Leben mit dem Original

Neulich hatte ich ein für mich sehr interessantes Gespräch mit Freunden. Es ging um Kunst in den eigenen vier Wänden. Und die beiden erklärten mir unisono, dass sie Originale in ihrer Wohnung nicht haben wollten. Ich war echt platt. Weil – gut, das ist vielleicht eine Art Arbeitsneurose, aber dennoch – ich hätte gerne einen echten Cézanne zum Beispiel. Oder ein Bild von Henri Rousseau oder von Andy Warhol oder, oder, oder. Klar habe ich dafür wenig Platz. Klar würde nicht alles passen. Aber ein Bild für den Banktresor würde ich schon gar nicht haben wollen. Ein Original würde auf die Dauer natürlich in meiner Wohnung leiden. Hier herrschen keine optimalen Museums-Bedingungen. Tatsächlich habe ich ein – wenn auch nicht so berühmtes – Original in der Küche hängen. Da wackeln alle Restaurator/innen mit den Ohren.

Meine Freunde meinten, es gehe sie zu sehr an. Ein Original fordere – wenn ich das richtig verstanden habe – Aufmerksamkeit, und könne deshalb stören. Ich war ernsthaft verwirrt, weil für mich Kunst tatsächlich auch immer für den Gebrauch gedacht ist, das Museum ist meiner Ansicht nach erst eine Art „Zweitverwertung“ – aber eben auch eine – eben öffentliche – Form des „Gebrauchs“. Meine Original-Arbeiten zu Hause beflügeln mich. Sie geben eine Tiefe vor, die im Alltag durchaus mal vergessen werden kann. Sie sind Ruhepunkte. Es ist keineswegs so, dass ich die Bilder tagtäglich betrachte. Manchmal kann ich sie für längere Zeit ausblenden. Aber wenn ich sie anschaue, sind sie da. Wie gute alte Bekannte. Das finde ich schön, und das ist etwas, was Poster nicht vermitteln. Aber was denkt Ihr? Stören Originale? Oder sind sie etwas, was Ihr Euch wünscht?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 14

    • Stephanie Jaeckel 24. Februar 2017

      Der entscheidende Punkt für meine Freunde scheint der zu sein, dass Original-Kunst mehr fordert als bloße Dekoration. Ich empfinde das – zumindest in meiner Wohnung – eher umgekehrt: Als wenn die Werke mir durch Präsenz eher beistehen. Meinen Raum mit etwas anreichern, was dann aber mir „gehört“, nichts von mir abzieht. Ob das auch für politische Kunst gelten würde oder für Bilder, die vom Krieg erzählen oder von anderen Grausamkeiten, weiß ich nicht. Eventuell würden sie aber auch als eine Art „Memento mori“ funktionieren: als Erinnerung, dass wir nicht in einer heilen Welt leben. Nicht so sehr als Gruselmoment, den es immer wieder von Neuem zu durchleben gilt.

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      • mannigfaltiges 24. Februar 2017

        Wenn ich mir etwas an die Wand hänge, soll es mich ja in irgendeinerweise fordern oder um das schöne Wort zu verwenden: erbauen. Ein kurzer Blick reicht ja meist aus um die Gedanken in eine neue Bahn zu lenken. Tun sie das nicht, werden sie früher oder später abgehängt.
        Zur Dekoration genügt eine weiße Wand, Blumentöpfe, eine angenehme Möblierung sowie ein paar 🙂 ein Bücherregale.
        Kriegskunst/photos würde ich mir nicht aufhängen. Davon findet sich genug in den vorhandenen Büchern. Und als „Memento Mori“ reichen mir die täglichen Nachrichtenbilder.

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  1. elefantenblau 24. Februar 2017

    Ich glaube das ist reine Kopfsache. Warum sollte eine Kopie weniger Aufmerksamkeit bekommen, als das Original, wo es doch um den Inhalt des Bildes geht? Die Ästhetik?
    Vielleicht hätte ich mehr Ehrfurcht und Sorge, dass etwas kaputt geht, bei dem Original. Aber ich wäre auch stolz und würde mich sehr daran erfreuen. Das täte ich weniger, läge es in einem Tresor.
    Ich bin kein Künstler – aber ich fände es interessant zu wissen, was ein solcher dazu sagt – wo sähe er sein Werk lieber…

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      • Stephanie Jaeckel 24. Februar 2017

