Brauche ich einen Lifestyle?

Nein. Die Frage ist nicht ironisch gemeint. Ich lebe seit Jahren in einer Großstadt und eins ist klar: Nichts ist klar und nirgends Konsens, weil alle tun, was sie wollen, oder so tun, als wollten sie, was sie machen und nicht machen, oder demnächst mal machen wollen und am liebsten gleich alles auf einmal. Schon zu meiner Studienzeit gab es keine festen Codes mehr, jede und jeder musste sich neu erfinden und selbst, wer sich nur so durchwurschtelte, wurde auf seine Trendigkeit abgescannt (naja, zumindest von einigen). Diese Woche ist wieder Fashion Week, wer will, kommt gut dran vorbei, aber beim Weg durch eine nahegelegene Szenemeile (Kreuzberg halt) dachte ich, dass ich wohl kaum etwas kaufen, machen oder lassen kann, ohne dass es von meiner Umwelt als „statement“ gelesen wird. Denn alles bedeutet heute etwas, und wenn du von dem und von dem anderen nimmst, kombinierst du schon wieder was, ohne vielleicht die geringste Absicht gehabt zu haben. Lifestyle wäre dann für mich, dass ich reflektieren könnte, wie das gelesen wird. Oder was das bedeuten könnte. Oder wie ich von anderen dann so oder so wahrgenommen werde. Und noch mal nein. Ich finde das nicht oberflächlich. Ich bin mir oft meiner Zeichenhaftigkeit gar nicht bewusst. Und das ist gar nicht gut so.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 15

  1. Michael H. Gerloff 21. Januar 2016

    Was würde Dir denn der so definierte Lifestyle nutzen? Daß andere Menschen mich mglw. ständig in Schubladen packen oder auch nur Statements „erkennen“, die keine sind – nicht mein „Problem“. Ich bin es gewohnt, und die Menschen tun, was sie für richtig halten. Bestenfalls erkläre ich Menschen, daß sie evtl. gerade sehr falsch liegen. Oder was eigtl. hinter dem steckt, was sie als Statement deuten.

    Etwas anderes wäre es, wenn ich mir eines Tabubruchs bewußt wäre. Da mir gerade keiner für mich einfällt, konstruiere ich mal einen: Ich würde im Glitteranzug zu einem Staatsakt gehen, obwohl ich weiß, daß da ein gedeckter bis dunkler Anzug erwartet würde. Dann wäre mir klar, daß das Tragen als Statement gelesen würde, über das ich mir auch Gedanken machen würde. Dafür bräuchte ich auch keinen Lifestyle.

    Aber vielleicht verstehe ich wie Myriade den Hintergrund nicht.

    Ansonsten:
    „Wenn ich ein Wort gebrauche,“ sagte Humpty Dumpty ziemlich höhnisch, „dann bedeutet es gerade das, was ich es bedeuten lassen will — nicht mehr und nicht weniger.“
    „Die Frage ist nur,“ wendete Alice ein, „ob Sie Wörter so viele verschiedene Dinge bedeuten lassen können.“
    „Die Frage ist nur,“ erwiderte Humpty Dumpty, „wer der Herr ist — nur das.“ (Lewis Carroll, „Alice hinter den Speigeln“)

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  2. Stephanie Jaeckel 21. Januar 2016

    Danke erst mal für Eure Rückmeldungen! Was die Verständlichkeit angeht: Tatsächlich möchte ich gelegentlich „unfertige“ Texte schreiben, also Gedanken, die sich in meinem Kopf im Kreis drehen. Weil sie beim Aufschreiben oder beim Wiederlesen manchmal klarer werden, oder weil sie etwas in den Leserinnen und Lesern anstoßen, auf das ich nicht komme. Ein Text ist für mich in diesem Sinn nicht nur eine Aussage, sondern auch ein Angebot, weiter zu denken oder zu assoziieren.

    Es geht mir auch nicht um Meinungen. Ich habe grundsätzlich keine. Was ich beobachte, versuche ich zu ordnen. Sonst käme ich kaum durchs Leben. Natürlich habe ich einen Haufen Vorurteile und Fehleinschätzungen. Aber um Meinungen drücke ich mich, wo es geht. Überzeugungen ja, so etwas wie Werte. Keine Meinungen.

    Ein definierter Lifestyle wäre eben, wie ich zu schreiben versuchte, eine Maßnahme, das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen. Meine Beobachtung ist ja, egal wie wenig ich mich selbst darum kümmere, „gelesen“ werde ich immer. Ich arbeite in einem Großraumbüro und gelegentlich werde ich auf etwas angesprochen, dass meine Kolleg/innen dort als „typisch“ für mich lesen, was mir selbst aber noch gar nicht aufgefallen ist. Zum Beispiel benutzte ich oft Tüten. Als mich jemand gefragt hat, ob ich denn keine Handtaschen hätte – !? Ich habe welche, aber für mich ist die Tüte gleichrangig. Da haben wir so ein Beispiel.

