Überraschung!

Leider war ich an dem Nachmittag, an dem ich diese Täfelchen sah, schon so müde, dass ich mir weder die Entstehungszeit noch sonst irgendetwas dazu aufgeschrieben habe. Nur so viel erinnere ich: dass sie aus der prähistorischen Zeit stammen, also in jener frühen Ära, in der die verschiedenen Menschenstämme noch mehr wie Affen aussehen und dennoch erste Werkzeuge und erste Bildnisse schaffen. Diese Täfelchen, so nimmt man zumindest an, repräsentieren höhere Mächte oder auch höhere Wesen, manche haben Augen, aber allen gemein ist dieses abstrakte Muster, als wenn unsere Vorfahren einen sicheren Geschmack für Abstraktion hatten. Hatten sie ja vermutlich auch, die Welt um sie herum war realistisch genug. Eine jenseitige Macht war demnach durchaus als Abstraktion vorstellbar. Eine schöne Vorstellung. Und ein weiterer Beweis dafür, dass Zeit nicht nur die Entwicklung zu etwas hin ist. Vielmehr wiederholen sich Dinge im Laufe der Jahrtausende. Für mich eine sehr berührende und auch tröstliche Vorstellung.

Warum verreisen?

Die Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich unterwegs bin: Warum mache ich das? – Darauf habe ich wohlsortierte, vor allem „vernünftige“ Antworten. Aber es gibt in mir drin so eine quengelnde Stimme, die unterwegs ganz schön laut werden kann.

Es zeigt sich, dass ich mit viel Stress reise. Sobald ich bekanntes Terrain verlasse, bin ich angespannt. Verständlich, aber anstrengend. Meine vernünftige Stimme erklärt dann, dass kein Säbelzahntiger um die Ecke kommen kann, nein, auch nicht in dem fremden Land. Die Vernunft antwortet, ach, sag mir mal was Neues. Aber der Rest bleibt vorsorglich in Panik.

Ein anderer Stress kommt auf, wenn ich dann überlege, was ich als nächstes machen möchte. Ich will weitgehend „freihändig“ reisen, das heißt, ohne festes Programm. Meistens gibt es am Tag einen Punkt. Und dann: mal sehen. So sehr auch hier meine Vernunft darauf besteht, einfach, um mir eigene Eindrücke zu ermöglichen, so wenig lässt sich der Quengel beeindrucken. Es ist dann so, dass ich einen Faden spinne, an dem ich mich entlang hangele. Dieses Mal ist es gut gegangen. Ich habe eine Balance gefunden und so einiges gesehen.

Für ein Fazit ist es noch zu früh. Erst mal bin ich einfach froh, dass alles gut geklappt hat.

Weibliche Schönheit

In der Antike gingen Schönheit und Vortrefflichkeit einher. Es war keine Frage: wer schön war, war auch ein toller Mensch. Das galt für Männer und für Frauen. Die Geschichte vom hässlichen Philosophen Sokrates und seinen gut aussehenden, ja wirklich schönen Schülern kennen einige vielleicht noch aus dem Unterricht. Mich hat das damals sehr beeindruckt (fand ich mich doch auch eher häßlich).

Es war übrigens das Christentum, das die Gleichung schön = gut aufbrach. Zunächst wahrscheinlich eine Befreiung, aber dann erwies sich dieses Denken als Falle, weil allmählich nur noch Frauen fürs Schönsein verantwortlich waren, die Männer konnten aussehen, wie sie wollten.

Die Sache ging in die Schieflage. Susan Sontag macht in einem Essay darauf aufmerksam, dass in katholischen Ländern wie Italien oder Spanien die Männer bis heute schön genannt werden können, während sie in Deutschland oder im englischsprachigen Raum bei gutaussehend stecken bleiben. Warum das ein Problem ist, lernen wir schon in der christlich geprägten Moral: Der Spiegel ist ein Werk des Teufels. Wer sich auf äußere Schönheit konzentriert vernachlässigt zwangsläufig die inneren Werte (auch damals schon hatte ein Tag nur 24 Stunden). Das ging dann soweit, dass Schönheit als oberflächlich abgestempelt wurde, nur leider blieb es in der Pflicht der Frauen, schön zu sein. Ich selbst erinnere mich an eine schmerzhafte Trennung, bei der mein Gegenüber klar machte, heiraten wolle er schließlich nur eine schöne Frau. Nein, er sah nicht besonders gut aus.

In der Schönheitsfalle stecken wir bis heute. Ich sehe zwar mit Freude, dass Männer aufholen. Aber das Dilemma bleibt: Wer schön ist, gilt als oberflächlich, und eigene Schönheit zu generieren, bleibt aufwändig. Das Schönheitsideal für Frauen ist gefährlich, weil einfach nur so sein, wie Frau ist, reicht nicht. Es gibt eine Vorgabe, die auszufüllen, bereits Arbeit bedeutet. Eine nicht gut aussehende, oder sich zumindest zum gut aussehen hin streckende Frau gilt als unzulänglich.