        Die Kopie und das Original. Die Frage, die ja seit es Kopien gibt, im Raum steht, heißt: Gibt es eine Aura, und wenn ja, wie fühlt sie sich an? Oder: Wie unterscheidet sie das Werk von der Kopie? Als Kunsthistorikerin kann ich die Aura bestätigen, aber kaum beschreiben. Sie hat viel mit der Entstehung zu tun, mit der Realisierung zu einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort. Von Entscheidungen wie Größe und Material, sowie von Arbeitsspuren und anderen Zufällen, die im Prozess eine Rolle gespielt haben. In Kopien gehen solche Details eher verloren, bzw. alles wird auf einen mittleren Wert nivelliert, was Farben angeht oder die Darstellung von Material, bzw. Unebenheiten und Fehlern. – Was das Kaputtgehen angeht, halte ich es mit Joseph Beuys. Kunst ist eben auch nur etwas. Und ist dem Zahn der Zeit unterworfen wie alles andere. Zur Not gibt es ja Restaurator/innen, die grobe Unfälle beseitigen können. – Kühnster/innen, würde ich vermuten, sehen ihre Arbeiten heute lieber in Museen als bei Menschen zu Hause. Weil es in Museen eine größere Aufmerksamkeit gibt. Aber ich denke, sie freuen sich, wenn die Käufer/innen gerne mit ihren Arbeiten zusammenleben.

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  2. papiertänzerin 24. Februar 2017

    her mit den Originalen, wenn ich sie mir denn leisten könnte 😉 (allein die Farben!) Aber eine gewisse Scheu wäre da auch (jedenfalls bei Cézanne). Ich glaube es sind die Ansprüche, das Gefühl der Verantwortung, vielleicht die Frage, ob ich als Einzelperson dem Werk gerecht werde oder auch, ob ich so ein Original überhaupt für mich allein haben darf, einfach so, und ohne den ganzen schlauen Diskurs drumherum oder ob Kunst nicht geteilt gehört ( denn ohne die Zweitnutzung in Mussen würde ich sie ja gar nicht zu Gesicht bekommen).

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    • Stephanie Jaeckel 25. Februar 2017

      Oh, ich sehe, ich habe da deutlich weniger Skrupel. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass Kunst wandert (ich lebe ja nicht ewig), oder dass es ja auch Freund/innen gäbe, die das Werk bei mir zu Hause sehen könnten oder andere Gäste. Kunst gehört geteilt. Aber es gibt an der Kunst vielleicht mehr als an der Literatur diesen Aspekt des „Schatzes“. Dieses Gefühl, etwas Wertvolles für sich zu haben und davon das eigene Leben bestrahlen zu lassen. Und wenn wir ehrlich sind, stehen wir auch nicht jeden Tag in einem Museum, um uns an der Kunst zu erfreuen 😉

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  3. Maren Wulf 24. Februar 2017

    Schöne Überschrift! Auch ich bevorzuge bei Gemälden ein „Leben mit dem Original“. Eine Reproduktion hat ja einen vergleichsweise flachen Puls. (Die Vorstellung, mich bevorzugt mit Dingen zu umgeben, die mich nichts angehen – ich überspitze vermutlich maßlos -, finde ich i.ü. einigermaßen bizarr.)

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    • Stephanie Jaeckel 25. Februar 2017

      Danke fürs Lob. Ich bin nämlich im wahren Leben ein Überschriften-Looser. Kann ich einfach nicht besonders… – Was die Kunst im eigenen zu Hause angeht: Ja, ich war auch einigermaßen überrascht, als meine Freunde das so formulierten. Ich glaube, sie wollen vor allem freie Flächen zum „Selbstdenken“ haben. Was ich auf eine Art ganz gut verstehe, weil ich auch versuche, nicht alle Wände voll zu pflastern. Aber ich habe eben auch die Erfahrung gemacht, dass die „Originale“ mich nicht ablenken, sondern in die Tiefe gehen. Also auf eine Art mehr Raum erzeugen, als die weiße Wand. Doch ist das wahrscheinlich für Menschen so verschieden wie der Geschmack von Schokolade oder so….

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  4. Myriade 24. Februar 2017

    Klar hätte ich gerne einen Nolde herumhängen, oder ein Frida-Kahlo-Bild, oder…oder. Wenn das so wäre würde ich mich darüber sehr freuen und die Bilder sehr genießen, aber auf die Idee, dass die Bilder, wie großartig sie auch sein mögen , irgendwelche Ansprüche an ihre Besitzer/Bewunderer stellen können, bin ich noch nie gekommen …..

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