Der schwebende Künstler

Weiter geht es mit meinem Helden Henri, den spät erst entdeckten Maler, der mir zumindest den Kopf verdreht hat und mich das Sehen – einmal mehr – lehrte.

In der Kunstgeschichte galt er lange als umgekehrter Held, als Narr oder Clown, der mit der Fülle von Möglichkeiten jonglierte und alle zum Lachen brachte. Von heute aus betrachtet hat die Zuordnung Rousseaus als „naiver“ Künstler zumindest den Vorteil, dass er aus allen Zeitrastern fällt und sich damit eine Präsenz bewahrt, die weder Picasso noch die Neuen Wilden je wieder erreichen werden.

Einer der wenigen Zeitgenossen, der vor Rosseau stehenblieb und sich die Augen vor Bewunderung rieb, war der Kunsthändler und -sammler Wilhelm Uhde. Er spürte sofort das ungeheuerliche Karacho in Rousseaus vermeintlich kindlicher Bildsprache und die Eigenständigkeit, Innovationskraft sowie vollkommene Unabhängigkeit von allem und jedem, die sich der Maler damit bewahrte. Tatsächlich einer, der – wie auf seinem Selbstporträt – abhob, sich abhob und sein Publikum, zumindest im Spass auf die Größe von Mäusen degradierte (und er hatte wirklich allen Grund dazu). Uhde verstand. 1921, da war Rousseau längst tot, schrieb er über die Borniertheit der Kritiker, die sich vor Rousseaus Bildern kaputt lachten, die aber, wie Uhde scharfsinnig notiert, nie und nimmer einen Cézanne entdeckt hätten. Picasso hatte übrigens auch die Augen offen und kaufte 1908 seinen ersten Rousseau. Er gab darauf hin eine Party für den verkannten Künstler und durfte sich folgenden, sehr rätselhaften Kommentar des Gefeierten anhören. Rousseau sagte an dem Abend zu Picasso, zumindest ist es so überliefert: „Wir sind die beiden größten Maler dieser Zeit, du im ägyptischen Stil und ich im modernen.“

Modern im Sinn von avantgardistisch sind Rousseaus Bilder tatsächlich. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Sie brechen mit der Tradition ebenso, wie sie sich von den damals gefeierten Stilrichtungen abheben, dem Impressionismus, dem Expressionismus oder dem Fauvismus. Am meisten nähert sich Rousseaus Malstil dem dekorativen Art Nouveau an. Allerdings geht es Rousseau weniger um die schöne Linie, als um den Inhalt seiner Bilder, den er stets präzise mit vermeintlich kindlich naiver Logik (man könnte auch surreal denken oder unrealistisch) beschreibt. Hier soll kein Zeitgeist eingefangen werden (wie so oft in der damals aktuellen Kunst), kein modernes Lebensgefühl – auch wenn sich Rousseau durchaus für die verschiedenen Facetten des Großstadtlebens interessiert. Er malt, um Wilhelm Uhde zu zitieren, „nicht Entrücke, Episoden, Einfälle, Experimente, sondern Bilder (…)“.

Was wiederum Uhde damit meinte – dazu später mehr. Das Foto ist von Wiki – wenn ich das richtig verstanden habe, ist es rechtefrei. Wenn ich es falsch verstanden habe, nehme ich es sofort wieder weg.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. Stephanie Jaeckel 18. März 2016

    Ja, es muss ein rauschendes Fest gewesen sein, alle waren blau, bis auf die Geschwister Gertrude und Leo Stein samt Freundin Alice Toklas. Die Nacht war wohl die wichtigste in Rousseaus Künstlerleben, denn sie öffnete ihm endgültig die Tür zum Kreis derjenigen, die die europäische Kunst zu Beginn des 20. Jhs vorantrieben….

    Gefällt 1 Person

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