Kunst – oder was?

Es gibt, wen vor Bildern der Zweifel plagt, eine – durchaus pragmatische – Definition: Was im Museum hängt, ist Kunst. Seit es Museen gibt, haben sich Besucher/innen bei so einer Äußerung an den Kopf gefasst. Sicher auch die Zeitgenosse/innen von Henri Rousseau, der dieses Dschungelbild gemalt hat. Für sie war dieser Père – Papa – Rousseau ein kindlicher Spinner, der meinte, Bilder malen zu müssen, statt wie andere Rentner Boule zu spielen oder gemütlich einen Viertel Roten zu trinken. Dass seine Bilder heute in den renommiertesten Museen der Welt hängen und seit Jahrzehnten unverkäuflich sind, wie „Das Mahl des Löwen“, hätte ihnen wahrscheinlich arg zugesetzt. Oder sie hätten diese ungeheure Überraschung überdacht. Und sich das Bild noch einmal angeschaut – und zwar gegen ihre ansonsten überhebliche Gewohnheit.

Für mich war Henri Rousseau eine späte Entdeckung. Ich kannte ihn allerdings lange auch nur von Abbildungen her. Als ich vor „meinem“ allerersten Original stand, traf mich regelrecht der Schlag. Es heißt „Der Traum“ und kommt wie das Löwenmahl  aus dem New Yorker MoMa. Es ist mit zwei auf drei Meter für jemanden, der Rousseau-Gemälde nur aus Katalogen kennt, überraschend groß. Ich stand dem Löwen, der auch in dem Traumbild eine Rolle spielt, quasi gegenüber. Es war passiert, ich hatte mich Hals über Kopf, und, wie ich rückblickend sagen kann, nachhaltig verliebt. Rousseau wurde mein Lehrer. Für mich als Kunsthistorikerin, aber auch als nachgeborene Erdenbewohnerin. In den nächsten Tagen werde ich dazu noch etwas schreiben, gerade erschlägt mich fast die Müdigkeit. Zeit in Rousseaus Traumwelten zu verschwinden.

 

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 16. März 2016

      Das ist eben das Tolle, gleichzeitig die Krux von Kunst. Besonders irre in diesem Zusammenhang ist ja der Befund, dass gerade Zeitgenossen auf ihren Kunstaugen blind sind. Dass es also zahlreiche verkannte oder völlig übersehene Künstler/innen gibt, denen erst von der Nachwelt Respekt gezollt wurde. Ein Phänomen, das sich bis heute nicht auflösen lässt. Das betraf eben auch Rousseau, den ich mir hier herausgepickt habe.

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  1. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 16. März 2016

    Rousseau ist interessanterweise nicht besonders verständlich. Ich hoffe, das in den nächsten Tagen noch etwas beleuchten zu können. Er ist zumindest nicht das, was er – oder auch seine Gegner – vorgeben: ein naiver Maler. Aber es stimmt, und das wiederum gilt für alle Kunst: jeder bestimmt selbst, was ihr oder ihm gefällt. Oft fallen die Urteile, je nach Lebenslage oder Stimmung anders aus. Es gibt eben auch Kunstwerke, die in der Jugend von Bedeutung waren und längst nur noch wie Kitsch wirken oder kalter Kaffee. Es ist zum Beispiel auffällig, wie viele junge Leute über Kandinsky Lust auf Bilder bekommen. Kunst ist auf jeden Fall mehr als eine Frage der Interpretation (um Himmels willen! Ich wäre ja meinen Beruf los 😉 Denn es gibt Maßstäbe. So wie es welche für Literatur gibt oder technische Bauwerke oder Lebewesen. Allerdings sind diese Maßstäbe nicht fest, sondern verändern sich im Laufe der Jahrhunderte, ach ja, ein weites Feld…

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