Muss Schreiben kreativ sein?

Ich schreibe jeden Tag. Meist für Geld. Da gilt es Termine einzuhalten, Perspektiven zu finden, Meinungen zu generieren und so nah wie eben möglich an der Wahrheit zu bleiben. Die meisten Texte, die so entstehen sind keine Literatur. Es sind Gebrauchstexte für Zeitungen, für wissenschaftliche Publikationen, für Audioguides oder andere Hörerlebnisse. Nicht zuletzt für die Klunker. Ich muss dafür eine Menge Ideen haben, aber noch mehr Hintergrundinformationen. Die Texte müssen verständlich sein. Subjektivität ist nicht gefragt. Originalität bitte nur in Maßen. Schließlich bilde ich Realitäten ab, manchmal auch Fiktionen in Form von Bildern oder rezensierten Büchern. Die Leser/innen sollen auf den ersten Happs verstehen. Wer einen Satz schreibt, der auch nur den Verdacht aufkommen lässt, erst beim zweiten Lesen verstanden zu werden, wird meist von der Redaktion gestrichen (und also schreibe ich ihn schon gar nicht – s. Termine). Kurz und gut: Ich grübele nicht am Schreibtisch. Ich spiele Puzzle. Und am Ende des Tages sind Texte fertig, die aus bereits Vorhandenem etwas Neues (was die Perspektive oder die Gewichtung angeht) machen. Oder es sind eben auch mal nur neue Texte.

Ich kenne keine Zustände dichter Kreativität oder authentischer Impulse. Ich kenne lediglich glückliche Momente im Schreiben selbst, im Vorwärtskommen, im Rhythmus, in der gelungenen Abfolge von Bildern, plötzlichen Schnitten, Wendungen, Pointen, passenden Vergleichen. Selbst wenn ich etwas beschreibe, was ich zum ersten Mal gesehen habe, ist es nichts Neues, sondern der Umgang mit Vorhandenem. Ja, natürlich. Ich bin keine Dichterin. Aber ich habe den Verdacht, dass die Unterscheidung nicht so grandios ist, wie angenommen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass das Schreib-Handwerk dasselbe ist. Die Auswahl der Texte, bzw. dessen, was ich oder jemand anderes schreibt, ist nachrangig, oder, um es platt zu sagen, egal.

Autsch. Ich weiß. Es tut weh, aber es ist – zumindest aus meiner Sicht – die Wahrheit. Schreiben ist nicht besonders authentisch. Schreiben ist nicht innig. Nicht intim. Schreiben ist ein Jonglieren mit dem, was ist. Und, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich bin auch. Journalist/innen, Sachbuchautor/innen, Studierende, wahrscheinlich auch alle Geisteswissenschaftler/innen schreiben so. Einfach weil das, was sie zu Papier bringen, mit dem, was es schon gibt, übereinstimmen muss. Egal, wie brillant eine Idee ist, sie muss sich anbinden lassen. Und das geht nur im genauen Nachbuchstabieren, was ist. Sonst haben wir es schon: das Plagiat.

Denn „unkreativ“ schreiben ist keineswegs bloß „copy and paste“. Die Kopie muss eingepasst werden. Jede/r Texter/in weiß, dass fast jeder bloß einkopierte Satz im strengen Lektorat auffliegt. Soweit es strenge Lektorate überhaupt noch gibt. Und wenn auch die Dichter/innen Bestehendes einbinden? Nun, irgendwie muss es doch einen Zugang zur Realität geben, wenn Texte nicht bloß reine Fantasien bleiben wollen. Was ist gegen ein Buch aus lauter Wetterberichten einzuwenden. Das Wetter jedenfalls kann nicht reden. Und wer Wetter mag, so wie ich, wird sich wahrscheinlich nie an solchen Berichten satt lesen können. Nein. Die Diskussion geht natürlich viel weiter. Aber mir scheint: 1. Kreativität wird heute überbewertet (und gleichzeitig miserabel bezahlt). 2. Schreiben ändert sich wie andere Kulturtechniken. Was soll daran schlimm sein. 3. Unkreatives Schreiben ist möglicherweise mehr Menschen zugänglich als kreatives. Ich meine: Willkommen im Club! Je mehr, desto bunter und desto besser.

 

 

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. christahartwig 12. August 2017

    Nö! Natürlich muss Schreiben nicht kreativ sein, und ein gut formulierter und verständlicher Gebrauchstext hat mehr Daseinsberechtigung als ein um Kreativität bemühter Quark (noch nie Dagewesenes um des noch nie Dagewesenen willen). Denn das ist es doch wohl, was so krampfhaft angestrebt wird beim kreativen Schreiben. Das Schöpferische! Ein Werk!

    Nun kann die Kreativität ja zweierlei meinen: den Stil und den Inhalt. Inhaltliche Kreativität ist nur in der Fiktion möglich, und seit Shakespeare wissen wir, es gibt nur eine überschaubare Anzahl guter (sprich: funktionierender) Plots. Jede gute (funktionierende) Geschichte ist zwangsläufig eine Variante davon. Stilistisch kreativ zu sein erfordert wirkliches Können, will man nicht unverständlich werden oder durch Manieriertheit nerven. Und wo hört das Handwerk auf und fängt die Kunst an?

