Schöner Wohnen?

Gerade warte ich auf einen neuen Ess- und Arbeitstisch. Meine Wohnung ist klein, da muss so ein Möbel gleich mehrere Funktionen bedienen. Wie auch mein Bett Sofa und Schlafplatz in Einem ist. Die letzten 25 Jahre tat ein einfaches IKEA Modell seinen Dienst. Allerdings war dieser Tisch von Anfang an wackelig, ein Bein hielt nicht richtig. Ging aber dann ganz gut.

Einen neuen Tisch zu bestellen, war also nicht dringend notwendig. Dennoch habe ich mir was davon versprochen. Etwas mehr Eleganz im Alltag. Außerdem ist ein runder Tisch offener für die Wahl des Sitzplatzes. Ich kann jetzt leichter variieren. Und auch mal an der ehemaligen Schmalseite sitzen, um direkt aus meinen Fenstern in den Hof zu schauen.

Wie es tatsächlich mit dem neuen (Traum-) Tisch ist, werde ich natürlich erst in ein paar Tagen oder Wochen wissen. Mein schlechtes Gewissen fragt: Muss das denn wirklich sein? Und gerade weiß ich es nicht. Die Vermutung, dass eine schöne/schönere Wohnung die Stimmung hebt, bewahrheitet sich hoffentlich. Dass eine erste Veränderung dann zehn oder zwanzig nach sich zieht, befürchte ich im Geheimen. Vorsichtige Vorfreude spüre ich zumindest. Schauen wir mal…

Das Foto zeigt nicht meine Wohnung, sondern eine Galerie in Maastricht. Mein Tisch wird allenthalben auch rund sein.

Gewalt in der Familie

Wir wissen, dass Familien hermetische Systeme sind, in denen unausgesprochene Gesetze gelten. Wir wissen auch, dass man von außen wenig sieht, oder eben nur das, was sich an der Oberfläche abspielt.

Häusliche Gewalt ist ein Thema unabhängig von Klassen oder Schichten. Misshandelte Ehepartner, vor allem misshandelte Kinder bleiben unter dem Radar. Das ist keine Anklage. Es kann fast gar nicht anders sein. Denn alles sind am Ende des Tages mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Wie auch nur erkennen, dass irgendwo der Haussegen schief hängt? Und wenn: Wie eingreifen? Denn auch wenn wir die Wahrheit (oder zumindest eine) glasklar vor Augen haben: Was ist unser Recht – oder eben auch die Pflicht – uns einzumischen?

Eine Sache ist klar: misshandelte Kinder können sich oft nicht artikulieren. Weil sie nicht begreifen, dass sie misshandelt werden. Sie denken, die Misshandlung sei eine familiäre Normalität. Über die sie (s. unausgesprochene Gesetze) nicht zu reden haben. Außerdem sind sie meist davon überzeugt, dass sie selbst wirklich und wahrhaftig das Problem sind. Dass sie jegliche Art von Strafe, Zurücksetzung, Demütigung verdient haben.

Eins aber können wir immer: Liebe geben, wo wir gehen und stehen. Denn es kann tatsächlich einen Unterschied machen, wenn misshandelte Familienangehörige von wem auch immer anders, nämlich liebevoll, behandelt werden. Es kann ihnen eine Idee geben, dass es auch anders geht. Mut, vielleicht etwas zu ändern (wenn alt genug) oder zumindest Hoffnung zu schöpfen.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht in der Pflicht sind, bei Missbrauch oder Gewalt einzuschreiten. Wir müssen aber sehr vorsichtig vorgehen, unsere Vermutung zunächst mit anderen Familienangehörigen oder Freund*innen abgleichen, bevor wir das Thema vor den Betroffenen ansprechen.

Und dann verstehen: vor allem die Kinder werden niemals sagen, dass ihnen Unrecht geschieht. Sie können es nicht artikulieren. Denn die Einsicht kommt erst Jahrzehnte später.

Jenseits der Zeit

Wenn wir träumen, bleibt zwar unser Körper in der irdischen Zeit, die vergeht, aber in Gedanken überspringen wir diese Schranke in eine Sphäre der Zeitlosigkeit. Es ist bekannt, dass Menschen, die am Schlafen, und damit am Träumen gehindert werden, sterben. Vielleicht ist dies ein Hinweis darauf, dass wir auch in einer anderen, als der irdischen Realität leben. Vielleicht auch nicht. Aber wenn ich mir klar mache, dass Träume ohne Zeitablauf passieren, auch wenn wir sie als linear erinnern, wird mir viel ihrer Rätselhaftigkeit greifbarer.

