Das studierte Arbeiterkind

Damals habe ich es nicht geahnt. Aber am eigenen Leib gespürt. Als Kind aus einer Arbeiterfamilie zu studieren, ist ein harter Weg. Komischerweise in beide Richtungen. Das heißt: Nichts wird unbedingt besser, je näher man seinem Ziel kommt. Denn die Entfremdung mit den Menschen aus der eigenen Familie ist ja erst in dem Moment – sagen wir – perfekt, wenn das Studium abgeschlossen ist. Als ich die letzte Prüfung hinter mir hatte und meine Note (tatsächlich erst dann) gesagt bekam, habe ich sofort meine Eltern angerufen, damals noch aus einer Telefonzelle. Meine Mutter war einsilbig. Sie müsse zum Herd, sonst würden die Bratkartoffeln anbrennen.

Auch danach hatte ich keine Ahnung, was es bedeutet, mit perfektem Studienabschluss einen Job zu suchen. Ich habe mich Jahrzehnte unter Wert verkauft. Ich wollte keine Festanstellung. Auf dem Markt für Freie herrscht (nach wie vor) ein extremer Konkurrenzdruck. Dennoch bin ich nicht verbittert über Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergaben. Denn in einem hatte ich Glück: ich habe auf diese Weise zwei Welten kennengelernt. Das Arbeitermilieu (das im Übrigen ja am Verschwinden ist) und die Welt der Intellektuellen (oder zumindest der Studierten).

Ich bin bei den Intellektuellen (wahrscheinlich korrodiert es dieses Milieu auch schon ganz schön) nie ganz angekommen. Und aus der Arbeiterschicht nie ganz raus. Oft habe ich das Gefühl, irgendwo dazwischen hängen geblieben zu sein. Dennoch habe ich damit einen enorm viel größeren Horizont bekommen, als wenn ich in einer Welt geblieben wäre. Nicht, dass ich deswegen klüger bin. Ich bin – nun, vielleicht beweglicher. Und ich habe verstanden, dass ein „Ich“ nicht unbedingt stabil sein muss um „authentisch“ zu sein. Und das wiederum scheint mit zunehmendem Alter um so wichtiger zu sein. Denn offensichtlich haben wir alle die Tendenz, mit den Jahren zu verkrusten, irgendwie steif zu werden. Bewegung hilft auch hier. Wer immer wieder von einem Bassin ins andere oder meinetwegen von einem Schwarm in den anderen schwimmt, kann diese Kruste am Anfang zumindest immer wieder aufbrechen. Das schützt natürlich nicht die Bohne vor Irrtümern. Und wer sich bewegt, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Aber zumindest einer, mit mehr Perspektiven. Darauf hoffe ich fürs noch älter werden.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

    • Stephanie Jaeckel 18. Oktober 2017

      Ich stelle es mir für meine Eltern so vor, dass ich verloren gegangen bin. Sie konnten sich ja nicht vorstellen, was ich da in dem Studium gesucht habe. Nur, dass ich weit weg war. Ich hoffe auch, dass mein Vater (meine Mutter ist ja schon gestorben) mittlerweile zumindest einschätzen kann, was das war. Um ehrlich zu sein, ich wusste es ja damals auch nicht so genau.

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  1. Sahneplatten 18. Oktober 2017

    Hallo Stephanie,

    sehr schön beschrieben, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich war in der Familie der erste Studierende seit Generationen, meine älteren Brüder eingeschlossen. Der Familie zuliebe (und weil ich damals nicht wusste wohin der Weg geht…) habe ich zuerste eine Ausbildung abgeschlossen. So richtig Verständnis für die Welt des Studiums habe ich in der Familie nicht erfahren, es lief halt so mit. Dafür schauen die Leute umso genauer auf deinen beruflichen Werdegang.

    Mir hat es den Vorteil gebracht, dass ich mich in beiden Milieus gut bewegen und sie verstehen kann. Im Umgang mit Menschen genieße ich diesen „Vorteil“ sehr…:)

    LG Torsten

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  2. Elisabeth Lindau 18. Oktober 2017

