic. Im großen Stil aufgeräumt und ausgemistet habe ich gestern. Insofern bin ich gerade wieder eher zufrieden…

      Gefällt 1 Person

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