Verlorenheit II

Sich verloren fühlen gehört zu einem Grundgefühl des Menschen. Wir schämen uns meist dafür. Fast immer vor anderen, oft sogar vor uns selbst. Dabei scheint mir dieses Gefühl zur menschlichen Grundausstattung zugehörig. Und als könne es uns etwas wichtiges zeigen. Gerade heute las ich in Zeit-online einen Artikel von Max Rauner, in dem es um Menschen geht, die am Cotard-Syndrom leiden. Sie haben meist eine schwere Operation hinter sich oder einen Unfall und glauben, sie seien tot. Und dennoch unterwegs. Als eine Art Zombies. Einmal mehr stellt sich die Frage: Wer sind wir? Oder auch: Gibt es überhaupt ein Ich?

Der britische Philosoph Julian Baggini sagt nein. Er spricht vielmehr von einem „Ego-Trick“. Ich zitiere aus dem Artikel von Rauner

„Der Trick ist, etwas zu erschaffen, was ein Gefühl der Einheit und Einmaligkeit hervorruft, obwohl es einer chaotischen, fragmentierten Abfolge von Erfahrungen und Erinnerungen in einem Gehirn ohne Kontrollzentrum entspringt. Es gibt kein einheitliches Ding, das dem Selbst entspricht. Aber wir funktionieren so, als gäbe es das.“

Das wäre vielleicht so etwas wie eine Erklärung – ?

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 20

        • wolkenbeobachterin 29. April 2017

          Liebe Stephanie,

          es ist interessant, wie unterschiedlich Begriffe verwendet werden. Ich habe dieses (Dein Thema hier) sacken lassen, weil ich hören wollte, wie ich es sehe und verstehe. Ich führe jetzt, nach dem Sackenlassen, mal ein paar Gedanken aus, die ich dazu habe/hatte. Es geht mir nicht um richtig oder falsch, ich möchte lediglich meine Sicht beschreiben.

          Verlorenheit ist für mich ein Gefühl, wenn jemand nicht weiter weiß, d.h. mit Gegebenheiten nicht zurecht kommt, es vielleicht überfordert, keine Lösungsmöglichkeiten gesehen, erkannt und ergriffen werden (können). Das verstehe ich unter Verlorenheit.

          Das, was Du als Verlorenheit bezeichnest, würde ich als Haltlosigkeit definieren. Verlorenheit ist für mich kein Grundgefühl (Um Deinen Begriff mitsamt Deiner Definition einzubeziehen). Einmal sind für mich alle Gefühle alle Gefühle, keines davon ist Grundgefühl oder oberstes, unterstes, wie auch immer. Sondern alle sind im Menschen, allerdings unterschiedlich ausgeprägt. Abhängig teilweise vom Charakter, auch von der jeweiligen Situation, vom Umfeld auch, von Erfahrungen, mitunter auch vom Alter.

          Haltlosigkeit, nach meinem Verständnis, bedeutet: Nicht zu wissen, wohin man gehört bzw. wohin man gehen soll/kann/will. Haltlosigkeit ist meines Erachtens ein abhängiges Gefühl, meint: Abhängig von Umständen o.ä. siehe Liste oben.

          Nicht zu wissen, wer man ist, ist m.E. kein Drama. Zwar wird dieses „Wissen wer man ist“ sehr hoch gehängt in unseren Zeiten (vielleicht auch schon vor unseren Zeiten, siehe diverse Philosophien). Dennoch denke ich, dass man es nicht wissen MUSS. Wozu muss man es wissen? Man kann herrlich leben, ohne es zu wissen. (Andererseits sich zu kennen, was gar nicht ausbleibt im Laufe der Zeit! – auch ohne großartiges Grübeln über diese Frage, ist Teil des Wachstums, in dem sich jeder Mensch SOWIESO befindet, mal mehr, mal weniger. Es schadet nicht, zu wissen, wer man ist – andererseits kann man sich durchaus „falsch sehen“).

          Jedenfalls ist FÜR MICH Haltlosigkeit vorübergehender Natur. Also nichts Konstantes, demzufolge auch kein Grundgefühl (wie Du es nennst und empfindest).

          Leben im Moment, sich dem hingeben, was ist, dazu braucht es nicht das Wissen, wer man ist. Wenn man es weiß, schadet es aber m.E. nicht (könnte allerdings, wenn man sich „falsch“ sieht). Ich denke dieses „Wissen, wer man ist“, wird überbewertet.

