„Ich mach das total gern“…

Hausaufgaben statt Ferienlektüre, so könnte ich mein Leseerlebnis in David Foenkinos Roman „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zusammenfassen. Denn was als fluffige Lektüre für den Flug nach Kalifornien geplant war, entpuppte sich für mich als nach Seite 175 nicht weiter lesbar. Zum Glück hatte ich das Buch im letzten Moment wieder aus dem Rucksack genommen. Dafür liegt es nun seit Mai angelesen auf meinem Nachttisch.

An der Geschichte ist nichts, wirklich nichts auszusetzen. Außer, dass sie vielleicht etwas übertrieben und vorhersehbar ist, aber im Grunde mag ich das aus alten Kindertagen, wo – zumindest in den für Kinder geschriebenen Geschichten – meist klar war, dass alles gut ausgeht. Ich mag es durchaus bei entspannter Freizeitlektüre, dass Dinge vorhersehbar sind, vielleicht auch ein Grund, weshalb ich einige Bücher immer wieder gern aufs Neue lese. Auch das Übergroße mag ich gelegentlich, ich würde eben auch mal gerne Lektorin in Paris sein, mit einem Elternhaus in der Bretagne und einer goldenen Nase, was neue Bücher angeht.

Aber dann – ? Mir machte die Geschichte Spass. Klischees, Kitsch, Happy End schon auf den ersten Seiten, gemütlich, gemütlich, noch einen Kaffee, noch einen Keks. Eine tolle Idee, die von der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte. Natürlich – wie oft bei durchgeknallten tollen Ideen, eine aus Amerika (nee, in Wahrheit war es das Ideenwunderland Kalifornien). Richard Brautigan, der sie einst erfand, gibt es wirklich, die von Foenkinos daraus aufgenommene These von der „Schönheit des Scheiterns“, doch, ja, das fand ich durchaus akzeptabel. Auch die ersten Figuren, die auf den nächsten Romanseiten erschienen, waren akzeptabel: Magali, eine Mutter von zwei Kindern, die in dem französischen Ableger der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte anheuert, weil sie dringend einen Job braucht und Jean-Pierre Gourvec, ein stolzer, verschlossener Mann, der diese Bibliothek in Finistère, also an einem der zahlreichen Enden der Welt aufgebaut, hat.

Im zweiten Teil, d.h. ab Seite 25, tauchen die wahren Helden des Romans auf, Delphine Despero, besagte Lektorin mit goldener Nase, und Frédéric Kosakas, ein mittelloser, unbekannter Schriftsteller, natürlich jung und schön, dessen Erstlingswerk von Delphine  angenommen wird und dessen hübschen Körper samt Innenleben sie ebenso mühelos erst in ihr Bett und dann in ihr Leben lotst. Happy End auf Seite 32.

Nein, nicht ganz, das Buch des hübschen Schriftstellers wird ein Flop. Delphine und Frédéric fahren in die Bretagne, um bei den Eltern Despero ihren Urlaub zu verbringen. Hier fängt die Geschichte noch einmal an, denn Finstère ist nicht weit, und es dauert nicht lange, bis sie dort ein ungelesenes Manuskript finden, das alle Erwartungen an einen Bestseller sprengt. Tatsächlich wird das Buch ein Hit. Delphine arbeitet Tag und Nacht an ihrem Erfolg, Frédéric wird immer blasser, er quält sich mit einem zweiten Roman, ohne wirklich weiter zu kommen. Es sieht ganz danach aus, dass die wundervolle, geradezu perfekte Romanze von den beiden ungewollt an die Wand gefahren wird.

Allmählich verlagert sich das Interesse auf den unbekannten und auch schon verstorbenen Autor des brandneuen Bestsellers, den Herrn aus dem Buchtitel: Monsieur Pick. Und ab jetzt ist die Geschichte eine Art Krimi, die einmal nicht dem Mörder, sondern einem vollkommen unscheinbaren Pizzabäcker auf die Spur seiner – offenbar heimlichen – Schreiberei zu kommen sucht. Nun? Klickerts im Kopf? Auf Seite 175 habe ich das Rätsel gelöst, und jede Motivation, auch nur einen Satz weiterzulesen, erlosch.

