Verzeihen

Was für ein großes Thema. Und meine mal keiner, einmal verziehen sei alles schon wieder vergessen. Es gibt so eine Art Verzeihungs-Schluckauf, der mich gelegentlich befällt, wenn ich denke, dass alles „für die Katz“ war oder schlimmer noch, dass mein Verzeihen eh im Dunkeln bleibt, weil es die, die es betraf, gar nicht interessiert. Selbstmitleid, ich weiß. Aber eben, das kommt auch gelegentlich vorbei. Und es hat ja – so einfach ist es schon gar nicht – oft Recht. Objektiv betrachtet war ich die Dumme, etwas zu verzeihen, was ungeheuerlich war. Und? War ich vielleicht zu lasch? Habe ich es mir zu leicht gemacht? Wollte ich das Problem einfach erledigen? Rache kann ja enorm aufwändig sein.

— Nö. Ich war vielleicht zu wenig hartnäckig. Aber aus gutem Grund: Denn wo ich hier Energie in Rache stecke, könnte ich woanders etwas spannenderes machen. Oder mich Menschen zuwenden, die mein verbiestertes Herz wieder öffnen. Außerdem: Gibt es mir wirklich Genugtuung einem anderen Schaden zuzufügen? Oder ihm – wie gerecht das auch wäre – etwas heimzuzahlen? Dann lieber ein Eis essen. Manchmal packt es mich, dass mein Verzeihen eben gar nicht mehr ankam. Dass es nicht mal für eine Überraschung gut sein konnte. Es ist schlicht untergegangen wie die Welle im Meer. Am Ende bin ich nur der Balance in meinem Herzen verpflichtet. Der hat es gut getan. Der andere Mensch muss ja nicht dankbar sein, nicht mal überrascht. Bleibt für mich die Erleichterung, dass ich keinen Schreck bekomme, wenn er oder sie in meinen Träumen auftaucht.

Ach so, ich habe mir das Buch „Verzeihen“ von Svenja Flaßpöhler besorgt, das ich demnächst hier rezensieren werde. Vor dem Lesen wollte ich mir ein paar eigene Gedanken machen. Später also mehr.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

    • Stephanie Jaeckel 4. Mai 2016

      Eis statt Rache klingt vielleicht ein bisschen schnoddrig – meist geht es ja wirklich um was. Aber das ist schon eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Nicht in dem Sinn, dass es mir gut geht, sondern dass ich auch den Fokus auf etwas anderes richten kann, auch wenn ich sehr verletzt bin.

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