Viele junge Mädchen und Frauen, die ich auf Berliner Straßen sehe, haben den Schönheitsauftrag verinnerlicht. Was übrigens auch dazu führt, dass sehr viel Konformität unterwegs ist. Natürlich gibt es nach wie vor hinreißende junge Frauen und auch Männer. Manchmal denke ich, mehr Gelassenheit täte hier Not. Und wir könne da alle mittun. Unser Schönheitsideal überdenken, und die Schönheit in unseren Freund*innen, Kolleg*innen oder auch einfach von Leuten auf der Straße neu erkennen.

Das hinreißende Porträt zeigt einen Mann, soweit ich mich erinnere und ist in der ägyptischen Abteilung des Neuen Museums in Berlin zu sehen.

Musik hören

Zu Hause höre ich fast gar keine mehr. Aus dem Radio kommen Wortbeiträge, den alten CD-Player habe ich aus der Wohnung verbannt, über den Rechner ziehe ich nur noch gelegentlich ein paar Songs aus dem Netz. Warum das so ist, weiß ich nicht, ich habe immer gerne Musik um mich gehabt. Nicht bei der Arbeit, doch aber in der Freizeit oder beim Wohnungsputz.

Das gilt auch für Konzerte. Ich gehe super gerne hin, mache es aber nicht mehr. Dabei. Wenn ich gehe, erlebe ich meist Überraschungen. Neulich dachte ich, es gibt wenig so komplexe Strukturen, denen ich sonst im Leben begegne (bzw. es überhaupt bemerke). Mir kam die Assoziation dass Musik hören in einer Art dem Betrachten von Wellen gleicht. Alles bewegt sich, nichts bleibt so, wie es gerade noch war.

Und dann gibt es Momente, beim Wellen Betrachten wie beim Musik Hören, in denen ich die Komplexität der Welt zu erfassen glaube. Intuitiv, und nur für kürzeste Zeit, aber es offenbart sich mir ein Zusammenhang. Für eine Erleuchtung reicht es nicht. Aber für die Sicherheit, dass es etwas gibt, das größer ist, als ich oder die bloße Menge von Menschen oder Dingen.

Die Welt anders denken

Angesichts der vielen Krisen, in die wir Menschen uns und andere gebracht haben, heißt es erst einmal Luft holen. Zumindest, wenn ich aus meinem eigenen kleinen Alltag eine probate Krisenintervention vorschlagen könnte. Was ist an unserem Handeln auf der Welt so gefährlich? Woher speist sich dieses Handeln? Könnte es sein, dass wir falschen Prämissen aufgesessen sind?

Es scheint so. Denn Zerstören ist nicht das, was guten Umgang mit etwas anzeigt. Wir haben uns offensichtlich in einigen wichtigen Punkten geirrt. Das einzugestehen ist heikel. Weil es fünf vor Zwölf ist und wir vielleicht denken, „ach, wir haben es eh verkackt, weg damit“.

Ich bin ja bekennende Trekkie, und es gibt einen wichtigen Satz aus Star Trek, den ich mir sogar an die Wand getackert habe: „What, if we are wrong?“

Wie schon im vorhergehenden Post beschäftigt mich zum Beispiel die Frage der Abgrenzung, die wir Menschen angesichts unserer Umgebung betreiben. Wir sind Menschen, der Rest ist Umgebung. Und wir machen damit weitgehend das, was wir wollen. Wie sähe die Welt aus, wenn sie viele wäre, oder zumindest multiperspektivisch. Wenn andere Spezies mit anderen „Augen“, also anderen Formen der Wahrnehmung, ganz andere Blickwinkel hätten und uns diese anderen Perspektiven etwas sehr anderes als unsere menschengemachte Sicht böten. Und wenn es nur die Annulierung dieser unsäglichen Hierarchie von Lebewesen wäre, die in eine Skala von höher und niedriger gepresst wurden, nur weil wir Hände und Füße haben und das als Krone der Schöpfung begreifen.

Das ist alles noch sehr neu für mich und enorm abstrakt. Was mich konkret begleitet ist die einfache Frage: Welche Konsequenzen kann ich daraus in meinem Alltag ziehen? Was wäre denn eine Veränderung, wenn ich mich (und uns) nicht mehr im Zentrum des Universums sehe, sondern darin einfüge. Wenn ich eine andere Gemeinschaft denke als nur die mit meiner eigenen Spezies? Sicher gibt es da schon viele – vermutlich spirituelle – Antworten. Und vielleicht bringen sie mich weiter. Aber ich möchte hier einen ersten Schritt von mir aus gehen. Auch, wenn er mir erst nur in Gedanken glückt.

Sich mit der Welt verbinden

Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, wie ich der Welt, sagen wir in Ermangelung anderer Begriffe vielleicht „Umwelt“, wieder näher kommen kann.

In einer Großstadt zu leben, bedeutet, viel in bebauter Gegend unterwegs zu sein. Auch die ist natürlich „Umwelt“ und es geht mir auch gar nicht um die Idee von „Natur“, also von einer möglichst unberührten Landschaft. Sondern um die Verbindung mit Wetter oder dem Himmel oder den anderen Lebewesen, die da so unterwegs sind, meinetwegen auch Nachbars „Fiffi“.