Ich war ein paar Tage im Rheinland, wo ich geboren wurde. Und prompt meldeten sich – ich sage mal „große“ – oder zumindest eindrückliche Träume wieder. Sie schienen aus meiner Kindheit zu stammen und zeigten mir Dinge auf, die ich wach nicht erinnere. Natürlich überlege ich, ob sie mir etwas „sagen“ wollen. Klar ist, dass sie etwas zeigen. Und wie bei vielen Erkenntnissen liegt es an mir, sie zu deuten oder in mein Selbstverständnis einzubauen (oder sie als unbedeutend fallen zu lassen).

Mittlerweile, das heißt, je älter ich werde, desto klarer begreife ich die Zerbrechlichkeit von Selbstverständnissen. Kleine Veränderungen können das Selbstbild gehörig ins Wanken bringen. Ich weiß längst auch, dass weder Geld, Karriere, Beziehung, noch andere (vermeintliche) Sicherheiten an der Balance des Selbstbildes groß beteiligt sind (an der Basis oft ja, aber eben weniger fest, als man in guten Zeiten gerne meint). Ich will einmal genauer hinschauen, was meine Träume erzählen, um vielleicht noch einmal etwas anderes über mich zu erfahren. Was nicht einfach werden wird, weil ich meine Träume im Alltag fast alle mit dem Aufwachen vergesse. Weil hier, wie Freud meinte, möglicherweise Wünsche verborgen sind, die ich im wachen Zustand nicht mal ahne. Oder weil in den (zeitlosen) Träumen etwas über Welt und Wirklichkeit verhandelt wird, dass mein Verstandes-Wissen übersteigt.

Wer kennt schon Seebananen?

Ich musste in die belgische Stadt Löwen fahren, um zum ersten Mal welche zu sehen und gleich auch zu probieren. Seebananen sind ein ungeheuer saftiges Gemüse. Es wächst am Strand, ursprünglich nur in Australien, mittlerweile aber auch bei Züchter*innen, die das knackige, leicht salzige Grün für ca. 8,00 € pro 150 Gramm verkaufen. Und ja. Die Frage, of das sein muss, vor allem, wenn man sich hauptsächlich mit saisonnalen und regionalen Zutaten beschäftigt, liegt einem sicher schnell auf der Zunge. Deshalb hole ich ein bisschen aus:

Kochen und Essen sind bekanntlich Kulturtechniken. Auch wer nur gelegentlich (und gerne) essen geht, mag im Laufe des Lebens auf diese Weise einige kulinarische Höhepunkte erleben. Und Köch*innen kennenlernen, die etwas von ihrem Handwerk verstehen, und die Gerichte so ausbalancieren, dass sie entweder wie die beste Variante eines bekannten Rezepts daherkommen oder aber so neu und überraschend sind, dass es einem schier dem Atem verschlägt.

Und wer jetzt denkt: „na klar, nehme ich halt Kohlrabi und Seebanane, da werden die Gäste schon staunen“, macht es sich zu leicht. Denn so einfach ist es mit dem Kochen und dem kulinarischen Kombinieren dann doch nicht.

Ich bin kein Foodie, und obwohl ich gerne esse, habe ich wenig gastronomisches Wissen. Tatsächlich war ich in Löwen zum ersten Mal bei einem Sternekoch, der die Molekularküche beherrscht und regional kocht. Mag also sein, dass mich der Zauber des Ersten Mals gepackt hat. Aber ich kann sehr klar sagen, dass es mir geschmeckt hat. Und das ist für eine Gastro-Kritik, egal wie rudimentär sie ist, sicher der wichtigste Punkt.

Und es nicht nicht mal nur gut geschmeckt: es war ein äußerst vergnügliches Essen zusammen mit einer Kinderfreundin, mit der ich schon als wir noch ganz klein waren, am liebsten Süßigkeiten geteilt habe. Nein! Keine Erlebnisgastronomie! Das Restaurant, in dem wir saßen (obwohl wir nicht reserviert hatten!) ist von einer Gastfreundschaft, die rar ist.