    Ich finde es schade, dass man gleich den anderen ein „Problem“ zuschiebt, wenn sie einen falsch, nicht oder irgendwie einordnen. Es geht – und ich dachte in den letzten Tagen natürlich auch oft an David Bowie – um eine Kommunikation mit Fremden oder Unbekannten. Mir machen zum Beispiel modische Outfits großen Spass. Wenn ich jemanden sehe, der oder die gut, bunt oder ausgefallen gekleidet ist, freue ich mich. Da bekomme ich richtig gute Laune. Das könnte ja auch etwas sein, was ich nach außen geben kann. Das würde mir in dem Sinn nichts nutzen, aber wäre eine weitere Möglichkeit des Ausdrucks.

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  3. Stephanie Jaeckel 21. Januar 2016

    Ich habe gerade ein Interview mit der Trendforscherin Lidewij Edelkoort im „Zeit Magazin“ (online) gelesen, wo ich das folgende Zitat gefunden habe. Es geht um die Frage von Emanzipation, und eben von einer Emanzipation als Gewahrenden des eigenen Lebensstils:

    Lidewij Edelkoort: Im Kleinen. Überdenken Sie, wie sie schlafen, wie Sie kochen, wie Sie ihre technischen Geräte verwenden. Wie und wofür Sie sich verantwortlich fühlen. Emanzipieren Sie sich von den Überzeugungen, die im 20. Jahrhundert galten, lassen Sie sich auf das 21. Jahrhundert ein. Das ist jetzt schon in seinem sechzehnten Jahr, „Sweet Sixteen“, die beste Zeit, um sich gegen geltende Normen aufzulehnen und eigene Ideen zu entwickeln.

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  4. Myriade 21. Januar 2016

    Hmmm ….. wenn nun jemand etwas in dein Verhalten/Styling hineininterpretiert, das gar nicht da ist und du weißt, dass er/sie das hineininterpretiert ….. und wenn andererseits er/sie weiß, dass du weißt, dass sie wissen …… irgendeine Schleife habe ich da jetzt übersehen 🙂 🙂

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    • Stephanie Jaeckel 22. Januar 2016

      Ich wusste es eben nicht. Ich dachte, wenn ich „nur so“ rumlaufe – als Beispiel – wäre das klar. Ist es aber nicht. Dass die Tüte manchmal praktischer ist, weil sie zusammengeknüllt in die Anoraktasche passt, nee, Fehlanzeige. Zumindest in meinem Alter. Da denken andere an Armut. Die Überraschung für mich war, dass eben alles gelesen wird an einem. Weil es keine verbindlichen Kodizes mehr gibt. Und weil wir vielleicht, wie Frau Edelkoort meint, im 21. Jahrhundert dran sind, alle unsere Handlungen neu zu überdenken. Es kann mir natürlich egal sein, was andere denken. Aber ich kann eben auch Lebensstil als Kommunikationsmöglichkeit nutzen, in einem fröhlichen Sinn. Klappt es jetzt?

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      • Myriade 22. Januar 2016

        Was ich nicht verstanden hatte, war, ob du es gut oder schlecht findest, dass es weniger Verhaltensnormen gibt als „früher“ (wann immer das jetzt ist).Weil du ja einerseits schreibst, dass alle tun können, was sie wollen und sich selbst erfinden können/müssen, dass dies andererseits aber von anderen gescannt und beurteilt wird.
        Aber ja, jetzt habe ich kapiert, was du meinst :mrgreen:
        Ich denke diese verbindlichen Kodizes sind in vielen Bereichen gültig. Wobei die Verbindlichkeit im beruflichen Bereich klar ist: wer dressing-codes oder sonstige Normen nicht einhält, läuft Gefahr den Job zu verlieren, außer er/sie ist überragend gut oder aus sonstigen Gründen in einer unantastbaren Position. Im privaten Bereich muss man die Kodizes einhalten, wenn man irgendwo dazugehören möchte, wobei man ja aber doch auch zu den unkonventionellen gehören kann, zu den uninterpretierbaren, zu jenen, die sich immer wieder anders geben….. Ob das jetzt besonders authentisch ist, ist eine andere Frage.
        Die Sache mit der „Emanzipation“ vom Lifestyle des 20 Jahrhunderts halte ich – sorry – für reines Geplapper zum Füllen von Seiten. Warum sollte denn ein Datum der Anlaß sein zu überdenken, „wie Sie schlafen, wie Sie kochen, wie Sie ihre technischen Geräte verwenden.“ Das sind doch reine Worthülsen.
        Dass man sich durch Tragen bestimmter Kleidungstücke von irgendwas emanzipiert, halte ich für einen pubertären Ansatz. Das erinnert mich an eine Werbung von irgendeinem on-line-shop für Männerbekleidung. Da heißt es ungefähr: „Wir schicken dir genau die Bekleidung, die du brauchst damit du deinen ganz persönlichen Stil realisieren kannst“ Absurder geht´s eigentlich nicht, nur ist das der Werbe-agentur noch nicht aufgefallen, oder sie geht davon aus, dass ihre potentiellen Kunden nicht einmal einen kleinen Ansatz von kritischem Geist haben.