    Was bei der ganzen Diskussion aber zu wenig Beachtung findet, ist die nicht zu leugnende Tatsache, dass ein Text – anders als ein Gemälde, eine Fotografie, eine Skulptur, … – erst mal nur „beschriebenes Papier“ ist, eine recht blasse, außerordentlich unvollständige Widergabe der Gedanken seines Autors. Sein wirkliches Potenzial liegt in dem, was er im Rezipienten auslöst. Hier, im Prozess der Rezeption entsteht das Einmalige und entscheidet sich, ob das Geschrieben verdient, Literatur genannt zu werden. Der begnadetste Autor hätte nichts erreicht und nichts geschaffen, würde er nur von Schwachköpfen (oder überhaupt nicht) gelesen.

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    • Stephanie Jaeckel 13. August 2017

      Das ist eine kunsthistorische Diskussion. Sie wurde in Deutschland von Wolfgang Kemp angestoßen, das dazugehörige Buch heißt „Der Betrachter ist im Bild“ – jaja, das war noch lange vor der Genderdebatte. An der Stelle kommt tatsächlich etwas, was Kreativität ausmacht, zum Tragen: die Fantasie und die eigene Welterfahrung. Aber natürlich auch hier: Eine neue Mischung. Es passiert beim Schreiben und es passiert beim Lesen: erkennen, mischen, Bilder entwickeln, verstehen und missverstehen, mögen, nicht mögen. Was den Stil angeht. Jain. Stil ist ein Handwerk und damit lernbar. Natürlich gibt es Begabungen. Aber ich denke, die sind weniger dominant als der Wunsch, etwas zu lernen und die Fähigkeit, dranzubleiben. Es gibt völlige Nicht-Begabungen. Da heißt es dann leider: Finger weg. Und was anderes machen.

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  2. papiertänzerin 12. August 2017

    Wie kann ein Ergebnis kreativ sein? Wer will das beurteilen? (in einer Welt in der es alles schon gibt und wir von allem wissen) Kreativität wird allzu oft mit Kunst & Werk verwechselt (vor allem in der Kreativbranche). Für mich ist Kreativität keine messbare Größe, sondern Teil des Entstehungsprozesses. Und der ist individuell. Das heißt: ich bin mein eigener Gradmesser in Sachen Kreativität. Ich schöpfe aus Vorhandenem, spiele, arrangiere neu. Und manchmal kommen Worte angeflogen, einfach so. Vielleicht wurden sie schon 1000 Mal geschrieben, aber für mich sind sie neu. Manchmal lassen sie mein Herz tanzen. Manchmal muss ich mich bewegen oder laut singen. Und das Ergebnis? Sind Texte, die mir gefallen oder auch nicht. Sind Texte, die ich handwerklich überarbeite oder auch nicht. Sind Texte, die anderen gefallen oder auch nicht.

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    • Stephanie Jaeckel 13. August 2017

      Kreativität zu bewerten ist in einem begrenzten Maß Aufgabe der Kunstgeschichte und der Kunstkritik (Literaturkritik, Theaterkritik, Musikkritik, etc.). Diese Disziplinen tun sich natürlich schwer damit, weil der Geschmack stets mitschwingt. Dennoch kann ich eine kreative Leistung erkennen, wenn ich einen großen Fundus Vergleichsmaterial im Kopf habe. Eine der mühsamsten Dinge bei den Kunstwissenschaften ist ja das Anlegen von Vergleichsmaterial. Sei es im Diakasten, auf der Festplatte oder gleich im eigenen Kopf. Der Witz ist eigentlich immer die Kombination. Sei sie neu – wie die Avantgarde einst forderte – oder sei sie gut gemacht, tiefgründig, lustig, obskur, whatever. Das Glücksgefühl ist möglicherweise auch ein Hinweis. Aber vielleicht mehr einer auf Geschmack, und damit auf Sentimentalität (auch im Positiven), denn auf Kreativität. Mir ist es leider oft schon so gegangen, dass ich heute etwas gelungen fand und morgen schon hundsmiserabel. Das „oder auch nicht“ ist natürlich die Freiheit bei der Kreativität. Mir geht es in diesem Fall allerdings auch immer um dieses schwierige „davon leben können“. Denn wer sich auf die Kreativitätsschine begeben hat, muss liefern. Und dieser Teil ist der heikelste in unserer Gesellschaft. Wie ich schon schrieb: Kreativität wird geradezu angebetet. Aber sie wird elend schlecht bezahlt.

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      • papiertänzerin 13. August 2017

        Das ist es ja: es geht eben nicht um gelungen oder hundsmiserabel. Was ist denn für dich der Unterschied zwischen Kunst & Kreativität? Kunstkritik bewertet Kunst nicht Kreativität, oder? Ich vermute wir diskutieren einen unterschiedlichen Kreativitätsbegriff, aber ich bin nicht vom Fach und bitte um Aufklärung 😉

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        • Stephanie Jaeckel 13. August 2017

          Nein, tatsächlich nicht. Aber es geht um Könnerschaft im Machen und um eine Idee im Kopf. Seit Künstler/innen ihre Werke signieren, sind diese beiden Aspekte Garanten für Kunst. Vorher wahrscheinlich auch, aber da gibt es zu wenig Quellen. Das ist zumindest im westlichen, vom alten Europa geprägten Denken so. Kunst läßt sich in dieser Hinsicht bei „uns“ nicht ohne Kreativität denken. Wobei ich auch von einer handwerklichen Kreativität ausgehe und von einer intellektuellen. Denn um einen Werkstoff geschickt bearbeiten zu können, braucht es ebenfalls Ideen. So?

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          • papiertänzerin 13. August 2017

            Ja, ich verstehe, was du meinst, vielen Dank für deine Ausführungen! Mein Kreativitätsverständnis ist tatsächlich ein anderes: es hat weniger mit Können & Denken, sondern mehr mit Leere & Verbundensein zu tun (aber da waren wir ja schon 😉 )

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