Café d’oro

Wer in eine Großstadt zieht, mag Friedhöfe schon früh als ruhige Inseln im Alltagsrummel entdecken. Wer älter wird, kommt vielleicht öfter vorbei, um mehr und mehr eigene Tote zu besuchen. So geht es mir mittlerweile. Wenn es schön ist, mache ich mich auf den Weg, komme an, stehe vor dem Grab und, ja eigentlich – eigentlich wäre ein Kaffee jetzt genau das Richtige. Schließlich trinkt man auch mit Freunden und Verwandten gerne ein Tässchen, wenn man sich trifft und plaudern mag.

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ist das jetzt möglich. Nein, es gibt kein „to-go-service“ für den Kaffee am Grab, aber es gibt ein lauschiges Plätzchen gleich neben der Kapelle, wo Tische in der Sonne und im Schatten auf Gäste warten.

„Wir haben absichtlich kein Schild an der Straße aufgestellt“, sagt Sabine Maaß, die seit Anfang des Monats das Café betreibt. „Es soll ein Ort der Ruhe bleiben, kein weiterer Hotspot im Tourismusbetrieb der Stadt.“ Noch ist es tatsächlich ruhig. Gäste kommen eher versehentlich um die Ecke und bleiben auf eine Holunderschorle oder eben auf Kaffee und köstlichen Kuchen. Eine Frau liest Zeitung, eine andere schreibt, eine dritte hat sich von den an der Theke ausgelegten Büchern eins mit an den Tisch genommen.

Denn an einem Ort, an dem so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller beerdigt sind, soll es an Büchern nicht fehlen. Nina Nedelykov und Pedro Moreira, die beiden Architekten, die die Renovierung der Kapelle unternommen und sie als perfekten Raum für die Lichtinstallation des US-amerikanischen Künstlers James Turrell eingerichtet haben, kamen auf die Idee mit dem Café und den Büchern. Wer komme, um das Grab von Bertold Brecht zu besuchen, von Heiner Müller, Christa Wolf oder Wolfgang Herrndorf, so der Gedanke, habe vielleicht Lust, ihre Texte zu lesen, wiederzulesen, neu zu entdecken. Eine kleine Bibliothek ist im Aufbau, selbstredend fehlen auch andere berühmte Tote nicht, es gibt Kataloge der hier beerdigten Maler/innen und bald gibt es noch viel mehr. Dass die Kinder nicht vergessen wurden, gefällt mir besonders. Sie werden noch nicht mit den großen Geistern bekannt gemacht, dafür mit dem Tod selbst, der Angst, die wir vor ihm haben und den Hoffnungen, die er für einige von uns bereit hält.

Sonntags um 14:00 startet vor dem Café D’oro eine Friedhofsführung mit Dr. Ronald B. Smith. Er führt ehrenamtlich, mit größter Kenntnis und sichtlichem Vergnügen. Er hält die Toten lebendig, und ihre Gedanken blitzen zwischen den Blumen und Bäumen wie gerade vom Himmel gefallen. Wer weiß. Meine Lieblingsdichterin werde ich sicher in diesem Sommer noch öfter besuchen. Und meinen Lieblingsgrabstein, den von Herbert Marcuse. Wer neugierig geworden ist: Die Kapelle ist nächsten Sonntag (25.06.) ab 17:30 geöffnet. Turrells Lichteinrichtung kommt allerdings erst in der Dämmerung ab 20:30 zur Geltung. Geöffnet ist das Café am Wochenende von Freitag bis Sonntag ab 12:30.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. mannigfaltiges 18. Juni 2017

    Wunderbar!
    Auf meinen Friedhöfen, die ich gezwungen bin (nein, mittlerweile mache ich es sogar gerne) zu besuchen, gibt es sowas nicht. Es gibt allerdings auch keine Prominenz. Macht aber nichts.
    Es gibt Gräber, deren Bewohner ich auf dem letzten Weg begleiten durfte/musste. Manche starben mir unter den Händen.
    Jedesmal, wenn ich an ihren Gräbern vorbeigehe, erinnere ich mich an ihr Schicksal. Die letzten Minuten eines Menschen – ich habe keine schlechte Erinnerung daran. Natürlich, da ist die Trauer, das hadern mit dem Schicksal. Das Gefühl versagt zu haben.
    Aber einem sterbenden die Hand zu reichen…es hilft beiden (trockene Worte, mir fällt nix ein).
    Eine Grabinschrift besuche ich oft: Tochter xxx – umgekommen bei einem Bombenangriff auf Hamburg 1943 (der Friedhof liegt in Oberbayern).
    Welche Schicksale verbergen sich dahinter…
    Ich mag Friedhöfe.
    Ich werde in der Nordsee verstreut.
    LG Erich

    Gefällt 2 Personen

  2. Stephanie Jaeckel 19. Juni 2017

    Lieber Erich. In der Nordsee kann man immerhin schwimmen. Aber Kaffee trinken? Wohl nur am Strand. Aber das ist ja auch schön. – Ich mag auch Friedhöfe. Ich komme dort eher ins Gespräch mit Leuten als anderswo. Und auch hier sind die Cafés GOLD wert: für ungeplante Begegnungen oder für mögliche Neuanfänge. Und natürlich für Erinnerungen. Schließlich können auch Tote in neue Freundeskreise eingeführt werden…

    Gefällt 1 Person

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