Das Interessante beim Ankommen ist der Abgleich: Ist es wirklich so, wie ich es mir vorgestellt habe? Das ist bei Urlaubsreisen nicht anders als bei persönlichen Zielen. Mein erster Gedanke heute morgen war, dass ich vermutlich auch deshalb Freiberuflerin geworden bin, weil ich nicht in Rente gehen wollte.
Tatsächlich war mein Vater Frührentner. Er ging mit 60 in den Ruhestand – im Zorn. Er hatte jüngere Vorgesetzte bekommen, fühlte sich nicht mehr geschätzt, am Ende verlor er sein Büro mit einem Lieblingskollegen. Das hat ihn so aufgebracht, dass er erst krank wurde (ja, wirklich: so ein Ärger kann ziemliche Schmerzen hervorbringen), und dann ging.
Ich war damals junge Studentin. Und erlebte, wie mein Vater schlecht gelaunt zu Hause rumhing und meine Mutter, die ja noch arbeitete, und mich, die ich quasi gerade anfing zu arbeiten, zu tyrannisieren.
Ich denke, ich habe damals dieses Gefühl, das mein Vater hatte, zum alten Eisen zu gehören, aufgesogen habe. Das wollte ich auf keinen Fall erleben: Eine Stelle zu haben, die man einfach ausknipsen kann. Auch sah ich, wie hilflos mein Vater angesichts seines Verlusts war. Nicht, dass er seinen Job je gerne gemacht hätte. Er war das perfekte Beispiel für jemanden, der nur arbeitete, um Geld zu verdienen. Aber dieses Geld machte ihn natürlich auch aus. Als Rentner fühlte er sich noch mehr als altes Eisen.
Ich bin mittlerweile älter als mein Vater bei seinem Rentenantritt. Für mich wären als Angestellte noch ein paar Jahre Berufstätigkeit drin, die Zeiten haben sich geändert. Aber ich bin da, wo ich zu Beginn des Studiums kaum hinschauen konnte. Im Alter. Und wie ist es?
Erwartbar: Ich bin älter, als ich mir das je vorstellen konnte. Die Erschöpfungen kommen häufiger, vor allem die Knochen und Gelenke tun weh. Und wenn ich keine Lust habe, ist wirklich nichts mehr zu machen. Auf der anderen Seite bin ich schneller denn je. Ich habe viel gelernt während der letzten Jahrzehnte. Und weil ich – auch wenn es sehr schwierig war – immer bei meiner eigentlichen Arbeit geblieben bin, habe ich mich weiterentwickelt. Das ist, prekäre Lebenssituation hin oder her, doch ein echtes Plus. Außerdem kommen mittlerweile Aufträge, von denen ich lange geträumt habe.
Was für mich hinkommt: Ich habe nicht das Gefühl, „aufhören zu müssen“. Ich brauche auch keine neue Ausrichtung. Ich mache einfach, was ich immer schon gemacht habe. Aber. Ich muss eben auch arbeiten, weil es sonst zum Leben nicht reicht. Und meine Müdigkeit spricht eine sehr deutliche Sprache. Es scheint, als gehe mein Ursprungskonzept weitgehend auf. Allerdings fürchte ich mittlerweile mehr das Älterwerden. Es ist ja längst so, dass ich nicht nur arbeite, sondern auch damit beschäftigt bin, meine „Karosse“ geschmeidig zu halten. Quasi als Nebenjob…
Zwischenstand jetzt: Ja, ja – hm. Im Grunde habe ich mich als junge Frau für meine Bedürfnisse passend entschieden. Was ich nicht abschätzen konnte – aber es waren damals auch wirklich noch ganz andere Zeiten – dass die Freiberuflichkeit so hart sein würde. Und dass es nie reicht, gut zu sein, sondern dass es darum geht, Auftraggeber*innen zu finden, die einen schätzen.
