Je länger der Mensch auf der Erde weilt, desto unsicherer werden die Beweise für die jeweilige Existenz. So wissen wir mittlerweile, dass selbst eigene Erinnerungen „Fälschungen“ sein können, und wer, wenn nicht wir, soll wissen, wie unsere Tage verlaufen und welche Wege tatsächlich eingeschlagen worden sind? Pierre Bourdieu schrieb 1990 klipp und klar: Es gibt keine Biografien. Beziehungsweise schrieb er es präziser, ganz so, wie es die aktuelle Wissenschaft jetzt beschreibt: Die Biografie ist eine Illusion. Allerdings ging es Bourdieu nicht um fehlerhafte Erinnerungen, sondern um den Versuch an sich, ein Leben als eine einzigartige Abfolge verschiedenster Ereignisse zu beschreiben, allein weil sie an ein bestimmtes Subjekt gebunden sind. Das jeweilige Subjekt war ihm zu wenig. Er meinte, wenn er eine Metro-Strecke erkläre, könne er das eben auch nur, wenn er das gesamte Streckennetz vor Augen habe.
An diesen Punkt kommt sicher jeder, der oder die über sein Leben oder das seiner/ihrer Lieben nachdenkt. Wer versucht hat, autobiografische Texte zu schreiben, wird mit den schwierigen Fragen nach Kausalität, Zufall oder Eigendeutung konfrontiert gewesen sein. Als Kunsthistorikerin schreibe ich jeden Monat mindestens fünf Biografien. Relativ kurze, sehr am jeweiligen beruflichen Werdegang der Menschen orientiert. Und jedes Mal staune ich wieder über die Verästelungen des Lebens, und über unsere schmalen Möglichkeiten, solche Lebenswege nachzuzeichnen. Manchmal wünschte ich, es bei Stichworten belassen zu können. Manchmal denke ich auch, die Dinge oder Ideen wandern eben nur so durch die Leute durch. Aber dann denke ich auch wieder: vielleicht nicht. Und was für Universen (zum Beispiel):
Kunsthandwerker – Keramiker – Bildhauer – Art Déco – Zierkeramik – Innenraumgestaltung – Handspiegel – Designer – Entwürfe – Schnitzartikel – Möbel – Auktionen
Pseudonym – wohlhabende Familie – Unterricht – Gedichte – Fürstenfamilie – Gelehrte – Handschrift – Kalligraphie – abstrakt
Maler – Assistent – Bühnenbildner – Auszeichnungen – Landschaften – Stil – Werkstatt – Expressionismus – Farbgebung
Je länger ich Biografien schreibe, desto unsicherer werde ich, ob es sie überhaupt gibt. Zum Glück sind wir schon bei P- angelangt…

mickzwo 4. November 2015
Eine Biographie ist m.E. immer zuerst ein Standpunkt. Es zeigt wie der jeweilige Autor die Welt gesehen haben will. Insofern ist es immer auch Illusion
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Stephanie Jaeckel 4. November 2015
Sag‘ das mal einem Wissenschaftler 😉
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papiertänzerin 4. November 2015
… wir sind alle Geschichtenerzähler (Wissenschaftler nicht ausgenommen 😉 )
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