Bodo Hell. Ein Kartograph der Welt, oder: Ich sehe was, was Du (noch) nicht siehst.

 

Ritus und Rita ist bereits das zweite Buch von Bodo Hell, das sich mit christlichen Heiligen und Märtyrern, mit den um sie gesponnenen Legenden und den Orten ihrer Verehrung beschäftigt. Wie schon in seinem 2008 erschienenen Band Nothelfer bekommen wir jedoch keine herkömmlichen Personenbeschreibungen oder Schilderungen historischer, mit Wundern angereicherter Geschichten. Auch wenn es an Fakten und Mirakeln weiß Gott nicht mangelt. Und auch wenn Ritus und Rita auf den ersten Blick wie eine Aktualisierung der altehrwürdigen Legenda aurea daherkommt, dem großen Nachschlagewerk für Heiligenfreundinnen oder Glaubenswillige aus dem 13. Jahrhundert. Denn schon auf den zweiten Blick wird klar: Allgemeinverständlich, geradezu volkstümelnd (im besten Sinn) wie die Legenda aurea ist bei Bodo Hell (fast) gar nichts. Seine Heiligen-Miniaturen sind so sorgfältig gearbeitet wie japanische Origamis. Präzise und scharfkantig. Wer dem Entwurf nicht haargenau folgt, fliegt raus.

Da ist zum einen das Tempo, das Hell vorlegt. Mit einem Affenzahn rast er auf seine Sujets zu, oder er umfährt sie mit ebenfalls hoher Geschwindigkeit auf spiralförmigen Umwegen. Ihm hier zu folgen verlangt einiges an Hirnkapazitäten, vor allem an Wissen, zumindest aber an Geduld, hier und da etwas nachzuschlagen. Mundart sollte man akzeptieren (wenn es am Verstehen mangelt), österreichische Wallfahrtsorte kennen, die Denkrichtung vom hier und heute zu den Heiligen und zurück zumindest in ihren Grundzügen verstehen. Denn der Text ist kein bloßes Amüsierbüchlein. Hier wird sich nicht über die Naivität unserer Altvorderen lustig gemacht. Hier geht es um uns und um unseren Blick auf die Welt. Auch wenn es mit der „Oma Gottes“, laut lachend losgeht – mit eben jener heiligen Anna, Mutter der drei Marien, und damit der einen, der heiligen Jungfrau, Gottesmutter und Jungfrauengebärerin. Zum anderen: was wir lesen, ist neu, oder besser: anders. Denn Hell zeigt uns, wie sich ein Clan – „Mischpoche Jesu“ – in sehr erdentypischer Weise selbst aufwertet. Und dass es Anna war, die ihrer Tochter das Lesen beibrachte – wie, um Himmels willen?! – eine einfache Frau auf dem Land, oder wie Hell schreibt, „in illiteraler Viehzüchter-Umgebung“ – damit Maria überhaupt die Heilige Schrift lesen und den Heiligen Gruß verstehen konnte. Wieso hat sich darüber bisher keiner Gedanken gemacht? Wir schlagen uns an die Stirn und merken: So gut wir unsere Heiligenlegenden auch kennen mögen. Auswendiglernen hat noch nie gereicht. Mitdenken ist auch bei kanonisierten Texten erforderlich.

Es folgen Johannes der Täufer und die Muttergottes. Leider stoßen wir gleich hier auf die einzige Einschränkung des Buches: Es hat keine Abbildungen. Denn spätestens in den Kapiteln, die sich auf ein bestimmtes Kunstwerk beziehen, werden die Leserinnen und Leser abgehängt. Zumal Hell Werke auswählt, die nicht zum großen Kanon der Kunstgeschichte gehören. Antonio Maderni ist zum Beispiel nicht im Internet zu finden, Lorenzo Lottos Bild „Christus, sein Blut spendend“ kann nur in einer winzigen Darstellung auf den Bildschirm geholt werden, ebenso Details aus dem Innenraum der Wallfahrtskirche Frauenberg an der Enn oder aus dem Stift Admont. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Bilder auf der Webseite des Verlags zu bringen. Dann wäre das Buch tatsächlich rund (eine Art Quadratur des Kreises), so jedoch hinkt es seinem Anspruch leicht hinterher.

Wer sich – spätestens jetzt – fragt, was Ritus und Rita eigentlich für ein Text ist, fragt genau ins Schwarze. Als Essayband vom Droschl-Literaturverlag herausgegeben ist er weder Erzählung, Roman noch klassischer Essay. Er ist fiktional UND realistisch, denn er konzentriert sich nicht auf die Heiligen, er beschreibt ihre Rezeption, die verschiedenen Formen der Heiligenverehrung, das heißt Traditionen, Schriften, Bilder und andere sakrale Gegenstände, so Glocken oder Socken (eigentlich die „Füßlinge“ der heiligen Brigitta von Schweden). Bildbeschreibungen stehen im Mittelpunkt. Und damit eine Textgattung die außerhalb der Kunstgeschichte kaum wahrgenommen wird. Die aber, was Präzision angeht, zu den trefflichsten Prosastücken überhaupt gehört.

Wer beim Lesen außerdem bemerkt, dass Bodo Hell den Punkt als Satzzeichen konsequent meidet, mag den experimentellen Charakter des Textes erfasst haben, und damit den Aspekt, der weit über einen Essay im herkömmlichen Sinn hinausweist. Hell lässt die Heiligen selbst zu Wort kommen, daneben beobachtet er, plaudert, schweift ab und kombiniert. Er verschränkt Sprache und Bild, Inhalt und Form zu etwas Komplexen, einem Crossover von Literatur und Sachbuch, das nicht bloß im Lesen, sondern im Nachfühlen und Nachvollziehen erkennbar wird. Ich sehe was, was Du nichts siehst – so scheint der Autor seine Kapitel zu eröffnen. Nicht jedoch, ohne uns im Laufe seiner Ausführungen auf die Spur dessen zu bringen, was wir anfangs nicht sehen. Hell liefert damit Experiment und Exegese in einem. Und ein ganz großes Vergnügen.

 

Bodo Hell: Ritus und Rita. Essay 69. Literaturverlag Droschl Graz. Wien 2017. Ich danke dem Droschl Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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