Taste“ heißt es, ein mit sicherer Hand durchaus freestyle eingerichtete Lokal, gemütlich UND cool, dezent UND schräg. Hier kocht der Sternekoch Bart Tastenhoye selbst mit zwei Kollegen für alle sichtbar in der Restaurantküche, kongeniale Gastgeberin ist seine Frau Dorotee Hoste, die mich vom ersten Moment an vergessen ließ, in einem Nobelrestaurant zu sein, und vielleicht nicht alle Geflogenheiten solch elitärer Orte parat zu haben.

Gekocht werden hier pro Abend zwei Menues, ein vegetarisches und eins mit Fisch und Fleisch (die Karte wechselt in etwa jeden Monat). Man kann zwischen vier und sechs Gängen wählen, dazu gibt es vorab ein Amuse Gueule, ein kleines frisches Brot mit Butter, Salz und Pfeffer und nach dem Nachtisch noch ein paar süße Kleinigkeiten UND noch ein kleines Eis, das der Chef selbst an den Tisch bringt.

Die einzelnen Portionen sind wie kostbare Tableaus angerichtet, und jetzt, wo ich solche Kunstwerke erstmals selbst probiert habe, muss ich wirklich sagen, dass sich jedes einzelne Blättchen lohnt. Klar, ich liebe Pommes, und (haha!), Bart Tastenhoye liebt sie auch und geht gelegentlich mit Kaputze auf dem Kopf in eine etwas abgeranzte Bude, wie seine Frau mir beim Abschied lachend erzählt. Das heißt, Gourmetküche ist vermutlich nichts für den Alltag, oder für den Alltag der meisten Menschen, aber sie ist etwas Wundervolles, wie Oper oder jedes andere besondere Konzert, das man sich nur gelegentlich, aber dann mit großer Freude gönnt.

Was nun Kohlrabi und Seebanane angeht. Nein, sie müssen keineswegs zusammen auf dem Teller landen. Aber wer Kohlrabi liebt, wird sich freuen, wie überraschend neu sie zusammen mit den exotischen Kollegen harmoniert. Kohlrabi fühlt sich dabei für mich wie ein geliebtes Kindheitsgemüse an, das erdig und winterlich schmeckt, während die Seebanane daneben frisch wie eine Zitrusfrucht, dabei aber salzig explodiert, wenn man auf sie beißt. Und auch hier gilt: Das muss ich jetzt nicht in meinen eigenen Küchenplan integrieren. Aber sie harmonieren perfekt wie ein Sonnenuntergang über einem See in den Bergen, den ich so auch nur einmal im Leben sehe und nie wieder vergesse.

Restaurant TASTE

Naamsestraat 62
3000 Leuven
016/84.87.32

Reservations: reservations@leuventaste.be 
General: info@leuventaste.be 
Invoicing: invoices@leuventaste.be

Montags geschlossen

Haiku

Meine Kenntnis asiatischer Textformen ist begrenzt. Von Haikus habe ich gehört. Sie sind fester Bestandteil kreativer Schreibworkshops, und hatten, als ich anfing, mich mit dem Schreiben mehr zu befassen, einen ersten großen Aufschlag in Deutschland.

Ich fand sie immer fremd. Es waren Bilder aus einer anderen Welt, wie Schnappschüsse, sehr konkret, sehr gegenständlich, wenig „erzählend“, kühl eher, beiläufig.

Winterregen.

Eine Maus läuft über die Saiten

der Mandoline.

(Buson)

Ich saß gestern in der Bahn und schaute in einen erst grauen, und sich dann in viele Blautöne auffächernden Himmel. Aus Spass machte ich Handy-Fotos von der Landschaft, die an mir vorbei sauste. Erstaunlich viele Bilder kamen geradezu unversehrt aus der großen Geschwindigkeit bei mir an. Beiläufig, gleichzeitig banal und schön zugeleich. „Unsere Welt“, dachte ich, gleich danach auch „unser Deutschland“ (da musste ich lachen – aber, doch ja, stimmt schon).

Die Banalität, das Fade des Alltags, das ist es, was mir tatsächlich immer wieder das Herz höher schlagen lässt. Und zeigt, das ich hier mit den Klunkern immer noch gut aufgestellt bin – nach mittlerweile 11 Jahren.

Und Überraschung!

