Schatzkästlein

Vielleicht, dachte ich, als ich dieses Foto machte, vielleicht ist unsere Seele eine durchsichtige Membran, die Dinge, sagen wir, Erinnerungen, umschließt. Diese Erinnerungen sacken in einen dunklen Grund und verschwimmen in der Spiegelung des aktuellen Hier und Jetzt. „See“ lese ich bei Wikipedia könnte der germanische Ursprung des Wortes sein, was mir gefällt, weil es auch hier einen dunklen Grund und einen Spiegel gibt. Ein tiefes Gefäß, in das von dem Beginn des Lebens an Erinnerungen einfallen (wie ins Sparschwein – …aber auch schlechte!), die aus jedem Menschen die oder den Einzige/n machen.

Die Membran muss natürlich enorm dehnbar sein – oder wir vergessen viel von dem Eingesickerten gleich wieder. Viele Menschen führen – zumindest meiner Seele – ein Leben, das anders ist, als unsere Beziehung in der Realität. Allein die Gespräche, die ich dort mit den bereits Gestorbenen führe! Hier, tief im Schatzkästlein, leben auch meine heimlichen Lieben, Menschen, denen ich nicht zeigen kann, wie sehr mein Herz für sie schlägt – und wie sehr ich mich nach ihnen sehne. Manchmal würde ich sie gerne aus der Seele an die frische Luft entlassen. Aber im letzten Moment dann doch nicht (jedenfalls bislang). Licht ist Welle und Materie zugleich (falls ich das richtig erinnere). Nein, das ist jetzt nicht wirklich kompatibel, dennoch denke ich manchmal, die Seelen senden Wellen aus. Oder so: Ich muss wirklich nicht alles ans Licht lassen, um es Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. christahartwig 18. Januar 2018

    „…wie eine Membran“. – Das ist seltsam, weil auch ich mir – schon als Kind oder sehr junges Mädchen – die Seele wie einen Fetzen Cellophan vorgestellt habe. Heute denke ich, diese Vorstellung musste von irgend welchen Zeichnungen herrühren. Wilhelm Busch vielleicht?
    Lange gefiel mir der Glaube der Cherokee, dass jeder Mensch zwei Seelen besäße – eine Geistseele und eine Körperseele. Darauf, dass die Geistseele nicht verkümmert, sollte man achten. Die Vorstellung von zwei Seelen würde auch erklären, warum Menschen, denen wir am liebsten überhaupt keine Seele zusprechen würden, trotzdem leben.
    Das Problem mit der Seele ist, dass es die Frage aufwirft, was wird aus der, wenn wir körperlich tot sind. Lebst sie weiter?
    Immer öfter hätschele ich die Hoffnung, dann wirklich und vollkommen tot zu sein. Die Vorstellung, etwas von mir könnte irgendwo herumirren, ist beunruhigend. Ewige Jagdgrüne – ja, das wäre vielleicht noch was …

    Aber weshalb ich eigentlich kommentiere: Das Foto gefällt mir sehr gut. Ich mag Spiegelungen auf Fotos sehr, weil sie immer noch etwas ins Bild hineinholen.

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    • Stephanie Jaeckel 19. Januar 2018

      Zwei Seelen wäre für vieles eine Erklärung (und natürlich auch für Goethe… ;-)) Und dass man seine Seele nicht verkümmern lassen darf, ist eigentlich auch ein schöner Hinweis. Da ist eben was, und nicht nur das gefräßige Konsummonster. Ich hätte jetzt eher keine Angst vorm Rumirren – ich meine, am Ende mache ich das ja schon lebend. Eher wäre doch spannend, wo man noch überall hinkommt. Oder man hängt irgendwo am Haken, bis wieder ein Körper frei wird.

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