        Entschuldige, dass ich mich da so ausbreite, aber wenn mir jemand erzählt, ich müsse meine Art zu leben hinterfragen, weil der Kalender das 21. Jahrhundert anzeigt, weiß ich nicht, ob ich lachen oder mit irgendwas werfen soll. Dass es klug ist, seine Gewohnheiten laufend zu hinterfragen, ist ja klar !

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  5. papiertänzerin 22. Januar 2016

    … ein definierter Lifestyle klingt mir zu eng, meine Gewohnheiten zu hinterfragen, finde ich jedoch gut und wichtig. Allerdings erstmal für mich selbst (was mag ich, will ich, wie will ich mich ausdrücken?), die Lesbarkeit, der Dialog mit anderen, der Gesellschaft ist für mich erst Schritt zwei. Ich glaube, ich empfinde es als Befreiung darüber nicht mehr so viel nachzudenken (früher war es so verdammt wichtig!). Vielleicht bin ich aber auch einfach eine Eigenbrötlerin ;-)) Danke jedenfalls für das Teilen deiner Gedanken, die gern unfertig und in Bewegung sein dürfen, dann bewege ich mich nämlich mit!

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    • Stephanie Jaeckel 22. Januar 2016

      Ja, vielleicht ist genau das der Knackpunkt. Ich fand Aussehen und alles mögliche als junges Mädchen und auch noch als junge Frau super wichtig. Und war erleichtert, als ich mich endlich mit Pulli und Jeans in den Alltag traute. Das war, wie Du schreibst, auch für mich eine Befreiung. Aber jetzt merke ich, dass es vielleicht einen anderen Umgang mit diesem gesehen und gelesen werden gibt, der nicht aus Zwang, sondern aus Lust an Kommunikation – eventuell eben auch als (und hier bin ich mir noch nicht so sicher) eine Art Verpflichtung mir selbst gegenüber in dieser veränderten Welt sein könnte. Es kann eben auch interessant sein, Aussehen und Handeln zu hinterfragen, und – wie ich schon schrieb – im Grunde finde ich es spannend, was andere (auch fälschlich) aus meinem Auftreten lesen. Hier und da kann ich darauf ja auch mit Absicht reagieren.

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  6. Stephanie Jaeckel 22. Januar 2016

    Vielleicht ist es das Wort „Lifestyle“, was im Kontext einer Lebensgestaltung, oder des Versuchs ein „gutes“ Leben zu führen, verwirrt. Aber es ist schon eine Stilfrage, insofern passt es für mich. – Die Emanzipation des Lifestyles hat für mich sehr konkrete Gesichter. Ich lebe als „Kreative“ in Kreuzberg, gehöre hier zur neuen Gruppe des Präkariats, das mit sehr vielen alten Hüten zu kämpfen hat. Allein, die Arbeitszeiten, und damit z.B. eben auch die Schlafgewohnheiten aus einem nine-to-five-Alltag in meinen Alltag umzuwandeln, war eine kniffelige Sache, die mich mehr als zehn Jahre Zeit gekostet hat. Ich muss anders leben, weil ich in diesem hergebrachten Rhythmus nicht genug arbeiten kann. Auch das Kochen musste ich umstellen, denn ich vertrage Mittags nicht viel, so dass ich mittlerweile abends warm esse, was in unserer Familie über viele Generationen nicht üblich war. Klassische Musik zu hören und Bowie oder Prince war auch – nun, irgendwie ungewohnt. Ich konnte mich ja nicht ständig als irgendein Revoluzzer fühlen, zumal klar war, dass viele andere Menschen auch so leben. In neuen Mischungen. In diesem Zusammenhang hat das alles für mich Bedeutung, es sind keine Werbebotschaften oder Worthülsen. Denn ich möchte durchaus auch anderen Menschen Mut machen, sich von alten Mustern zu trennen. Zumindest, wenn sie einengen. Nicht bloß einfach so.

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    • Myriade 24. Januar 2016

      Was mich betrifft, so hat es sicher mit dem Wort zu tun. Ich mag „lifestyle“ einfach nicht 😦
      Sich von alten Mustern , die nicht mehr passen zu trennen finde ich unumgänglich. Es war immer schon unumgänglich, außer man wollte versteinern …

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