Erinnerungen

Vielleicht sind es überwucherte Mauern. Fest gefügt aus Erlebnissen, aber versteckt unter dichtem Grün. Vielleicht sind es verwunschene Stellen im Park, die man lange nicht mehr aufgesucht hat und die im Schatten versinken. Traumbilder, die – und da durchfährt mich ein Schreck – womöglich doch einmal Wirklichkeit waren. Unscharfe Gesichter, verzerrte Proportionen, merkwürdige Farben. Aus meinem Leben – oder habe ich davon mal gelesen?

Wenn jemand stirbt, wachsen an seiner oder ihrer Stelle Erinnerungen in die Höhe. Manchmal nur Schnappschüsse. Dann ganze Geschichten oder Wörter, kurze Szenen, Bruchstücke, die einen aus der Vergangenheit anspringen. Ohne Spuren ihrer Herkunft zu verraten: War ich da noch ein Kind? Wohnte ich da noch zu Hause? War ich überhaupt dabei?

Erinnerungen machen reich. Und verdichten den Augenblick. Sie geben mir Boden. Aber sie verunsichern mich auch, wenn ich sie nicht mehr zuordnen kann. Denn das passiert – ich habe kein besonders gutes Gedächtnis. Wer im Alter dement wird, muss auf Erinnerungen verzichten. Sind sie womöglich ein Gepäck, das wir am Ende unseres Lebens irgendwo aufgeben müssen, wie den Koffer am Abflugterminal? Schließlich sind wir auch mal ganz ohne Gepäck angekommen.

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. mannigfaltiges 31. März 2016

    Meine Erfahrung war, dass die Dementen sich nur noch in der Vergangenheit, in ihren Erinnerungen bewegen. Zuerst war ich für meine Mutter Ehemann, dann Bruder schließlich der Vater (alle längst tot). Zum Schluß ging sie wieder, wie in ihrer Kindheit, Gänsefüttern und -hüten.
    Als dann alles vorbei war, kamen die Träume und Traumfetzen, wohl irgendeine Verarbeitung. Erst vergangen Nacht träumte ich von dem Haus in dem ich mit meine Eltern aufwuchs. Ich war alleine und erwartete jemand, es kam dann ein unbekannter Politiker…

    Gefällt mir

    • Stephanie Jaeckel 31. März 2016

      Das ist bei Demenz offensichtlich der ganz übliche Vorgang. Zurück in die Kindheit und irgendwann geht das Licht aus. Meine Mutter war an der Stelle untypisch, sie konnte in einem späten Stadium noch neue Gesichter zuordnen, allerdings nicht unbedingt zu Namen. Es kommt wahrscheinlich darauf an, wie das jeweilige Gehirn vernetzt ist. Es ist für mich allerdings immer wieder toll, wenn die alten Menschen wieder Zugang zu ihrer Kindheit finden. Es gab im Heim meiner Mutter nach dem Abendessen oft große Runden, wo diejenigen, die in Brühl geboren waren, über geheime Verstecke im Park stritten, über den Ort, an dem verschiedene Läden mal waren oder weiß ich was. Das war eine echte Bereicherung.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s