Gute Reise

Heute Nacht ist meine Mutter gestorben. Friedlich, wie man mir sagte, im Schlaf. Kurios, dass sie mir noch eine Nachricht geschickt hat, so zumindest verstehe ich das, denn ich wurde wach, als sie starb – meine Manie, beim Aufwachen immer gleich auf die Uhr zu sehen, legt diese Zeitgleiche zumindest nah.

Sie war eine so schöne und mutige Frau. Die im Alltag zerbrochen ist. Ich habe sie in vielem erst spät verstanden, wir kamen im Grunde aus anderen Welten, wo sie den Krieg erlebt hatte, war bei mir eine Leerstelle, die ich mit keiner Fantasie der Welt füllen konnte. Ich hätte sie gerne als junge Frau kennen gelernt. Als Mutter war sie oft überfordert, fast schon fahrlässig desinteressiert. Aber sie hat mir gegeben, was sie hatte. Wenn ich alte Fotos sehe, weiß ich, dass sie gute Zeiten erlebt hat. Mein Vater hat sich während ihrer jahrelangen Alzheimer-Krankheit sehr um sie gekümmert. Das war eine Versöhnung, das glaube ich fest, sie haben während der Krankheit als Paar wieder zusammen gefunden. Ich wünsche ihr eine beste Reise, denn für mich ist sie ganz sicher irgendwohin unterwegs. Ahoi Lady! Mit Liebe.

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 15

  1. wildgans 22. März 2016

    So richtig zu „klunkerdesalltags“ will mir der Eintrag nicht passen.
    So heißt nun mal das Blog.
    Was mir sehr gefällt, Deine Abgeklärtheit – und dieses prachtvolle Foto einer prachtvollen jungen Frau!
    So richtig „Beileid“ aussprechen will ich nicht – habe den Eindruck, Du kommst damit klar.
    Beim Tod meiner Mutter entstand in der ersten Zeit danach mein Wille, mir ihr Leben näher zu betrachen, nachträglich. Doch dann kam dieses Zaudern. Ich wollte nicht ZU viel aufwühlen, für mich gut sorgen, das wollte ich, und habe es getan. Und wo der Zorn herkommt, den ich jetzt, nach vier Jahren, empfinde, wenn ich an sie denke, das weiß ich nicht. Ist nicht mehr wichtig, er wird bald verrauchen!
    Gruß von Sonja

    Gefällt mir

    • Stephanie Jaeckel 22. März 2016

      Danke für Deine Rückmeldung. Ich habe tatsächlich mit dem Schreiben gezögert. Aber: Der Tod ist Alltag. Und: Der Tod ist wie die Geburt ein Fest. Keine Ahnung, aber da bin ich mir vollkommen sicher. Daher habe ich den Text geschrieben, zumal ich hier gelegentlich über meine Mutter und ihr Krankheit berichtet habe und es wichtig finde, jetzt auch den Schluss zu erwähnen.

      Gefällt 3 Personen

  2. borretsch 23. März 2016

    Liebe Stephanie,

    danke, dass du dieses Alltagserlebnis mit uns teilst.
    Es gehört zum Leben dazu und jeder von uns wird sterben. Nur wann, wissen wir (meist) nicht.
    Wir sind Menschen, wir haben, wie alles hier auf der Erde, ein Verfallsdatum.
    Deine Mutter spürte dies nur zu gut. Die Angst, vor der eigenen Vergänglichkeit, lähmte sie, Zeit und Liebe in die wichtigsten Menschen, dich und deinen Vater, zu investieren.
    Dieser unscheinbare Zeitdruck, beherrscht uns all. Jeder geht damit anders um.

    Die Krankheit brachte Reue, über diese versäumte Zeit, mit euch, zum Vorschein.
    Wir können uns, unserer alltäglichen Wahrheit nicht entziehen.
    Alles schnallst zu uns zurück, wie ein zu weit gespanntes Gummiband.

    Ich wünsche dir trotzdem, von Herzen, viel Kraft, deine Mutter für immer loszulassen und sie trotzdem, ganz nah bei dir, im Herzen zu tragen.

    Alles Liebe

    Mion

    Gefällt mir

  3. Stephanie Jaeckel 23. März 2016

    Alzheimer ist eine schlimme Krankheit. Aber sie gibt den Angehörigen viel Zeit für den Abschied. Das kann auch nervenzehrend sein. Am Ende waren wir alle dünnhäutig, weil es mit meiner Mutter immer und immer noch weiter ging, auch wenn wir das Gefühl hatten, es sei jetzt wirklich genug. Aber sie hatte die Geduld. Und wir sind ihr darin gefolgt. Das war auch eine große Lektion. Sie ist mir in der langen Zeit auch wieder nah gekommen. Weil sie selbst zum Wesentlichen zurückkehrte und zu ihrem eigenen, wirklich reizenden Wesen. Ich bin froh, sie so noch einmal kennengelernt zu haben. In der Krankheit war sie ein Vorbild. Dafür bin ich dankbar.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s