    In unserer pluralisierten und zugleich extrem auf das Individuum orientierten Welt scheint mir die Herkunft aus einer bestimmten sozialen Schicht an Bedeutung zu verlieren – diese Herkunft wird zunehmend abgelöst durch eine – vielleicht schon zurückliegende – geografische Verortung der Familie („Migrationshintergrund“) und eine Verbundenheit zu Kulturkreisen. Die Vielfalt ist so groß und so bunt, dass sich inzwischen schon ein Plural zu dem Begriff der „Herkunft“ gebildet hat (wie lange gibt es eigentlich schon den Plural von „Liebe“?).
    Ausgenommen die Schul- und Bildungspolitik. Es ist eine Schande, dass jüngere Statistiken belegen, dass (wieder) vermehrt nur solche Kinder Zugang zu qualifizierten Bildungseinrichtungen finden, die aus einem gebildeten Elternhaus kommen.
    Das war zu der Zeit, als du studiert hast (und ich auch, wahrscheinlich etwas früher), anders – die Universitäten haben sich geöffnet, auch für junge Menschen, deren Eltern das Abitur und die Uni irgendwie nicht ganz „geheuer“ waren. Ich finde, das war eine sehr positive Entwicklung, und ich freue mich, dass du davon profitieren und einen weiten Horizont erwerben konntest, der verschiedene Welten mit einschließt. Du gehörst damit zu denjenigen, deren Bildung nicht nur reines Wissen, sondern eigene Erfahrung und persönliche Entwicklung umfasst.
    Beste Grüße
    Elisabeth

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    • Stephanie Jaeckel 18. Oktober 2017

      Das würde mich freuen, auch wenn die geographische Herkunft im nationalistischen Denken fast immer nur Negatives bedeutet. Aber ich bin nicht ganz so optimistisch: Unterschicht, oder „bildungsferne Schicht“, wie das heute so schön heißt, bleibt eben Unterschicht. Die Kinder, die hierher kommen, haben schon in den ersten Jahren enorme Nachteile, außer sie haben, weil die Eltern überfordert sind, gewisse Freiheiten, so wie ich sie als Kind hatte, so dass ich der Enge meiner Herkunft entkommen konnte (und sei es nur auf die Straße zu anderen Kindern). Als ich studiert habe, war das Studium zwar kostenlos (und natürlich habe ich ungeheuer profitiert). Aber ich wusste nicht, dass es Stipendien gab. Ich wusste nicht, dass es Auslandsaufenthalte gab, ich wusste überhaupt nicht, dass es andere Fächer gab, außer denen, die ich schon in der Schule kennengelernt hatte. Ja. Meine Doofheit war wirklich bodenlos. Aber ich hatte keine Ahnung, wo ich Informationen herbekommen sollte. Eigentlich alles, was ich gemacht habe, gründete – jedenfalls am Anfang – auf Zufall. Das war eine harte Zeit. Und ich habe lange gebraucht, um mein Grundgefühl, versagt zu haben (Noten haben mich „gefühlt“ nie gerettet), abzulegen. Rückblickend war das Studium wirklich ein großes Glück. Aber eins, an dem ich fast zerbrochen bin.

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      • Elisabeth Lindau 19. Oktober 2017

        „Fast zerbrochen“, das hört sich wirklich sehr schwer an, liebe Stephanie. Diese Worte bewegen mich sehr.
        Wo man Informationen herbekommt, ist inzwischen viel offensichtlicher, aber ob es die richtigen Informationen sind und ob sie wirklich helfen, das weiß ich auch nicht. Du gibst einen sehr ergreifenden Einblick, wie es sich anfühlt, eine völlig neue und fremde Welt zu betreten. Dieses Gefühl kennen sicherlich viele Menschen, die ihre vertraute Welt verlassen haben (verlassen mussten). Und vor allem die Kinder – ja, da gebe ich dir recht. Deshalb muss noch viel mehr dafür getan werden, dass die Schulen auch gute Starthilfen geben können.
        Kürzlich habe ich eine Lesung aus Camus‘ Kindheits-erinnerungen miterlebt. Camus hatte noch viel schlechtere Startbedingungen, und es war ganz genau eine einzige Person, die ihm den Weg gezeigt und ihn dann auch begleitet hat: sein Grundschullehrer, der ihn zum Auswahlwettbewerb für die weiterführende Schule angemeldet und dann zwei Jahre lang darauf vorbereitet hat. Camus beschreibt auch, wie die Eltern der insgesamt vier Kinder (Jungen) erst davon überzeugt werden mussten, dass die weiterführende Schule überhaupt etwas Gutes und Sinnvolles ist. Wenn man sich vorstellt, was aus Camus geworden ist – und was beinahe, nämlich ohne diesen Lehrer, nicht aus ihm geworden wäre, dann ist das schon geradezu aufwühlend.
        Ich wünsche dir, dass du das „große Glück“ nunmehr sehr genießen kannst, auch wenn es seinen Preis hatte.
        Beste Grüße
        Elisabeth

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