Wissen und Sehen

Ich schreibe gerade einige Bildbeschreibungen für Sehbehinderte. Was für eine Herausforderung! Denn einerseits muss ich mir vorstellen, wie das, was ich da beschreibe, für jemanden klingt und sich dann im Kopf zusammensetzt, der nicht später doch noch mal schauen kann, wie ich das denn jetzt genau gemeint habe. Andererseits spüre ich Skrupel, Sehbehinderten dauern vorzubuchstabieren, was sie nicht können. Gäbe es, denke ich, etwas anderes als eine Beschreibung, etwas, das sie mehr interessieren könnte. Sollte ich besser versuchen, analoge taktile oder akustische Erfahrungen heranzuziehen? Eine Bildbeschreibung ist – so objektiv sie daherkommt – immer eine Deutung. Muss ich das nicht gerade dann besonders kenntlich machen, wenn mein Gegenüber das Gesagte nicht überprüfen kann. Oder gibt es sie, die sture Bildbeschreibung, die eben doch spannend ist. Auch für Menschen mit funktionierenden Augen?

Natürlich meint William Kentridge, von dem dieses „Bildzitat“ stammt, etwas viel Grundsätzlicheres. Und ich denke an die zahlreichen Momente, in denen ein einziger Blick angelerntes Wissen zur lebendigen Erfahrung macht.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Elisabeth Lindau 1. September 2017

    Oh, da hast du eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe übernommen, liebe Stephanie. Ich stele miir das sehr schwierig vor. Weißt du, ob die Menschen, für die du schreibst, früher sehen konnten – also Erinnerungen an Farben und andere visuelle Eindrücke haben?
    Ich finde es eine gute Idee, deine Bildbeschreibung als „Übersetzung“ in andere Sinneswahrnehmungen anzugehen. Ich habe gelesen, dass viele Blinde ihre Sinne wie Tasten, Riechen, Hören weit über das hinaus ausgebildet haben, was für Sehende normal ist. Viele haben sogar einen Sinn für Räumlichkeit (eine Art Ortungssystem), den ich mir gar nicht vorstellen kann.
    Aber wie klingt die Farbe rot, wie fühlt sich Blau an und wie riecht Gelb ? Das ist wirklich schwierig, aber für dich auch eine sehr kreative Aufgabe.
    Ich weiß nicht, ob es möglich ist, aber ich würde gerne einmal einen Auszug aus einer deiner Bildbeschreibungen lesen.
    Gutes Gelingen !
    Elisabeth

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  2. Stephanie Jaeckel 2. September 2017

    Es ist wirklich schwierig. Und ich merke, dass mein Versuch, Erfahrungen zu beschreiben, als Wertungen oder Deutungen missverstanden werden können. Ich suche nach Analogien, aber die sind und bleiben subjektiv. Viele das Sehen ersetzende Fähigkeiten von sehbehinderten oder blinden Menschen können bei Bildbeschreibungen leider nicht genutzt werden. Ich kenne Menschen, die blind die Höhe eines Raumes richtig einschätzen. Aber was hilft das bei einer flachen Leinwand? Außerdem habe ich die Bilder nicht im Original gesehen, kann also nur ungefähre Angaben machen. Es käme mir unsauber vor, wenn ich daraus eine scheinbar genaue Bildbeschreibung schustern würde. Ich habe zur Zeit den Eindruck, ich könne nur etwas erzählen. Eine 1:1 Übersetzung vom Sehen ins Hören scheint mir (noch?) nicht möglich. Einfach, weil sture Bildbeschreibungen todlangweilig sind. Aber auch hier braucht es Zeit. Wenn ich gut werden will, muss ich viele Texte schreiben und immer wieder neue Perspektiven ausprobieren. Leider kann ich keinen der jetzt produzierten Texte online stellen, sie gehören mir als Autorin schlicht und ergreifend nicht. Aber vielleicht probiere ich mal eine Bildbeschreibung hier auf den Klunkern aus. Dann könnten alle mit probieren, die Lust dazu haben.

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  3. Karo-Tina Aldente 16. September 2017

    Hallo Stephanie,
    ist es nicht so, dass die Sehbehinderten bzw. Blinden, die eine Bildbeschreibung nutzen, sich aus freiem Willen auf diese Sache einlassen und sich eben deshalb der Tatsache bewusst sind, dass Du, bei aller Mühe um Objektivität, „filterst“? Da solltest Du keine Skrupel haben. Weder was die Sehschwäche bzw. Blindheit der Rezipienten angeht, noch wegen der Tatsache, dass Deine eigene Sichtweise einfließt, auf die bildende Kunst ohnehin im Allgemeinen abzielt.
    Als ich einmal einen blinden Bekannten und seine sehschwachen Lebensgefährtin besuchte, berührte mich die völlige Schmucklosigkeit und schlichte Strenge der Wohnung sehr eigenartig. Aber warum sollten sie auch Vorhänge an die Fenster hängen oder Bilder an die Wände, sie sehen diese Dinge ja nicht. Die Jalousien wurden nur für mich geöffnet, damit ich mich in der Wohnung zurechtfinden konnte.
    So ähnlich ist das umgekehrt vermutlich auch.
    Philosophische Grüße aus dem Garten 🙂

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