Vor 43 Jahren geschrieben:

Es kommt vor, daß ich meine, daß etwas klirrt
Daß sich irgendetwas in mich verirrt
Ein Geräusch, nicht einmal laut
Manchmal klirrt es vertraut
Selten so, daß man es direkt durchschaut

(Allerdings nicht auf Hochdeutsch gesungen. Text: Klaus Heuser)

Zivilisation bedeutet Kultur

Die politische Lage ist ernst. Wir bewegen uns global auf eine Konfrontation vor. Es scheint kaum noch möglich, eine dritte Lösung zu finden. Auf vielen Feldern hören wir nur noch Entweder – Oder.

Und dann droht an vielen Stellen Niedergang. Die Umwelt kollabiert, die KI übernimmt menschliche Arbeit, Kriege verschieben Grenzen und machen das Leben an bestimmten Orten unmöglich.

Wen interessieren an der Stelle noch groß die Kürzungen im Kulturbereich?

Die Lage ist ernst. Denn Kultur ist für uns Menschen nicht verhandelbar. Wir sind denkende und fühlende Wesen. Wir brauchen etwas, das über unsere reine Existenz hinausgeht, um am Leben zu bleiben. Wir verrohen ohne Kultur. Wir verlieren unsere menschliche Qualität.

Mag sein, dass Menschen in großer finanzieller Bedrängnis den Eindruck haben, Opernhäuser oder Museen seien nun wirklich nicht relevant. Vor allem wenn sie sich Opern und Gemälde nicht mal für Umme anhören oder anschauen würden.

Aber das greift zu kurz. Denn es geht nie nur um das einzelne „Produkt“, das wir persönlich für überflüssig halten. Kultur ist ein ganzer Kosmos. Und bislang einer der wenigen freien Räume, in denen Begegnungen überhaupt noch stattfinden können. Für mich ist es ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass der gesellschaftliche Umgang mit Kultur nicht Thema des Wahlkampfs ist. Wir fokussieren zu sehr auf vorgegebene Stories, statt zu überlegen, was ist mir denn in meinem Leben wichtig?

Wer wenig Geld hat, und davon kann ich Lieder singen, braucht zum Beispiel öffentliche Bibliotheken, um überhaupt noch Zeitung – oder eben auch Fachliteratur zu lesen. Wer wenig Geld hat, freut sich über subventionierte Theater- oder Konzertkarten, wo – auch wenn auf einem schlechten Platz – ein toller Abend garantiert ist. Und die Begegnung mit Leuten, denen ich im Alltag vermutlich nie über den Weg laufe. Wer wenig Geld hat, nutzt Parks oder schöne Friedhöfe, um Pausen zu machen, oder am Wochenende mal einen ganzen Tag draußen zu sein. Wer keine Angst vor Kirchen hat, mag sich auch mal in eine setzen, einfach, um in einem riesengroßen Raum zu sein. Oder, oder, oder…

Wir dürfen uns nicht freiwillig auf atmen und arbeiten reduzieren. Wir sind Lebewesen, die zu mehr in der Lage sind. Das sollten wir nicht vergessen.

Wählen gehen!

Wir haben die Wahl, und wir sollten sie nutzen. Wer seine Stimme verfallen lässt, keine Ahnung. Mutlosigkeit wäre mir da kein Argument.

Mein eigener Kompass steht auf Hoffnung. Es gibt immer Wege mit einer völlig verkackten Welt umzugehen. Wir haben stets die Möglichkeit, uns für eine bessere Entscheidung stark zu machen. Ich sehe keinen Weltuntergang. Und selbst wenn es krass ist: Wer sind wir, nicht bis zur letzten Minute immer wieder den Kurs ändern zu können. Hoffnungsloser Optimismus? Vielleicht. Ich habe als Kind vermutlich zu oft Star Trek gesehen…

Was wollen wir? Eine solide Regierung, die sich nicht täglich selbst zerlegt, hat auch eine solide Stimme in der Welt. Deutschland, und damit meine ich ein europäisches Deutschland, hat etwas zu sagen. Und genug Ressourcen (Manpower), um noch so einiges im globalen Kontext zu reißen. Nicht für uns. Für alle. Deshalb, wer unentschieden ist: es sind noch ein paar Tage Zeit, eine wichtige Entscheidung zu treffen: Nur Mut!

Steve Schapiro in der Berliner Galerie CAMERA WORK

Seinen Namen kannte ich nicht, dafür fast alle seiner Fotos: Steve Schapiro, 1934 in New York geborener Fotograf, der zu der mittlerweile fast ausgestorbenen Spezies der Reportage-Fotograf*innen zählt, jenen Haudegen, die immer mittendrin waren und von dort ihre Bilder in die guten Stuben der Leserinnen und Leser brachten. „Rasende Reporter*innen“, mit mehreren Kameras um den Hals und schnellen Beinen, die entwickelte Filme sofort zur Post brachten, damit sie so schnell wie möglich die Redaktionen der jeweiligen Magazine erreichten.