          Wesentlich(er) ist m.E., welche Werte für mich wichtig sind, in welche Richtung ich innerlich (und äußerlich) gehen möchte. Sich verloren oder haltlos zu fühlen, kommt vor, manchmal auch länger oder öfter, aber es ist m.E. keine Konstante. Die Hinwendung ans und ins Leben ist ein Weg heraus, aus dem Dilemma der Frage, wer man ist. Indem man lebt, findet man heraus, wer und wie man ist. (Auch nichts Konstantes)..

          Die Frage hingegen, wohin man gehört, finde ich die weitaus schwerer zu beantwortende Frage. Da würde ich, zwecks Beantwortung heranziehen bzw. differenzieren, worum genau es sich handelt, d.h. worauf sich diese Frage bezieht.

          Zum Beispiel:
          a) Beruflich
          b) Örtlich
          c) Zwischenmenschlich

          a) Bei beruflichen Angelegenheiten: (á la: Was sind meine Talente und Fähigkeiten, was sind meine Begabungen, was sind meine Wünsche und Bedürfnisse, was erfüllt mich?).

          b) örtlich: ist abhängig von der Herkunft, auch von Ausbildung und Jobwahl, überhaupt vom Beruf (ich kann nicht alles überall machen), von Einkommen o.ä. Diese Frage ist m.E. am leichtesten zu beantworten (von allen Dreien).

          c) Im privaten/zwischenmenschlichen Bereich ist das, so empfinde ich es, als tatsächlich (mitunter) eine der schwierigsten Fragen, was einerseits daran liegt, dass Kopf und Herz nicht zwingend „zusammen arbeiten“, sondern durchaus widersprüchliche Antworten geben (können). Zum anderen, weil Bedürfnisse sich ändern und damit manchmal auch Bedürfnisse an das Umfeld. Weiter, weil Erkenntnisse sich ändern (den Bedürfnissen oft/meist vorgelagert) und damit manchmal eben auch die innere Ausrichtung.

          So, das sind meine (vorläufigen) Gedanken zum Thema, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wie Du siehst, sehe, empfinde und erlebe ich es anders als Du. Darf ja sein, ist ja nicht schlimm, ich finds spannend, wie unterschiedlich empfunden, gesehen und erlebt wird.

          Liebe Grüße ins Wochenende von der Beobachterin

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          • Stephanie Jaeckel 29. April 2017

            Oh. Vielen Dank für den langen Kommentar. Das ist spannend zu lesen, was Du notierst. Ja. Menschen erleben und verstehen anders. Jede/r für sich. Es war für mich schwierig, auf Deine ersten Fragen zu antworten, weil ich nicht genau verstanden habe, wohin sie zielten. Jetzt ist meine Antwort folgende: Verlorenheit empfinde ich zum Beispiel angesichts des Durchmessers „unseres“ (bislang beobachteten) Universums: 880 000 000 000 000 000 000 000 km. Ich schwanke zwischen dem Gefühl der Bedrohung und des Staunens über dieses Wunder, d.h. zwischen Angst und Aufgehobenheit. Es ist ein Gefühl, das mich begleitet, denn die Tatsache einer so enormen Einsamkeit im Universum (selbst wenn andere Lebensformen augenblicklich wieder als durchaus möglich diskutiert werden) ist und bleibt ja unverändert. Das Gefühl taucht auch auf, wenn ich darüber nachdenke, wie „zufällig“ Leben auf der Erde entstanden ist und wie es ausgerechnet zum Menschen kam. Es taucht auch auf, wenn ich als Radfahrerin mal wieder knapp einem Unfall entgangen bin. Wenn letzteres auch situativ ist, würde ich dabei bleiben, dass es sich um ein konstantes Lebensgefühl handelt. Nicht als Hierarchie gemeint sondern eher als „Grundierung“, also etwas, das unterschwellig immer da ist. – Haltlosigkeit dagegen klingt in meinen Ohren bereits abwertend. Es suggeriert, das jemand einer Situation (ob selbstverschuldet oder nicht) nicht gewachsen ist. Das passiert im Leben. Aber auch da würde ich vielleicht einen anderen Begriff verwenden. Beides, Verlorenheit und Überforderung sind kein Drama. Indem ich schreibe, dass zumindest Verlorenheit zum Menschsein dazugehört, will ich genau das sagen. Auch ist für mich die Frage, wohin ich gehöre, nicht damit gelöst, dass ich mich beruflich, familiär, örtlich oder zwischenmenschlich definiere. Beruflich bin ich gleich mehreres. Da ist es schwer, eine Definition hinzubekommen. „Freiberufler“ ist auch nicht unbedingt eine Bezeichnung zum heimisch werden. Örtlich ist es zum Beispiel auch schwierig. Ich lebe in Berlin. Und gerne. Aber ich gehöre hier nicht wirklich hin. Meine Heimat ist mir wichtig. Da gehöre ich erst recht nicht hin. Vielleicht wäre meine Heimat das Flugzeug. Das kann ich mir leider nicht leisten (haha). Was also? Verlorenheit bleibt für mich eine Konstante. Es ist sicher eine ebensolche Konstante, dass Menschen sich Koordinaten wählen, in denen sie sich aufgehoben fühlen. Das tue ich natürlich auch. Der Glaube an Gott kann zum Beispiel ein sehr stabiles Gefühl von Aufgehobenheit bieten. Ist jetzt verständlicher, was ich meine?

