Ghosting

Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Im Gegenteil. Schon als Kind habe ich Orte, nun, vielleicht nicht gesucht, aber zumindest auch nicht gemieden, wo ich das Erscheinen von Geistern für möglich hielt. Seit ich die japanische Kultur – wenn auch nur aus der Ferne – besser kennengelernt habe, sind mir Geister zumindest plausibel.

Aber dass sich eine enge Freundin oder ein geliebter Mann in einen Geist verwandelt und von einem Tag auf den anderen nicht mehr erreichbar ist, das ist gruselig. Nicht, weil die Person selbst ein Geist ist, sondern weil man selbst zu einer Art Geistwesen wird, denn das gemeinsam Erlebte driftet fortan wie eine Art Nebellandschaft aus dem als Realität wahrgenommenen eigenen Leben.

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe es überstanden. Und wenn ich ehrlich bin, es war in gewisser Weise eine Lektion. Dennoch bleibt es traurig, weil ich beide Male Menschen verloren habe, die ich sehr schätzte. Und weil ich beiden nicht mehr begegnen möchte, viel, viel weniger als Gespenstern, die mich immer noch reizen. Dass beide als sozial nicht besonders kompetent, geradezu als feige gelten – wenigstens wenn man die aktuelle Diskussion zum Thema verfolgt – hilft mir auch nicht weiter. Ich will keine Freund/innen, die feige sind. Vor allem das nicht. Es gibt mir auch nicht das Gefühl, in dem Punkt überlegen zu sein, um mich trotz großem Schmerz zumindest als Siegerin fühlen zu können. Im Gegenteil, mir wird klar, wie wenig beide mir vertraut haben.

Einen Menschen, den man liebt (ob nun als Freundin oder als Geliebter) von einem Tag auf den anderen nicht mehr erreichen zu können, weil die- oder derjenige das nicht mehr will ist – zumindest am Anfang – fast schlimmer, als wenn jemand stirbt. Weil es eben oft aus heiterem Himmel passiert, auch wenn man sich vorher gestritten hat. Streit ist für mich normal. Nicht schön, aber eben etwas, was stattfindet, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen. Es ist für mich übrigens ein riesiger Vertrauensbeweis, wenn Menschen mit mir einen Streit anfangen. Damit meine ich nicht bodenlose Beschimpfungen oder Beleidigungen. Sondern einen Streit um etwas. Wo Enttäuschung geäußert wird, Beleidigtsein, kurz alles, was man nicht gerne zeigt, wenn man jemandem gefallen will.

Streit verlangt ein hohes Maß an Vertrauen. Einen großen Streit gemeistert zu haben, festigt meist die Freundschaft oder die Liebe – zumindest ist das meine Erfahrung. Noch einmal: Ich lege es nie drauf an. Aber ich weiche auch nicht aus. Wer dann verschwindet, oder noch schlimmer: wer verschwindet, wenn gar nichts weiter vorgefallen ist, reißt eine Wunde auf, die lange Zeit nicht heilen kann. Weil man immer noch hofft, es sei ein Missverständnis. Oder weil man sich in alle möglichen Details verbeißt, die einem im Gedächtnis geblieben sind, auf der Suche nach einem Grund. Ich habe beide Male für Monate den Boden unter den Füßen verloren. Weil nichts sauber getrennt kollabiert. Die ganze eigene Wahrnehmung steht auf dem Prüfstand. Der gemeinsame Kurzurlaub, die lustigen Abende, die E-Mails, die kleinen Geschenke, die Sehnsucht, die Küsse. Nichts hat gestimmt – oder zumindest nicht so – oder ab irgendwann nicht mehr. Wer bin ich? Und wie setze ich mich wieder zusammen?

Die Lektion: Es gibt möglicherweise nur sehr selten gemeinsam erlebte Momente. Kostbare Momente, etwas Besonderes. Oder: Verliebt sein kann ich auch nur für mich alleine. Oder: Ich darf bei aller Begeisterung nicht erwarten, dass mein Gegenüber genauso empfindet. Was ich nicht pessimistisch verstanden wissen will. Der Liebe tut das ja keinen Abbruch. Symmetrie ist einfach nur nicht selbstverständlich.

Die andere Lektion: Ich habe es überstanden. Ja, doch. Das ist schon ein gutes Gefühl, denn ich weiß, ich überstehe auch hässliche Trennungen. Tatsächlich sind beide in meiner Erinnerung mittlerweile sehr blaß. Nicht, weil ich es vermeide, an sie zu denken. Aber sie haben keine festen Konturen, vielleicht, weil ich nicht weiß, ab wann sie sich von mir abgewendet habe. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten von ihnen. Schließlich habe ich mich ja nicht von ihnen getrennt. Aber vielleicht wird es Zeit, diese Dinge zu entsorgen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. tantemasha 7. Oktober 2017

    Das tut mir sehr leid für dich. So etwas sollte man nicht erleben müssen. Ich kenne milde Formen davon, d.h. unzuverlässige bis gar keine Kommunikation oder Reden und Handeln stimmen nicht überein. Mich macht auch das sehr hilflos und an mir selbst zweifelnd. Gäbe es nicht noch einige Menschen, mit denen das problemlos funktioniert, würde ich glauben, es liegt an mir. Trotzdem bleibt immer ein Rest Sehnsucht danach, es verstehen zu wollen. Wer bin ich und wer sind die anderen? Diese Fragen werden wohl nie ganz verschwinden. Ich hoffe sehr, es möge sich kein weiterer Geist in dein Leben schleichen!

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    • Stephanie Jaeckel 8. Oktober 2017

      Es muss Dir nicht Leid tun. Unannehmlichkeiten gibt es halt. Ich denke, es ist gut zu wissen, dass Gefühle oft nicht gespiegelt werden. Liebe kann niemand einfordern. Insofern muss ich mich nicht beschweren. Die Art war massiv verletzend. Aber ich habe meinerseits darauf vertraut, dass ich nicht irgendetwas „richtiges“ machen müsse, um die Katastrophe abzuwenden. Ich musste nichts wieder gut machen. Ich war frei. Ein weiterer Geist: Nein. Jede neue Trennung tut weh. Aber die Geister sind, glaube ich zumindest, gebannt.

      Gefällt 1 Person

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