Unser kleines Leben umgibt ein Schlaf

Eine Naturgeschichte der Dunkelheit verspricht viel. Aspekte aus allen möglichen Naturwissenschaften wie Astronomie, Physik, Biologie, Psychologie sind zu erwarten – und, als wäre das noch nicht genug – werden in dem aktuellen Buch von Ernst Peter Fischer auch Kulturgeschichte und Philosophie gestreift und – aber da habe ich schon längst aufgehört zu lesen.

Der Anfang ist spannend. Rilke und Nabokov laden ein zum Erkenntnisweg, den die Menschheit machen musste, um der Tatsache Nacht auf die Spur zu kommen. „Die Nacht ist der Schatten der Erde“ lautet die Antwort, die am Ende der Entdeckungsreise stand. Zwischendrin wurde man auch noch der Schattenseite des Mondes gewahr, lernte die Ausweitungstendenz des Universums kennen, den Urknall, der am Anfang von Allem stand, das Funktionieren unserer Augen und die Vielfarbigkeit von Schwarz. Das würde man doch wirklich zu gerne verstehen, doch der Autor Ernst Peter Fischer legt ein solches Tempo vor, das kaum mitzuhalten erlaubt.

Das zweite Kapitel, das das menschliche Doppelleben zwischen Wachen und Schlafen beleuchtet und auch kulturgeschichtliche Themen streift, ist für mich als Geisteswissenschaftlerin festeres Terrain. Auch hier sind die aufgegriffenen Themen mehr als spannend, doch leider werden sie nur gestreift. Es ist, als bewege man sich in einem Affenzahn durch das menschliche Gedankengespinst zu unserer nächtlichen Existenz von der Sprache des Barock zum Funktionieren weiblicher Eizellen, der inneren Uhr, verschiedensten Hormonen bis hin zur Meeresfauna.

„Sexualität soll hier nicht ausgeklammert werden, aber um sie kreisen soll und kann diese Darstellung der Nacht nicht, (…)“ – dieses, auf Seite 46 gemachte Versprechen wird leider nicht gehalten. Ständig – und leider ohne Vorwarnung – menschelt der Autor zu Sexuellem, dass einem elend wird. Naturgeschichte? Wohl kaum. Eher peinliche Ausschweifungen im Onkelstil. Spätestens hier wird mir unwohl. Was als berauschende Kenntnisfülle angepriesen wird, zerfleddert zu einem Rauschen, wo statt Präzision populäres Wissen strömt. Das ändert sich leider auch in späteren Kapiteln nicht. Stets wird eins, noch eins, noch eins und noch und noch und noch eins drauf gesetzt, wo ich gerne bei einem Thema geblieben und es von allen Richtungen her durchwandert hätte. Eine Kulturgeschichte des Traums schließt sich an, die hier wirklich nix zu suchen hat, die Romantik wird gestreift, in der Bibel vertiefen wir uns in Josephs Traumdeutungen , um bei Kapitel 6, der „Nachtseite der Naturwissenschaft“ anzukommen.

Hier hat mich gleich der erste Satz aus der Lektüre gekegelt: „Zu den durchgängigen Dummheiten der abendländischen Kultur gehört die Gewohnheit, sich das Fortschreiten der Naturwissenschaften von Leuten (sic!) erklären zu lassen, die sie selbst nicht betreiben und nur wenig – höchstens den Teil einer Disziplin – von ihr kennen.“ Der Schlag richtet sich gegen Philosophen, die ja, so der Vorwurf, die wesentliche naturwissenschaftliche Beweisführung – das Experiment – nicht beherrschen. Weiter bin ich tatsächlich nicht gekommen, vielleicht federt er diesen ersten Schlag später noch einmal ab, vielleicht würde er mich sogar überzeugen? Aber, wie kann er nur? Wo er doch so gerne Alexander von Humboldt zitiert, oder Goethe, die ja für die Durchmischung der Disziplinen stehen, und überhaupt, waren nicht Naturgeschichtler nicht die, die ein Crossover von Geistes- und Naturwissenschaften pflegten?

Durch die Lappen gegangen ist mir also das 7. Kapitel, das mit seiner Überschrift „Das Böse im Menschen“ Spannung verspricht. Vielleicht kommt hier noch eine grandiose Überraschung. Der letzte Satz jedoch hat mich von einer neuerlichen Lektüre abgehalten: „Das Leben lohnt sich durch die Nacht.“ Nö, nö, nö. Auch wenn es da diesen tollen Sex gibt. Weil – den gibt es tatsächlich auch tagsüber, aber wir wollen hier dem Autor nicht seine Illusionen nehmen.

Ernst Peter Fischer, Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit. Siedler 2015. Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

Filed under: Allgemein, Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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