Wo kommst Du her?

Die Frage nach Rassismus treibt mich um. Ich bin mir meiner europäischen Herkunft und der entsprechend eingeschränkten Sicht auf die Welt bewusst, seit ich – und das ist noch gar nicht so lange her – 2007 zum ersten Mal wirklich bewusst auf einem anderen Kontinent war (Kanada), und begriff, wie verschieden Lebenswelten sein können.

Ich habe Geschichte studiert, Kolonialismus ist für mich mehr als ein Begriff, ich bin Kunsthistorikerin, die Aneignung außereuropäischer Kunst durch herumreisende Kuratoren oder Kunstsammler ist mir bekannt, die Frage nach der Rückgabe von Kunstwerken aus deutschen Museen beschäftigt mich. Im Alltag komme ich an Grenzen. Weil ich eine Befangenheit spüre, die nicht gut ist. Nicht gut, weil ein offenes Gefühl einem neuen Gesicht gegenüber empfindlich gestört wird. Darf ich fragen, woher Du kommst, weil ich sehe, dass Du asiatische Züge hast? Oder weil ich vermute, dass Du aus Syrien kommst, und möglicherweise geflohen bist?

Die Frage nach der Herkunft wird als rassistisch eingestuft. Mein Unbehagen damit betrifft die Wahrnehmung: Wenn ich sehe, dass jemand keine europäischen Wurzeln hat – ja selbst, wenn ich es nur vermute, ist es bei mir pure Neugier, die Herkunft zu erfahren. Das ist nie meine erste Frage, aber ich stelle sie fast immer, auch, weil ich es komisch fände, so zu tun, als wenn zum Beispiel meine japanische Kollegin nicht aus Japan käme, bzw. ich das nicht sehen würde.

Ich habe mir vorgenommen, alle Freund/innen und Kolleg/innen zu fragen, wie es ihnen geht, wenn man sich nach ihrer Herkunft erkundigt. Was daran beleidigend oder diskriminierend ist/sein kann und was o.k. ist. Aber ich wüsste gerne, was Ihr oder Sie bei solchen Begegnungen macht/machen: Fragen – oder lieber erst mal nix sagen?

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 21

  1. Michael H. Gerloff 21. Juni 2018

    Während der großen Migrations-Ausstellung in Köln vor einigen Jahren gab es zu der Frage „Wo kommst Du her“ eine Podiumsdiskussion. Eine Soziologin (ich glaube, von der Uni Dortmund) hatte die Auswirkung eines „ausländischen“ Namens untersucht, mit der die Frage „Wo kommst Du her“ eng verknüpft ist.

    Was zunächst sehr steil klang, zeigte im Verlauf des Vortrags und der anschließenden Diskussion doch recht erschreckende Auswirkungen. Es sind dabei meist die selben Muster, die durch (gar nicht bös gemeinte) Stereotype bei den Fragenden entstehen. „Ich heiße Lucia Carnetti“ – „Oh, das klingt ja schön, wo kommst Du her?“ – „Aus Dortmund“ – „Nein, ursprünglich“ – „Aus Dortmund“ – „Nein, ich meine Deine Eltern“ – „Auch aus Dortmund“ – (gern schon mal ungehaltener) „Ich meine Deine Familie, ursprünglich“ (los, sag schon: Italien!!!) – „Mein Großvater kam aus Sizilien“ – „Ah!!!“ und es folgen entweder scherzhaft „Mafia“ oder „Da war ich auch schon mal“-Urlaubserinnerungen. Aber keinerlei Interesse an der befragten Person gegenüber. Das führt dazu, wie eine Frau aus Bonn berichtete, daß sie nach einem Gespräch alles von sich preisgegeben hat, aber keinerlei Chance hatte, über etwas zu sprechen, was sie für relevant oder auch nur interessant hielt. Was eben bei einer großen Anzahl der in der Studie befragten Menschen zu psychischen Problemen führte.

    Sehr interessant-erschütternd war dann die Reaktion im Publikum. (Wobei, ich pauschalisiere mal, die Kölner*innen nach meiner Erfahrung sowieso eher ein lustig-ignorantes Völkchen sind.) Gerade hatten die Menschen also Studienergebnisse und Berichte von Betroffenen gehört, beharrten die sich zu Wort meldenden aber – leicht empört – darauf, das ja wohl nicht böse zu meinen, und sie würden das weiterhin fragen. Ich frage seitdem nur noch, wie es dem Gegenüber geht oder was er oder sie macht. Das ist für mich jetzt-orientiert und das finde ich relevanter. Und natürlich kann sich ein Gespräch über die eigene Geschichte mal ergeben. Wobei ich von meinen ostpreußisch-niedersächsischen „Wurzeln“ überhaupt nichts spüre.