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          • wolkenbeobachterin 1. Mai 2017

            Liebe Stephanie,
            ja, ich verstehe nach Deinem ausführlichen Kommentar nun etwas besser, danke schön. Ich hatte meine ersten zwei Fragen gestellt, weil ich wissen wollte, wie Du die Begriffe verwendest, damit ich besser reinfühlen konnte sozusagen und mich für mich dem Thema nähern kann und es für mich definieren kann. Eben weil wir Menschen häufig die Begriffe sehr unterschiedlich verwenden, frage ich oft nach, weil man manchmal davon ausgeht, als bedeutete für jeden Menschen ein bestimmter Begriff dasselbe und manchmal erkennt man: Ach nee, doch nicht. Deshalb fragte ich.
            Für mich ist beispielsweise Haltlosigkeit überhaupt nicht wertend, auch nicht negativ. Interessant, nicht? 🙂
            Ich verstehe nun aber, zumindest gefühlt, was Du meinst bzw. meintest, kann auch nachvollziehen, auch nachfühlen, was Du mit der Verlorenheit hinsichtlich Heimat und Beruf usw. meinst. Dass die Heimat, die ursprüngliche, irgendwann nicht mehr als solche empfunden wird, weil man sich dort eben nicht mehr heimisch fühlt, irgendwie herausgewachsen ist.
            Deine Idee, das Flugzeug als (innere) Heimat zu definieren, also im Grunde „das Unterwegssein“ empfinde ich als schöne, brauchbare Antwort und Zwischenlandung, ähm, Zwischenlösung. 🙂
            Da Du ja in Kürze verreisen wirst, wenn ich das richtig erinnere, wünsche ich Dir einen guten Flug, gutes Ankommen und Dortsein.
            Einen schönen 1. Mai wünsche ich Dir.
            Liebe Grüße von nebenan und gute Reise!

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          • Stephanie Jaeckel 29. April 2017

            Ich möchte jetzt nicht anfangen, Haare zu spalten. Gefühle an sich gehören zu den meisten Menschen dazu. Es gibt Ausnahmen, eventuell empfinden Autist/innen anders, als die meisten von uns sich das vorstellen können. Auch Menschen, die schwer traumarisiert sind, mögen Gefühle zumindest nicht mehr zulassen. Ich denke, wir können uns an psychologischen Modellen orientieren, die einige „Grundgefühle“ definieren, die dann in verschiedensten Mischungen auftauchen. Hier kommen dann die Erfahrungen zum Tragen. Denn je nachdem, was ich erlebe, werde ich andere Gefühle entwickeln.

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          • wolkenbeobachterin 29. April 2017

            Das stimmt – es gibt Menschen, die fühlen nicht (mehr), aber ursprünglich eben doch. Für mich gibt es keine Grundgefühle, für Dich schon. Damit kann ich gut leben. 🙂
            Liebe Grüße ins Wochenende und danke für den Austausch.

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          • papiertänzerin 29. April 2017

            Kommt drauf an, wie wissenschaftlich streng du es siehst 😉 Gefühle können angeboren sein oder erworben. Zu den angeborenen Grundgefühlen gehören: Angst, Freude, Traurigkeit, Ekel, Wut (in unterschiedlichen Schattierungen). Erworben werden die sekundären, sozialen Gefühle (oder genauer „Haltungen“) wie z.B. Neid, Gier, Stolz, Mitgefühl, Dankbarkeit. Ich nehme es wissenschaftlich nicht ganz so eng, deshalb gehören Verlorenheit & Zugehörigkeit für mich auch zur menschlichen Grundausstattung (wenn auch eher als Mix aus Gedanken & Gefühlen).

