Von wegen, angeboren…

Was uns Vergnügen bereitet, ist im weitesten Umfang erlernt. Oder von unserer direkten Umgebung abgeschaut. Eigener Geschmack ist also ein längerer Prozess, und er kann und wird sich möglicherweise noch wandeln, wenn wir ihm Gelegenheit durch neue Erfahrungen geben. Angeblich ist der eigene Geschmack ein menschliches Gut. Ich bin allerdings nicht so sicher, weil ich Haustiere kenne und kannte, die mit sehr artunspezifischen Gelüsten aufwarten, bzw. aufwarteten. Allerdings bin ich nicht wirklich informiert, wie weit bei den jeweiligen Tieren die Spanne reicht (zum Beispiel vom Vegetarischen hin bis zum Lieblingsknochen). Jedenfalls gilt es immer zu bedenken, dass der eigene Geschmack noch dehnbar ist. Falls man Interesse hat, noch in die eine oder andere Richtung abzubiegen. Das gilt für Essen ebenso wie für Musik oder Bildende Kunst (und, und, und). Komischerweise ist (bislang) nur das Mögen oder Überhaupt-nicht-Mögen von Koriander nicht zu bewegen. Hier gilt Entweder/Oder, denn offensichtlich gibt es ein Gen oder eine Genveränderung, die dafür zuständig ist. Schönheit löst Emotionen aus – und auch ihr gilt, wir können unser Hirn trainieren, um Schönheit wahrzunehmen. Ich habe mich oft gefragt, was ich bloß in meinem langen Kunstgeschichtsstudium gemacht habe. Eins ganz sicher: Schönheit sehen. Und für alle, die darüber immer noch gerne lachen: Es macht glücklich, Leute. Glück, bzw. Vergnügen liegt im Gehirn an einer Stelle, sei es nun Essen, Musik, Kunst oder Sex, das, die oder der uns gerade erfreut. Vergnügen ist dabei so eine Art Ausrufezeichen im Kopf: Achte darauf! Ruft es uns zu. Du wirst es später noch einmal gebrauchen. Es gibt noch ein anderes Ausrufezeichen. Es liegt genau auf der anderen Seite: der Schmerz. Das scheint ein Grund zu sein, weshalb SM-Gelüste von den einen geliebt, von den anderen jedoch gemieden werden. Es ist eine Art Doppelung der stärksten Impulse überhaupt, und das kann eben noch größeres Vergnügen bereiten oder zu viel sein. Was übrigens auch bedenkenswert ist: Die Vorfreude ist auch ein Teil des Vergnügens. Und die Erinnerung erst recht.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Avatar von schlingsite

    schlingsite 24. Februar 2016

    Das Thema Epigenetik ist auch ganz spannend bezüglich einer eventuellen Vorprägung.Es scheint Hinweise zu geben, daß die Gensteuerung weitergeben werden kann.Immerhin sind Menschen meistens mit Verstand begabt und können so verschiedene Wege zur Problemlösung einschlagen.

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