Jetzt hat sie mich doch noch erwischt. Wo ich vor lauter Sonnenschein im September dachte, daran vorbei gerutscht zu sein. Die Tage sind kürzer, das Licht schummrig und bis ich mich wieder an sie gewöhnt habe, kratzen die Wollpullis.
Sie ist eine treue Besucherin, die Herbstmelancholie. Ohne sie würde der Jahreszeit wohl etwas fehlen, das Stille, das Erinnern, die Traurigkeit, aber auch die Liebe zu den (verlorenen) Dingen und Menschen. Vergangenes und Vergänglichkeit kreuzen die Gedanken, ich werde ruhiger. Angesichts der ungeheuren Weltzeit kann ich auch mal die Hände in den Schoß legen. Wer bin ich denn, um ruhelos durchs Universum zu rennen? Gelten meine Ziele noch? Brennt mein Herz noch? Lebe ich überhaupt noch? Wo ist mein Horizont? Muss ich die Richtung wechseln? Oder möchte ich es? Die Melancholie, so scheint es mir, ist voll, während die Verzweiflung leer ist. Insofern fürchte ich sie nicht. Aber sie stellt mir jedes Jahr aufs Neue die Frage: Ist es das, was du willst? Zum Glück sind die Abende lang, um erneut eine Antwort zu finden.

Myriade 12. Oktober 2016
Die Melancholie, so scheint es mir, ist voll, während die Verzweiflung leer ist.
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Das ist wohl wahr, eine nachdenkenswerte Betrachtung. Danke für die Anregung !
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papiertänzerin 17. Oktober 2016
… mal wieder wunderschön in Worte gefasst, bin auch mittendrin 😉
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andreaschopfbalogh 19. Oktober 2016
„Die Melancholie, so scheint es mir, ist voll, während die Verzweiflung leer ist.“ – sehr schön ausgedrückt.
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