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          • wolkenbeobachterin 29. April 2017

            Liebe Papiertänzerin, ich denke, es gibt Liebe und Angst, aus denen alle anderen Gefühle folgen. Die Gefühle sind m.E. sofort da, unabhängig vom Umfeld. Wohl aber werden sie durch Umfeld, Erfahrungen, Erkenntnisse etcpp beeinflusst, verändert.
            Ich esse jetzt mal, bin schon total unterzuckert. 🙂
            Ein schönes Wochenende und auch an Dich danke für den Austausch.
            Liebe Grüße!

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  1. Stephanie Jaeckel 29. April 2017

    Ich hatte nicht vor, eine genau justierte Spezifik der Gefühle vorzulegen. Ich denke, Verlorenheit ist eine durchaus plausible Haltung angesichts unserer Existenz. Mir geht es eher darum, Verlorenheit zu akzeptieren. Wir neigen in unserer Gesellschaft dazu, Missbehagen, Kontrollverlust, Passivität als negativ zu bewerten. Dabei sind diese Gefühle oder Zustände keine pessimistischen Überreaktionen, sondern berechtigt. So vielleicht…

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  2. Stephanie Jaeckel 1. Mai 2017

    Um noch einmal auf das Thema Begriffe, bzw. Verständlichkeit zu kommen: Ich arbeite als Journalistin und Texterin. Für beide Berufe gilt, dass es einen festen Bestand an Bedeutungen für deutsche Wörter gibt. Dieser Bestand kann sich ändern. Ist aber im jeweils aktuellen Duden festgelegt. „Verlorenheit“ wird aktuell so definiert: Substantiv, feminin – 1. das Sich-verloren-Haben; 2. Einsamkeit, Verlassenheit. Achtung! „Grundgefühl“ wird tatsächlich nicht vom Duden gelistet, hat aber einen wissenschaftlichen Kontext, der bei Wiki aufgeführt ist: „Als Grundgefühl, Primäraffekt oder Basisemotion werden jene Gefühle und Affekte bezeichnet, die als wesentlicher Bestandteil jeder menschlichen Existenz angesehen werden. Beispiele für Basisemotionen sind Freude, Überraschung, Angst oder Traurigkeit. Sie sind in allen Kulturen gleichermaßen anzutreffen. Oft werden auch Liebe oder Hass dazugezählt.“ – Was ich meine: sollte ich Wörter anders, also subjektiv konnotieren, erwähne ich das. – Warum mir das so wichtig ist? Weil ich fürchte, dass hier etwas gefährliches passiert. Wir dürfen nicht so tun, als könnten Begriffe mal so und mal anders verwendet werden. Es kann sein, dass ich eine bestimmte Färbung höre, dass ich eine bestimmte Assoziation habe. Wenn ich das Wort jedoch verwende, sollte ich vorher nachschauen, ob meine Assoziation auch gemeint ist. Wenn nicht, muss ich meine Deutung hinzufügen. Weil wir sonst Gefahr laufen, zu verstehen, was wir wollen. Weil wir sonst Gefahr laufen, Wörtern nicht mehr zu trauen. Weil wir sonst Gefahr laufen, in einer babylonischen Sprachverwirrung zu landen. Es gibt Wörter. Aber sie sind keine Leerstellen. Sie sind definiert. Und sie meinen, wofür sie stehen. Natürlich können sich durch Formulierungen immer Unklarheiten einschleichen. Und es ist wichtig, zu fragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Aber es gibt – gerade in der deutschen Sprache – keine so große Unklarheit. Was „Haltlosigkeit“ angeht: 1. haltloses Wesen, 2. Beschaffenheit, Zustand, der haltlos, unbegründet ist. Wenn also jemand eine andere, positive Konnotation davon hat, gehört es unbedingt dazugeschrieben. Sonst ist es nicht verständlich. Wortbedeutungen sind nicht verhandelbar. Unsere Aufgabe als Schreiber/innen ist es, Wörter so zu setzen, dass sie unsere Gedanken abbilden. Dafür gibt es keine Neudefinitionen, sondern Satzbau.

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