Nachgeborene mögen sich wundern, wie diese Leute alles noch im Kopf hatten: Flugverbindungen, Buslinien, Hoteladressen, die kürzesten Wege durch alle möglichen Städte, wichtige Termine und Hintereingänge in besonders geschützte Gebäude. Namen wichtiger Politiker, Schauspieler*innen, Musiker*innen, Kontakte zu Filmstudios, Kolleg*innen, nicht zuletzt die Öffnungszeiten der örtlichen Poststationen. „Er war ein früher Vogel“, erinnert sich seine Witwe Maura Schmith, „und er war immer fröhlich. Er liebte seine Arbeit.“

Das sieht man sofort. Egal, ob Schapiro Stars fotografierte, leise durch Filmsets schlich, um während des Drehs aussagekräftige Fotos zu schießen (leise, leise…) oder arbeitende Menschen abzulichten, einfache Passanten mit ihrer ganzen individuellen Würde. Er war ein Meister des Moments, jenes magischen Augenblicks, in dem eine Person sich zeigt, sei es durch einen Blick, eine Geste, eine Bewegung. Das brauchte – auch wenn es paradox klingt – viel Zeit. Zeit, die heutige Fotograf*innen oft nicht haben, weil es nur noch minutenlange Fotoshootings gibt, während Schapiro schon mal sechs bis acht Stunden mit einem Star ganz alleine sein konnte. Mit David Bowie zum Beispiel, dessen Figur des „thin white duke“ Schapiro entscheidend mitprägte.

Menschen waren seine Leidenschaft. Aber privat fotografierte er so gut wie gar nicht. Es gibt nicht ein einziges Foto, das er von Maura gemacht hat, nur ein Sohn kam in den Genuss, vom Vater fotografiert zu werden, aber nur, weil er einen so hübschen Flirt mit einer Freundin hatte, dass Schapiro gleich eine Fotoserie daraus machte. Und sonst? Hat er je etwas anderes fotografiert als Menschen, Menschen, Menschen?

Ja. Ganz am Schluss, in Chicago. Wo er es liebte, aus dem Fenster seiner Wohnung heraus den Michigan-See zu fotografieren. Das Licht, die Spiegelungen, den Himmel, natürlich auch die Jogger und Hunde, die Leute in und auf dem Wasser. Aber ob wir die je zu sehen bekommen? Vielleicht. Denn Maura verwaltet mit einem der Söhne den Nachlass Schapiros. Gut 800.000 Negative. „Er fotografierte immer zu viel“, stöhnt sie lachend, „allein von den Seefotos gibt es mindestens 800.“

Unbedingt sehenswert ist die Auswahl seiner Foto-Highlights, die zur Zeit in Berlin gezeigt werden: Noch bis zum 29. März in der Galerie CAMERA WORK, Kantstr. 149.

Mein herzlicher Dank für die Bereitstellung des sensationellen Bowie-Fotos geht ebenfalls an die Galerie CAMERA WORK

Es gibt immer nur einen Moment

Meine Woche war mühsam. Eigentlich gab es viele schöne Termine. Aber Müdigkeit nagte an mir. Vielleicht die Kälte. Vermutlich (heute dämmerte mir diese Idee langsam) hatte ich mehr Stress, als ich mir zugestehen wollte.

Um alles aufzuholen (es ist ja schon Freitag), wollte ich dann erst mal so richtig loslegen.

Doch als ich am Mittag im Amtsgericht ankam, war die nette Frau an der Pforte richtig besorgt: Ich solle doch ganz langsam machen (ich fand meinen Personalausweis nicht auf Anhieb) und mal tief Luft holen, und auch der grimmige Wachschutz bot an, dass ich mich doch erst mal hinsetze, um anzukommen. Wie jetzt? Ich hatte eigentlich einen völlig harmlosen Termin. Allerdings ging es nochmal um meinem vor einem Jahr gestorbenen Vater, und plötzlich merkte ich, wie traurig ich war. Und wie viel Last mich drückte.

Als ich aus dem Amtsgericht wieder raus war, beschloss ich, heute soweit gar nichts mehr zu machen. Und staunte nicht schlecht über den enorm langen Bremsweg, den ich dafür brauchte. Mir scheint, dass diese Form des Gehetztseins, die ich heute Morgen erlebte, dadurch entsteht, dass ich im Kopf schneller bin, als ich in der Realität handeln kann. Dass ich da dann tatsächlich immer schon Dinge erledige, die erst später dran sind, und dass mich die schiere Endlosigkeit der alltäglichen Erledigungen einfach erdrückt.