Mir scheint es ein immer größerer Skandal, dass ich von den Tagen, in denen ich lebe, gar nicht viel oder sogar gar nichts mitkriege. Warum interessieren sie mich nicht? Und wie kann ich das ändern?

Mir scheint, ich brauche eine neue Antenne – oder eine alte, die ich habe verkommen lassen. Denn mehr draußen sein ist nur begrenzt möglich. Ich müsste wieder ein besseres Sensorium für Dinge bekommen. Um vielleicht auch zu begreifen, wie ich mich fühle, eben weil ich Teil von dem Draußen bin und keine Drinnen-Pflanze.

Vor 43 Jahren geschrieben:

Es kommt vor, daß ich meine, daß etwas klirrt
Daß sich irgendetwas in mich verirrt
Ein Geräusch, nicht einmal laut
Manchmal klirrt es vertraut
Selten so, daß man es direkt durchschaut

(Allerdings nicht auf Hochdeutsch gesungen. Text: Klaus Heuser)

Zivilisation bedeutet Kultur

Die politische Lage ist ernst. Wir bewegen uns global auf eine Konfrontation vor. Es scheint kaum noch möglich, eine dritte Lösung zu finden. Auf vielen Feldern hören wir nur noch Entweder – Oder.

Und dann droht an vielen Stellen Niedergang. Die Umwelt kollabiert, die KI übernimmt menschliche Arbeit, Kriege verschieben Grenzen und machen das Leben an bestimmten Orten unmöglich.

Wen interessieren an der Stelle noch groß die Kürzungen im Kulturbereich?

Die Lage ist ernst. Denn Kultur ist für uns Menschen nicht verhandelbar. Wir sind denkende und fühlende Wesen. Wir brauchen etwas, das über unsere reine Existenz hinausgeht, um am Leben zu bleiben. Wir verrohen ohne Kultur. Wir verlieren unsere menschliche Qualität.

Mag sein, dass Menschen in großer finanzieller Bedrängnis den Eindruck haben, Opernhäuser oder Museen seien nun wirklich nicht relevant. Vor allem wenn sie sich Opern und Gemälde nicht mal für Umme anhören oder anschauen würden.

Aber das greift zu kurz. Denn es geht nie nur um das einzelne „Produkt“, das wir persönlich für überflüssig halten. Kultur ist ein ganzer Kosmos. Und bislang einer der wenigen freien Räume, in denen Begegnungen überhaupt noch stattfinden können. Für mich ist es ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass der gesellschaftliche Umgang mit Kultur nicht Thema des Wahlkampfs ist. Wir fokussieren zu sehr auf vorgegebene Stories, statt zu überlegen, was ist mir denn in meinem Leben wichtig?

Wer wenig Geld hat, und davon kann ich Lieder singen, braucht zum Beispiel öffentliche Bibliotheken, um überhaupt noch Zeitung – oder eben auch Fachliteratur zu lesen. Wer wenig Geld hat, freut sich über subventionierte Theater- oder Konzertkarten, wo – auch wenn auf einem schlechten Platz – ein toller Abend garantiert ist. Und die Begegnung mit Leuten, denen ich im Alltag vermutlich nie über den Weg laufe. Wer wenig Geld hat, nutzt Parks oder schöne Friedhöfe, um Pausen zu machen, oder am Wochenende mal einen ganzen Tag draußen zu sein. Wer keine Angst vor Kirchen hat, mag sich auch mal in eine setzen, einfach, um in einem riesengroßen Raum zu sein. Oder, oder, oder…

Wir dürfen uns nicht freiwillig auf atmen und arbeiten reduzieren. Wir sind Lebewesen, die zu mehr in der Lage sind. Das sollten wir nicht vergessen.

Wählen gehen!

Wir haben die Wahl, und wir sollten sie nutzen. Wer seine Stimme verfallen lässt, keine Ahnung. Mutlosigkeit wäre mir da kein Argument.

Mein eigener Kompass steht auf Hoffnung. Es gibt immer Wege mit einer völlig verkackten Welt umzugehen. Wir haben stets die Möglichkeit, uns für eine bessere Entscheidung stark zu machen. Ich sehe keinen Weltuntergang. Und selbst wenn es krass ist: Wer sind wir, nicht bis zur letzten Minute immer wieder den Kurs ändern zu können. Hoffnungsloser Optimismus? Vielleicht. Ich habe als Kind vermutlich zu oft Star Trek gesehen…

Was wollen wir? Eine solide Regierung, die sich nicht täglich selbst zerlegt, hat auch eine solide Stimme in der Welt. Deutschland, und damit meine ich ein europäisches Deutschland, hat etwas zu sagen. Und genug Ressourcen (Manpower), um noch so einiges im globalen Kontext zu reißen. Nicht für uns. Für alle. Deshalb, wer unentschieden ist: es sind noch ein paar Tage Zeit, eine wichtige Entscheidung zu treffen: Nur Mut!