Gleich noch ein Geburtstag. Nein, seine Filme habe ich bislang nicht gesehen. Dafür habe ich seine Biografie mit viel Vergnügen gelesen. Vielleicht auch, weil er eine Koautorin hatte, mit der er abwechselnd Kapitel aus seinem Leben erzählte. Das fand ich ganz mutig und das war gut zu lesen. Ich schaue gelegentlich ins Buch und bekomme gleich Lust, etwas zu machen. Das ist toll. Und ich war ein großer Fan von Lynch’s Wetterberichten aus Los Angeles. Es waren kleine Alltagsklunker im besten Sinn: mit einem extrem begrenzten Vokabular (meist feste Wendungen aus der Wetterkunde) schuf er jeden Tag ein neues – nun, kein Haiku, aber ein fast ebenso lakonisches Gedicht für den jeweiligen Tag. Garniert mit einem Song, der ihm (angeblich) gerade beim Blick aus dem Fenster einfiel. Seine (ebenfalls angeblich) letzten Worte: Stay curious! Happy birthday David Lynch!

Herzlichen Glückwunsch, Gilles Deleuze

Der Januar wartet mit ein paar tollen Geburtstagen auf, David Bowie, Susan Sonntag und Gilles Deleuze, der heute vor 100 Jahren geboren wurde.

Und nein. Um das gleich vorweg zu nehmen. Ich habe bislang noch nicht viel von ihm gelesen. Und noch weniger verstanden. Er gehört zu jenen Autor*innen, die ich enorm schätze, aber meist nicht begreife.

Das Nicht-Verstehen nimmt in meinem Leben eine ziemlich große Rolle ein. Immer noch verunsichert mich das. Warum bloß verstehe ich XX oder YY nicht? Fehlt da was in meinem Kopf? Gibt es vielleicht einen Trick?

Das sind Fragen. Und dann gibt es eine sehr unintellektuelle Antwort: Lies einfach, ohne es zu verstehen. Vielleicht bleibt irgendwas hängen und explodiert später zu einem Gedanken. Oder Du liest weiter, um Deine Angst vor dem Nicht-Verstehen zu verlieren. Denn, wer nicht versteht, braucht zumindest ein dickes Fell, um nicht dauernd umzukippen.

Was ich zum Beispiel verstanden habe, wie Deleuze und Guattari versucht haben, im Schreiben selbst Grenzen zu überwinden, indem sie abwechselnd Sätze formulierten, die der jeweils andere weiter führte. Ich begreife dieses unglaubliche Vertrauen, dass der Andere das Eigene nicht kaputt macht, oder verpfuscht, auch wenn er anders weiterschreibt, als man sich das selber so gedacht hatte.

Oder dass der Moment für Deleuze wesentlich ist. Er legt sich auf die Lauer. Situationsabhängige Warheiten sind es, die er sucht, keine ewigen Kategorien oder Regeln. Damit zum Beispiel hege ich die Hoffnung, auch mein Lebensdurcheinander betrachten zu können.

Dass er sich mit dem Ressentiment (Vorbehalt, heimlicher Groll) auseinandersetzt, einer fiesen Gefühlslage, mit der sich auch schon Nietzsche beschäftigte, interessiert mich besonders, weil ich das Gefühl habe, beim Älterwerden immer wieder und öfter in die Fänge des Ressentiments geraten zu können. Sich kleiner zu machen als nötig zum Beispiel. Oder in eine völlige Passivität zu fallen, aus der heraus alles, was stattfindet, wie eine Bedrohung, oder wie aus einer anderen Welt daherkommt. Oder das Herz nicht mehr öffnen zu können, um andere zu lieben oder auch nur zu bewundern.

Und dann gibt es diesen großen Impuls bei ihm, Neues, gerne auch Unverständliches in die Welt zu bringen. Das mir, und da kehrt sich mein Nicht-Verstehen in eine Art Argument um, selbst Unverständliches zuzulassen. Ist ja nicht so, als wenn ich alle eigenen Ideen gleich kapieren würde. Es anderen im Gespräch oder sonstwie zuzumuten, ermutigt mich Deleuze. Oder zumindest zwinkert er mir manchmal aus alten Filmdokumentationen zu. So verstehe ich das jedenfalls.

Lebenslinien

Ich habe lange Wege zurückgelegt, mittlerweile. Und stets, wenn ich mich umblickte, waren meine Spuren unsichtbar geworden. Erst allmählich begreife ich, dass ich nicht zurück, sondern eher in die Tiefe schauen sollte, wenn ich etwas finden will, das trägt. Eine Art Netz, das die Seiltänzerin schützt auf dem Stück Seil, das noch vor ihr liegt.