Innehalten

Kurz vor einer Reise stehe ich meist auf so einer Art Nullpunkt. Der Tag vor dem Tag, an dem es losgeht ist wie ein Wartezimmer im Alltag. Klar, dass Dinge noch erledigt, Freunde verabschiedet, die Wohnung zumindest oberflächlich geputzt wird oder werden – sollte (?). Vielleicht gibt es noch einen letzten Text fertig zu stellen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass der Alltag zum Stehen kommt.

Zeit, über die Klunker nachzudenken. Ich habe mittlerweile 825 Beiträge geschrieben. Meist abends nach der Arbeit. Immer mit Foto. Immer drauflos, ohne Korrekturgänge, d.h. ohne „Netz“. Es gibt natürlich Texte, die ich so nicht mehr schreiben würde. Aber am Ende ist es besser rausgekommen, als ich gedacht habe. Natürlich hätte ich auch nicht gedacht, so lange durchzuhalten. Ursprünglich wollte ich mich auf ein Jahr festlegen. Mittlerweile sind die Klunker mir so selbstverständlich, dass mir fast schon was fehlt, wenn ich nicht schreibe. Größte Überraschung für mich: dass ich die Fotos „geschafft“ habe. Also für jeden Beitrag ein eigenes Foto (zweimal oder dreimal habe ich geschummelt – aber nicht öfters). Und noch mehr: Die Fotos sind wirklich Teil der Klunkertexte, so als wären sie miteinander verwoben. Das ist ein fast magischer Effekt (zumindest für mich als Texterin), denn die Bilder beeinflussen die Texte und die Texte spiegeln sich in den Bildern und vervielfältigen auf eine Art ihre Bedeutung. Manchmal denke ich, es ist so, als wenn man sich mit jemandem zum Beispiel in einem schönen Café unterhält und das Ambiente auf die Ideen, die man austauscht, eben auf das Gespräch abfärbt. Gestern habe ich dazu im Logbuch Suhrkamp etwas gelesen. Werner Fritsch schreibt dort über seine Arbeit an dem Film „Faust Sonnengesang“:

„Wer mit Kamera und Laptop >schreibt<, wirkt an der Bild-Sprach-Grenze: Neue Hieroglyphen entstehen, neue Codizes, neue Sprach-Welt-Bilder, de herausragen aus der Sintflut des Sinns. Dass die Welt, wenn die faustische Bewußtseins-Alchemie gelingt, nicht >blindgesehen< und >todberichtet< wird, sondern neu erschaffen im Jetzt der Zuschauerin/des Zuschauers.“

Natürlich arbeite ich nicht mit einer Filmkamera. Auch ist mein Anspruch kein künstlerischer. Dennoch habe ich das Gefühl, dass eine Wort-Bild-Kombination anders funktioniert, tatsächlich vielleicht wie eine Hieroglyphe, die eine der frühesten menschlichen Sprachnotationen war.

Am meisten freue ich mich aber über die Leserinnen und Leser, die hier vorbeischauen und gelegentlich kommentieren. Ihr und Sie seid eine enorme Bereicherung. Danke fürs Vorbeischauen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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