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    • Stephanie Jaeckel 21. Juni 2018

      Ja, ich verstehe gut, wenn die Antwort als eine Frage nur als Stichwort verwendet wird, um selbst fröhlich weiterzuplaudern. Das ist – egal mit welchem Inhalt – übergriffig, oder zumindest ignorant. Bei Sizilien gleich die Mafia ins Spiel zu bringen, fände ich auch überflüssig. Auch das anfängliche Hin und Her. Wenn ich wegen des Namens eine andere Herkunft vermute, frage ich nach dem Namen, nicht nach Eltern oder Großeltern. Ich bin übrigens Kölnerin (und spüre meine Wurzeln…) 😉 + Danke für Deinen ausführlichen Kommentar.

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      • Michael H. Gerloff 21. Juni 2018

        Liebe Stephanie, wie immer sind natürlich Mitlesende nicht gemeint. Als irgendwie norddeutsch-protestantisch geprägter Mensch fällt mir das „is ejal“ hier in Köln immer wieder auf. Das macht den Alltag oft unkompliziert, aber in „ernsten Angelegenheiten“ finde ich es doch manchmal schwierig. Aber das ist ein anderes Thema.
        Interessant fände ich, wohin denn die Frage nach dem Namen zielt, wenn nicht nach der „Herkunft“, und wie Du da die „Inquisitions-Kette“ vermeidest. Bzw. ob diese Frage überhaupt zu anderen Abläufen führen kann. Aber das ist wie immer Einzelfall. Für mich war die Studie mit den häufigen Fällen jedenfalls beeindruckend.

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        • Stephanie Jaeckel 21. Juni 2018

          Ich weiß nicht, ob die „ist egal“-Haltung typisch für Menschen aus und in Köln ist. Kenne ich in Berlin auch. Wenn sich dahinter Oberflächlichkeit verbirgt, und nicht – vielleicht auch eine etwas bequeme – Toleranz, ist es hier wie da nicht in Ordnung. – Was die Frage nach der Herkunft angeht, habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt: Wenn ich nach dem Namen frage, tue ich das direkt und weiche nicht auf Eltern und Großeltern aus. Die Frage lautet dann klipp und klar: Du hast einen italienischen Namen. Kommst Du daher oder hast Du vielleicht eingeheiratet (oder was dann auch immer passt)? Eine direkte Frage ist eine auf Augenhöhe. Wer dann nicht antworten will, kann das direkt sagen.

          Die Herkunft ist für mich insofern immer interessant, weil sie das Weltbild prägt. Ich lache mich schief, wenn meine (ich komme auf sie zurück) japanische Kollegin uns Deutsche aus ihrer Sicht beschreibt. Das ist für mich relevant, denn es betrifft mich ja ganz direkt. Ich finde es auch spannend, wenn sie von ihrer Schulzeit erzählt oder von ihren Eltern. Für mich ist das eine Bereicherung und für sie eventuell auch. Weil ich auch da andere Fragen stelle oder andere Bezüge sehen. Das kann für mein Gegenüber, wenn es nicht gleich zu persönlich wird und ich einen guten Abstand halte, eben auch spannend sein und nicht nur ein stereotypes Abfragen von Infos.

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    • schlingsite 21. Juni 2018

      Wenn man sich seiner Herkunft schämt oder das Gefühl hat, dass geprüft wird, ob jemand überhaupt dazugehört, dann ist diese Frage sicherlich sehr unangenehm. Von vornherein aber zu vermuten der andere fühle sich dadurch verletzt, trägt genauso wie hinter jeder Handlung Herabsetzung zu wittern, leicht neurotische Züge. Je nach Betonung und Mimik ergeben sich die Intentionen des Fragestellers und Missverständnisse können so verhindert werden.

