must see

Ich gebe es zu, ich bin versehentlich hineingeraten. In diesen kleinen abgedunkelten Raum in der Berliner Gemäldegalerie, in dem zur Zeit beide Teile des Melun-Diptychons von Jean Fouquet zu sehen sind. Ursprünglich ein Altarbild, wurden sie im 18. Jahrhundert getrennt verkauft und sind heute in Berlin und Antwerpen ausgestellt.

Eigentlich hätte ich zwei Stockwerke tiefer in der Kunstbibliothek sitzen müssen. Doch da mein Ausweis abgelaufen war, konnte ich erst vor Ort bestellen und musste eine halbe Stunde auf meine Bücher warten. Was ein Glück!

Ich stand lange nicht mehr so verdattert und ergriffen zugleich vor einem Kunstwerk. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist sowas von modern, dass einem die Spucke wegbleibt. Ach was, modern… Es ist zeitlos gewagt, exzeptionell, irre, abgefahren und gleichzeitig ein Beispiel komplexester Ausgewogenheit und solidester Handwerkskunst. Es ist der Hammer!

Und wenn jemand behaupten würde, Jean Fouquet sei Aliens begegnet, hätte ich sicher keine Einwände. Aber Kunsthistoriker bleiben natürlich bei ihren Leisten und erzählen von italienischer und flandrischer Malerei, als sei das, was wir da sehen ein ganz normales Bild. Klar, doch, dass die Madonna so weiß ist und ihren Busen aus dem Kleid ploppen läßt, doch, ja, das wird erwähnt mit Hinweis auf die Mätresse des damaligen Königs, die hier als Madonna verewigt ist. Sie sei damals die schönste Frau Frankreichs gewesen, ja, auch die ausrasierte Stirn war damals en vogue. Aber dass die Dame samt Engeln aussieht wie gerade aus einem Raumschiff entstiegen, sagt so niemand. Doch erst das dazugehörige Bild mit dem Stifter und dem Heiligen Stefan als Herren in prächtiger zeitgenössischer Kleidung schafft diese irrwitzige Distanz zwischen der Gegenwart der Männer und der Entrücktheit der Frau, dass eine Millionen Lichtjahre noch gar nichts sind. Meinetwegen ist es ein Altarbild, ein Stifterbild, ein Marienbild. Für mich ist es eine Meditation über Zeit. Und es schlug wie ein Meteorit von gaaaanz weit weg in meinen Tag ein, dass die Funken nur so flogen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. flowerywallpaper 29. November 2017

    Schön. Mir gefallen einfach diese Bilder aus dem 14./15./16. Jhd. Nett auch deine Beschreibung deines Eindrucks…Nachdem ich dieses Jahr so viele schöne Erlebnisse und Fotos nach Hause gebracht habe, habe ich meine Blog bereits bis 30 Dezember vorprogrammiert. Am 25. Dezember ist dann auch ein Werk aus dieser Zeit zu sehen. Viele Grüße aus dem Gebirge, Ernestus.

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