Klar, wissen wir alle. Wusste ich auch. Habe ich aber noch nie wirklich so klar vor Augen gehabt. Jetzt sitze ich an meinem schönen neuen Tisch und genieße den Duft frischer Mimosen, die vor mir stehen. Ich werde gleich ganz in Ruhe das Bad putzen und dann das Abendessen vorbereiten. Keine großen Sprünge, keine Überholspur, um am Montag auf der Pole Position zu starten.

Das Foto habe ich am Montag aus der Bahn gemacht. Es fasziniert mich, wie unterschiedlich die Bilder sind, die man aus einem fahrenden Zug macht. Manche sind verwaschen und unscharf, aber manche wirken wie Standbilder. Ich mag das Licht. Und die stille Landschaft. Es wirkt für mich wie ein Moment, in dem ich ankommen kann.

Die Hand ins Feuer legen

Jahrelang habe ich mit größter Überzeugung davon gesprochen, garantiert nie irgendwo hin zu reisen, wo ich nicht hingehöre. Die Idee, fremde Länder zu besuchen, ist in meinem Abenteurerinnenherz groß, Alexander von Humboldt nicht umsonst mein Idol. Aber ich lebe im 21. Jahrhundert und ich habe verstanden, dass die Welt immer kleiner und immer bedrohter wird. Ich habe nix am Nord- oder Südpol zu suchen, ich gehöre nicht in den Dschungel und schon recht nicht in die Favelas wo auch immer. Aber –

Jetzt hat mich eine Sehnsucht gepackt, die so gar nicht mit diesem Selbstverständnis einhergeht. Ich möchte unbedingt die Sahara sehen. Lustigerweise habe ich vom Flugzeug aus schon einmal einen Blick darauf geworfen. Ich war hingerissen. Beließ es aber dabei.

Nun aber. Ein neues Buch hat damit zu tun, das ich gerade mit Begeisterung lese, von dem ich später hier noch berichten werde. Und nun will ich das sehen. Spüren, erleben. What for?

Ich weiß, dass plötzlich aufreißende Sehnsüchte genau so schnell wieder verschwinden können. Ich hoffe darauf. Denn nur etwas sehen zu wollen scheint mir zu wenig für eine so aufwändige Reise. Andererseits sind es ja manchmal völlig absurde Ideen, die einen im Leben auf eine entscheidende Bahn bringen. – Dennoch sträubt sich vieles in mir, Reisen nur zu machen, weil ich es kann.

Zum Glück habe ich noch Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht ergibt sich einmal eine Reise, bei der ich etwas mit meiner Sehnsucht verbinden kann. Ein Auftrag, ein Mensch, den ich in der Gegend besuche, wer weiß? Bislang habe ich zumindest verstanden, dass ich vorsichtig sein muss, für was ich meine Hände ins Feuer halte…

Mit einem Gegenüber denken

Ich habe schon ziemlich lange einen Verdacht. Den nämlich, dass ich nicht gerne denke.

Hm, so grundsätzlich gilt es vielleicht nicht, aber analytisches Denken schreckt mich ab. Nicht, dass man ohne analytisches Denken nicht durch die Welt käme. Aber mir ist das rätselhaft. Liegt es daran, dass ich zu faul bin? Oder zu dumm? Liegt mir das nicht? Habe ich das überhaupt gelernt (wenn man das lernen kann)? Was ist mit mir los?

Wenn ich eine Frage gestellt bekomme, geht in meinem Kopf das Licht aus. Das gilt sogar für banale Fragen nach dem Weg. Kaum ist das Fragezeichen gesetzt, wird mir schwindelig. Das nennt man in bestimmten Situationen vermutlich Prüfungsangst. Ich habe das dauernd. Und wenn ich in Situationen gehe, bei denen Fragen auf mich zu kommen, versuche ich, vorab Antworten zu formulieren.

Kein Wunder also, dass ich journalistisch arbeite: Fragen stellen kann ich nämlich.

Was ist da los?

Vertraue ich meinem Kopf nicht? Vertraue ich nicht der folgerichtigen Logik? Liebe ich das Chaos zu sehr, um „ordentlich“ zu denken? Ich habe gemerkt: Es geht beim analytischen Denken häufig um Fragen, die mich nicht interessieren. Oder um Lösungen von Dingen, von denen ich denke (!), dass sie „tagesformabhängig“ oder sowieso nicht mit einer Antwort zu erledigen sind. Aber damit mache ich es mir zu leicht. Viele analytische Denkaufgaben wollen Vergleiche, da kommt Mathematik ins Spiel oder räumliches Denken. Da wird Welterfahrung abgefragt, die ich oft einfach nicht habe. Oder Wissen, das an mir vorbeigezogen ist.

