Stolz

Da steht er, golden, stattlich, prächtig anzuschauen, aber ziemlich allein. Klar doch, wir haben verstanden, er hat den höheren Status, nein, nicht mal in hundert Jahren hätte ich so ein Geweih – ach so, ja, ich sowieso nicht (es gibt eben keine Hirschinnen, gell Sieglinde?). Ich habe flache Schuhe und umrunde den Stolzen durch Matsch und Pfützen und überlege: Wollen wir wirklich tauschen?

Nein, soviel ist klar, denn ich bin zum Essen verabredet. Andererseits, bin ich nicht auch gelegentlich stolz und mir hochgerecktem Kopf und breitem Gang unterwegs? Stolz ist eine elementare Emotion, als solche angeboren. Andererseits führt Stolz als Superbia die sieben Todsünden an. Als Entgleisung, grandiose Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten. Wer ein gutes Leben führen will, braucht unbedingt Selbstachtung und Selbstbewusstsein. Wo ist also die Schwelle? Wenn ich zufrieden bin mit mir und dem, was ich tue, könnte es ein schöner, strahlender, sympathischer Stolz sein. Wenn ich mich höher einschätze als andere, konkurriere, immer alles besser wissen muss, erstarre ich vielleicht schon unter einer zu dicken Schicht Goldlack. Stolz kann einem ganz schön die Perspektive verhageln – oder wie schrieb Fontane:

„Es gibt viele Hähne, die meinen, dass ihretwegen die Sonne aufgeht.“

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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