Warum? Ich glaube Foenkinos kein Wort. Nicht, weil die Geschichte konstruiert ist. Sondern weil er diese Geschichte wie eine abzuarbeitende To-Do-Liste herunter formuliert. Natürlich: reizende Details, kluge Beobachtungen, Schönes übers Scheitern. Aber – das ist leider richtig schlecht geschrieben. Zugegeben, ich habe das Buch in deutscher Übersetzung gelesen. Doch glaube ich kaum, dass hier ein Missgeschick passiert ist. Jede einzelne Passage ist im leichten Duktus runtergeschrieben, was an sich ja kein Manko sein muss. Aber wenigstens eine Überarbeitung erwarte ich dann doch, denn ein Buch, das im Belletristik-Segment erscheint, dazu in der Deutschen Verlags-Anstalt, hat einen höheren Anspruch als ein flott geschriebenes Drehbuch für einen hübschen Samstag-Nachmittag-Film. Dazu stören mich die von Foekinos verwendeten Fußnoten gewaltig: Was bloß will er uns damit sagen? Ein Verweis darauf, dass auch labbrig geschriebene Romantexte mit ebenso labbrig geschriebenen Fußnoten gleich seriöser aussehen? Dass jede/r Fußnoten verwenden kann, nicht nur Wissenschaftler/innen? Nein! Das haut beides nicht hin. Denn Foenkinos steckt in die Fußnoten Informationen, die er nicht im Text unterbringen kann. Und das ist genauso schlimm wie die Verwendung von Klammern, wenn Autor/innen zu bequem sind, eine flüssige Satzfolge für komplexe Zusammenhänge zu finden.

„Von diesem gedanklichen Streifzug (Fußnote Nr. 5) kehrte Frédéric in die Gegenwart zurück: „Hast du es denn nicht satt, so viele Manuskripte zu lesen?“, fragte Fabienne ihre Tochter. „Nein, ich mach das total gern. Aber stimmt, in letzter Zeit bin ich des Ganzen doch etwas müde geworden. Ich hab auch nichts sonderlich aufregendes gelesen.“ (S. 45)

 Diesen Absatz habe ich eben aufgeschlagen und ohne weiter zu suchen, als Beispiel für die unterirdische Sprache abgeschrieben. Ich kenne die Debatten um schlechte wörtliche Rede, die eben das Authentische, das Deprimierende der tristen Gegenwart in die Literatur holen soll. Aber wir haben es hier keineswegs mit trister Gegenwart zu tun: wir sitzen im sonnigen Sommerfrankreich am Tisch gut situierter und durchaus denkfähiger Menschen, tja, und dann das. Die Fußnote Nr. 5 will ich auch niemandem vorenthalten, sie lautet:

„Wie lange hatte er sich aus dem Gespräch ausgeklinkt? Wer vermochte das zu sagen? Der Mensch verfügt über die einzigartige Fähigkeit, immerzu mit dem Kopf zu nicken, so zu tun, als würde er der Unterhaltung folgen, und dabei doch an etwas vollkommen anderes zu denken. Daher braucht man nie zu glauben, im Blick des anderen lesen zu können.“ (ebd.)

Mal davon abgesehen, dass Kopfnicken nicht im Blick des anderen stattfindet – braucht es diese Fußnote für irgendetwas? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich mach das total ungern, solche unpräzise formulierten Sätze weiterzulesen. Ich mag durchaus plüschige Romane, Unterhaltung, Spannung, Nettigkeiten. Nicht jedes Buch, das ich in die Hand nehme, muss literarischen Ansprüchen genügen. Im Gegenteil. Deshalb lese ich auch so gerne Kochbücher. Nein. Im Ernst: Wer unsauber schreibt, egal in welchem Genre, fliegt aus meinen Regalen raus. Ein Mensch mit einem begrenzten Wortschatz kann mit präzisen Beobachtungen und ebenso genauer Formulierung bessere Ergebnisse erzielen, als ein schnellschreibender Profi. Von letzteren gibt es leider schon viel zu viele. Deshalb stecke ich meine Nase jetzt so schnell wie möglich in eine neues Buch, in der Hoffnung, auch mal einen Schatz zu heben.

 

Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. Elisabeth Lindau 6. Oktober 2017