Überhaupt sitze ich nicht gerne am Tisch oder gehe um den Teich mit einer Frage im Kopf, die ich alleine lösen soll. Ich frage sofort herum. Bitte um Einschätzungen, andere Blickwinkel, Perspektiven. Ohne Anregung von außen ist mir Denken – wie ich die letzten Tage mit Schrecken feststellen musste – ein Gräuel (Greuel…).

Wie geht es Euch? Gibt es Einstiegsübungen, um mit dem Denken dann doch noch anzufangen? Oder haltet Ihr Intellekt grundsätzlich für überschätzt? Oder? Oder oder?

Meine Bilder sind alle Selbstporträts

„Nanu!?“, denke ich, als Julian Simon diesen Satz sagt, ich sehe hier doch fast nur anderes, Landschaften zum Beispiel oder Stillleben. Aber bevor ich den Mund aufmache, um auch nur irgendwas zu sagen, fällt mir der Bildtitel zu einer früheren Arbeit (2021) von Simon ein, die lautet: „It’s not what it looks like“…

Ach ja. Gemalte Bilder sind keine Fotografien, sind keine Abbilder sind uns in keinster Weise verpflichtet. Bilder sind Gedanken, sind Felder, gerade figürliche Malerei bewegt sich durch mehr Abstraktionen, Welten, Verwirrungen, als auf den ersten Blick sichtbar.

Julian Simon ist 31 Jahre alt und damit für mich noch sehr jung. Er hat gerade eine schwierige Zeit hinter sich, ich denke, „er sieht blass aus“, und lasse ihn erst mal davon erzählen, dass die aktuelle Ausstellung seiner Bilder in der Neuköllner „Weserhalle“ sehr kurzfristig angesetzt und damit eine echte Herausforderung für ihn war: Anderthalb Monate Vorlauf, ein fertiges Bild. Und los!

Bilder sind für Simon eine Art Tagebuch. Er malt sein Leben, das was ihn bewegt, das was er sieht, aber vor allem auch das, was er fühlt. Gar nicht so einfach, da den Blick scharf zu stellen, wenn es rumpelt, es Enttäuschungen über andere oder sich selbst hagelt. Ein halbes Jahr malt Simon nichts, da ist die Ausstellung ein echtes Himmelfahrtskommando.

Aber Simon ist Profi. Er hat Illustration studiert, später freie Kunst. Aus dem ersten Studium ist ihm vor allem das Handwerk eine wesentliche Hilfe. Wenn er eine Idee hat, kann er schnell malen. Was in der Ausstellung zum Beispiel verblüfft: wie die Arbeiten farblich ganz nah beieinander bleiben. So dass es nicht nur innerhalb eines Bildes, sondern durch den ganzen Raum eine Freude ist, die Farbnuancen, die er findet, zu sehen und zu genießen.

Die freie Kunst hat ihm dazu den Zugang zur Kunstgeschichte, und damit zu jenem riesigen Bilderfundus eröffnet, der sich über die letzten Jahrhunderte, gar Jahrtausende angesammelt hat. Von hier aus verbindet er eigene Gefühle, Gedanken mit denen seiner Vorgänger*innen, und lädt dadurch seine Bilder regelrecht auf. Man könnte also von „Selbstporträts mit einer gehörigen Portion Reflexion“ sprechen.

Und von Bildern, die einmal mehr ihre Grenzen austesten: im Vergleich zur Fotografie, zu bewegten Bildern, zu abstrakten Bildern. Hier zeigt sich, dass Julian Simon weit weg vom eigenen Leben, von Selbstreflexion und einer gewissen Art der Selbstinszenierung DAS große Thema der Malerei weiterführt: Was ist ein gemaltes Bild? Absolut sehenswert!

Fotografie: dotgain info, 2025.

Die Ausstellung „Sunny Waters“ von Julian Simon ist noch bis zum 1. März in der Weserhalle, Berlin zu sehen.

Wer schreibt?

Haben meine Gedanken Konsistenz oder sind es nur die Wörter, die ich benutze, um Gedanken festzuhalten. Wörter, die andere gefunden haben, und die durch die Verwendung immer dicker oder tiefer geworden sind, als ob sich Bedeutungsringe bilden wie Jahresringe der Baumstämme. Richtige feste alte Wörter sind Gold wert. Aber wo bin ich? Vor allem, wenn ich mich leer fühle oder als zauseligen Tunichtgut. Daran glauben, dass Sätze mehr wissen, als die sie Schreibenden. Und meine Hoffnung, die darin wurzelt: vielleicht Sternenstaub im Kopf zu haben.