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  2. Myriade 21. Juni 2018

    Da bin ich ganz auf der Seite der Teilnehmer an der Kölner Podiumsdiskussion. In einem unverkrampften Miteinander muss man jemanden doch fragen können, woher er/sie kommt. Ich denke, dass sind europäische Projektionen zu glauben, dass Menschen aus Afrika, Asien, woher auch immer, sich für ihre Herkunft schämen. Jemandes Herkunft aus Sizilien zum Anlass für einen Vortrag über die Mafia zu nehmen, ist ja auch einfach schlechtes Benehmen und kein Rassismus.

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    • Michael H. Gerloff 21. Juni 2018

      Und das ist genau das, was ich nicht verstehe: Da wird eine Studie präsentiert, die belegt, daß Menschen (und nicht nur 2 Leutchen, die eh schlecht drauf sind) unter dem Verhalten leiden. Und die, die das Leiden auslösen, ignorieren das, weil sie es ja gar nicht so meinen.
      Na gut, alle wissen, daß Flugreisen das Klima kaputt machen, und düsen trotzdem weiter durch die Gegend. Also verstehe ich es vielleicht doch.

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      • Myriade 21. Juni 2018

        So gesagt, klingt das natürlich ganz ignorant und uneinfühlsam. Ich sehe es aber anders: es gibt eine Art von Empfindlichkeit, die aus einem angespannten, feindlichen Klima entsteht und die durch einen unverkrampften Umgang miteinander aufgelöst werden kann. Dieses Thema fällt meiner Meinung nach in diese Kategorie.
        Die grundlegende Unterscheidung zwischen norddeutsch-protestantisch geprägt und Köln mit dem Vorurteil, dass nur die einen ernsthaft sind, kann ich als Nicht-Deutsche leider nicht nachvollziehen 🙂
        .
        Mir fällt dazu auch noch ein, dass das Nicht-Fragen nach jemandes Herkunft auch aus der Einstellung entstehen kann, dass man sich selbst – aufgrund seiner Herkunft- einfach besser vorkommt als die andere Person und man durch eine Frage nach der Herkunft, andere nicht in die Verlegenheit bringen möchte, ihre nicht so prestigeträchtige Herkunft offenbaren zu müssen.

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      • Stephanie Jaeckel 21. Juni 2018

        Hm, erst hast Du von einem Vortrag gesprochen, jetzt ist es schon eine Studie. Da wüsste ich natürlich gerne genaueres. Und meine Frage würde bleiben, ist die Frage an sich falsch oder belästigend, oder die Art und Weise. Denn die Frage nach Eltern und Großeltern und ich-weiß-nicht-was ist eben diskriminierend, weil überheblich: Ich frage nicht direkt, sondern auf Umwegen. Das ist und bleibt natürlich ein Fragen von oben herab. Würde mich bei jeder anderen Frage auch nerven.

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  3. wattundmeer 21. Juni 2018

    Ich finde die Frage nach der Herkunft OK. Es zeigt ja auch Interesse an der anderen Person. Dieses Interesse negativ oder sogar rassistisch auszulegen, finde ich falsch. Vor allem wenn das Gespräch bis dahin offen und freundlich verlief. Ich habe ein paar Jahre in Asien gelebt und gearbeitet und ich wurde dort immer nach meiner Herkunft gefragt. Ich habe das nie als unangenehm empfunden.

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  4. papiertänzerin 22. Juni 2018

    Erstmal ist es nur eine interessierte Frage. Und dann kommt eine Reaktion. Und darauf kann ich offen & sensibel reagieren oder eben auch nicht. Jede Frage kann etwas bei meinem Gegenüber auslösen (für mich z.B. ist es die Frage wieviel Kinder hast du?) Wichtig ist doch, dass es nicht die einzige Frage bleibt. Dass wir miteinander ins Gespräch kommen und nicht vor lauter Vorsicht gar nicht mehr fragen. Ich frage übrigens gern jeden Menschen, den ich neu kennenlerne nach seiner Herkunft, einfach weil ich es spannend finde.

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  5. Weltumwanderung 14. August 2018

    Mich darf jeder gerne nach meiner Herkunft fragen, sollte dann allerdings damit rechnen, dass ich die gleiche Frage stelle.
    Was ich aber nicht mag sind auf meine Antwort folgende Reaktionen wie z. B. das auf einmal offensichtliche Desinteresse an meiner Person. Es gibt mir das Gefühl, aufgrund meiner Herkunft nicht erwünscht zu sein. Was ich zusätzlich nicht mag ist, mit den Nazis in eine Schublade gesteckt zu werden. Allerdings passiert mir dies zum Glück nur sehr selten.

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