    Schade ! Ich fand’s durchaus „fluffig“, um dein wunderbares Attribut einmal aufzugreifen. Aber ich liebe eben auch die Schauplätze und bin deshalb sicher eine allzu leicht „verzeihende“ Leserin, wenn ich mich gedanklich in Paris und der Bretagne tummeln kann.
    Mir hat die „tolle Idee“, die du ja konzedierst, gefallen, und ich habe auch gerne daran teilgenommen, wie die Personen mit den Veränderungen in ihrem Leben umgehen, dem, was da auf sie einstürmt und sie überrollt. Vieles fand ich durchaus witzig und … ja, unterhaltsam.
    Es gab durchaus gelegentlich Stellen, an denen ich dachte „na ja …“, und an den Rand ein Smiley mit den Mundwinkeln nach unten gemalt hätte. Aber es gab auch viele Stellen für ein Smiley mit Augenzwinkern.
    Das „Stilmittel“ der Fußnoten fand ich von der Idee her originell, in der Ausführung gelegentlich schlecht. Für mich waren die Fußnoten wie eine Stimme aus dem Off in einem Film. Man „sieht“, wie Antoine seiner Hélène freundlich lächelnd die Tür aufhält, und dazu sagt Francois Truffaut aus dem Off: „Im Grunde war Antoine sich nicht sicher, ob er sich in Hélène oder doch viel eher in ihre Familie verliebt hatte“ (das habe ich mir jetzt ausgedacht; es gibt aber eine Szene in der Art bei Truffaut). So ein relativierender und manchmal ironischer Kommentar des „allwissenden“ Erzählers spricht mich schon an. Es ist natürlich eine andere Frage, wie man das umsetzt. Ich kann verstehen, dass es dir bei „Monsieur Pick“ nicht gefallen hat; schließlich ist die Fußnote eigentlich für Quellenangaben gedacht.
    Foenkinos hat eine Mitteilsamkeit, die zwischen Eloquenz und Schwatzhaftigkeit changiert, für mich aber sehr „französisch“ und sehr unterhaltsam ist. Da mein Urlaub kühler ausgefallen ist als erhofft, war es eine angenehm leichte Lektüre für die unerwartet etwas längeren ruhigen Abende.
    Ich schätze andererseits auch eine sehr sorgfältige Sprache und eine Erzählweise, der man anmerkt, dass sie mit Bedacht strukturiert wurde. Deshalb hoffe ich, dass meine etwas andere Einschätzung von „Monsieur Pick“ mich und meine Buchempfehlungen (siehe meinen Beitrag „Hinter dem Meer“) nicht für alle Zeiten bei dir diskreditiert.
    Umgekehrt hat mich deine Besprechung des Buches über Eric Satie sehr neugierig gemacht, und ich bin jetzt doppelt gespannt, ob sich da unser subjektiver Geschmack vielleicht eher trifft.
    Und dann kommen ja noch viele Bücher – es ist Herbst !
    Liebe Grüße
    Elisabeth

    Gefällt 2 Personen

    • Stephanie Jaeckel 6. Oktober 2017

      Ach, jede und jeder liest anders. Das ist doch das Schöne, auch an Rezensionen. Niemand diskreditiert sich bei mir wegen einem anderen Lektüre-, oder Musikgeschmack. Foenkinos Bücher sind beliebt, mir ist klar, dass ich mit meiner Einschätzung eher am Rand stehe. Was Truffaut angeht: Er hätte diesen Stoff nicht verfilmt, da bin ich mir sicher. Ansonsten: Fußnoten sind – wie Du ja auch schon schreibst – keine Regieanweisungen. Und, wenn Du sie als solche verstehst, zeigt zumindest das, dass ich mit meiner Vorstellung, es handele sich weniger um eine Buch als vielmehr um ein Film-Skript, gar nicht so falsch liegen kann. Und – das mag jetzt als Fußnote durchgehen – die „Odyssee“ ist so ziemlich das einzige Buch, dem ich seine Nähe zum Film-Skript verzeihe.

      Gefällt 1 Person

      • Elisabeth Lindau 6. Oktober 2017

        Ups – die Odyssee ein Drehbuch ?
        Jetzt stürzt du mich in ein abgründig tiefes Meer der Nachdenklichkeit. Mein Arbeitstag ist gelaufen ….
        Ja, Truffaut hat seine Drehbücher aus gutem Grunde selbst geschrieben. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die von Finbar zitierte Passage ihm gefallen hätte. Selbstzweifel, Buchhandlungen, Frauen und ihre „Magie“ … das passt schon auch zu ihm.
        Es ist doch schön, sich so auszutauschen, auch wenn man nicht einer Meinung ist.
        Danke and have a nice day mit vielen kalifornischen Inspirationen!

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        • Stephanie Jaeckel 7. Oktober 2017

          Wie, Du hast gestern einfach den Griffel fallen lassen??? 😉 Über die „Odyssee“ – nun, ich hätte sie rezensiert, mag ich gar nicht sagen – also, ich habe über sie geschrieben, weiß aber nicht, wie ich das jetzt finden oder verlinken könnte… Ich glaube, Du kannst es – wenn Du willst – einfach googeln. Die „Odyssee“ ist natürlich kein Filmskript, es scheint mir viel eher so, als denke Homer (oder wer auch immer) so bildhaft, dass der Text selbst wie eine lange Kamerafahrt funktioniert. Der Rest: ja klar, wäre doch langweilig, wenn wir alle einer Meinung wären…

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          • Elisabeth Lindau 9. Oktober 2017

            Genau ! Habe alles fallen lassen und bin mit dem Helden meiner Jugend auf Reisen gegangen. – Habe leider deine Veröffentlichung nicht finden können (lediglich einige Blog-Einträge, die ich noch genauer anschauen werde).
            Eine schöne Woche voller ansprechender Bilder und glücklicher Reisen wünscht
            Elisabeth

            Gefällt 1 Person

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