Warten

In der Kunsthalle Hamburg ist noch bis zum 18. Juni eine Ausstellung zu sehen, die ich nur zu gerne sehen würde. Sie trägt den Titel „Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit“.

Immer wieder werden wir im Alltag – und natürlich auch in der mit Argusaugen gehüteten Freizeit – mit Warteschlangen konfrontiert. Sei es am Telefon, wo eine dieser entsetzlichen Warteschleifen (was um alles in der Welt denken sich die Leute eigentlich dabei?) die Geduld beutelt. Sei es an den zahllosen Kassen und Tresen, in Wartezimmern (dass es diese entsetzlichen Räume überhaupt gibt), Bushäuschen, an Bahnsteigen, im Terminal, nicht selten am Computer oder im Restaurant, im Auto oder vor dem Herd. Die Reaktion ist meist die gleiche, nämlich negativ. Wer ist nicht genervt, wenn der eigene – am Morgen vielleicht mühsam aufgebaute – Schwung in einer Warteschlange aufläuft. Oder wer mit den vermeintlich schnell abzuhakenden Erledigungen den ganzen Vormittag verbringt. Warten gibt uns das Gefühl der Unterlegenheit. Wir verlieren die Hoheit über unsere Zeit, die Kontrolle über das, was wir tun, beziehungsweise tun wollen. Wir werden ausgebremst, gehindert, vertröstet. Wer empfindlich ist, wird vielleicht auch bald von Panik ergriffen. Was, wenn diese Warterei niemals aufhört. Wenn wir in der Warteschlange den Flug verpassen oder morgen noch einmal zum Warten kommen müssen? Was, wenn wir vergessen wurden und bis ans Ende unserer Tage warten müssen?

In Zeiten, in denen fast alles beschleunigt werden kann, mag das Warten noch schwerer fallen als früher. Hier kannte man die Unabwendbarkeit bestimmter Auszeiten, sei es bei der Ernte, bei der Post oder der Herstellung langwieriger Handarbeiten. Zacki, zacki kam später und macht uns nicht zufriedener, sondern ungeduldig.

Aber es gibt ein Gegenmittel. Das darin besteht, die Wartezeit umzudeuten. Als Pause. Bleibe ich im Stau hängen, kann ich möglicherweise ein paar Fragen für mich – oder am Telefon – klären. Ich kann mir ein neues Menü für meine Familie überlegen, die nächste Reise planen oder in Gedanken nach meinem Kellerschlüssel suchen (der muss ja schließlich auch irgendwo sein). Ich kann vielleicht ein Buch lesen, während die Bahn sich verspätet, oder mir einfach überlegen, wen ich gerade in meinem Leben besonders mag und mal wieder einladen möchte. „Geschenkte Zeit“ mag natürlich angesichts eines überfüllten Wartezimmers zynisch klingen, aber einen Versuch ist es wert. Wie effektiv so etwas sein kann, habe ich neulich gemerkt, als ich völlig genervt auf meinen immer unpünktlichen Lieblingsfreund wartete: Denn statt rumzuwüten und zu schimpfen, dass ich ihn nie wieder einladen, geschweige denn auch nur noch eine Minute meines Lebens auf ihn warten werde, hob ich ein Mottennest in meiner Küche aus. Nein. Man wird natürlich nicht immer belohnt. Und das nächste Mal werde ich vielleicht wieder schlechte Laune bekommen. Aber es zeigt doch, dass wir weniger ohnmächtig sind, als wir meist denken, wenn wir in einer Warteschleife gefangen sind.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

    • agnes p. 23. Februar 2017

      Stimmt, das versuche ich auch. Ein Buch, Strickzeug oder Skizzenbuch in der Tasche lassen manch Wartestunde sinnvoll nutzen. Allerdings ist Umdeuten der Wartezeit nicht immer so leicht umsetzbar; es ist ein langer Lernprozess und ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern. Sonst bin ich schnell wieder in dem alten Wartegroll.

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    • Stephanie Jaeckel 23. Februar 2017

      Cool. Ich überlege gerade, ob das irgendwas an dieser Wartekultur ändern wird. Denn – den Aspekt habe ich jetzt völlig außer Acht gelassen – jemanden warten zu lassen, bedeutet ja auch, Macht zu demonstrieren. Na, sicher nicht beim Busfahrer oder an der Kasse. Aber wir kennen solche Momente sicher auch alle. Und wenn sich rausstellt, dass jemand beim Warten gerade das goldene Ei gelegt hat – ???? Wer weiß…

      Gefällt 1 Person

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