Wenn ich es richtig verstanden habe, waren es Jugendliche, die vor ein paar Wochen eine dreihundert Jahre alte Linde im Brühler Schlosspark aus dem Boden gerissen haben.
Ich war traurig wie lange nicht. Und ein Teil in mir echauffierte sich. Ein anderer Teil fand die Aufregung lächerlich. Natürlich ist es Mist, einen so alten Baum zu zerstören. Warum aber so eine Empörung? Ich hielt innerlich Gericht, erklärte den Banausen die Idiotie ihrer Tat und war enttäuscht über mich selbst. Das meinst Du jetzt nicht ernst? Fragte ich mich. Ein kleine Stimme sagte trotzig: Doch ja, was denn? Habe ich nicht Recht? Und ohne lange zu zögern sagte ich: Nein.
Die Sache ließ mich nicht los. Nicht dass ich verstehe, warum jemand oder auch eine ganze Gruppe die Idee hat, alte Bäume auszureißen. Daran ist mir so gar nichts plausibel. Aber ich hatte das vage Gefühl, dass ich die Geste verstehe.
Ich erinnere mich an meine Jugend in Brühl: Alles war langweilig. Die provinzielle Öde schien mir eine einzige Zumutung. Ich träumte von einem aufregenden Leben, in dem jeden Tag etwas unerwartetes passieren könnte. Neulich habe ich ein Tagebuch aus der Zeit gefunden mit einer ganzen Seite auf der ich LOS ANGELES mit Blümchen und Herzchen notiert habe. Mein Leben erschien mir langweilig. Auch diese bescheuerten Linden im Park waren dafür ein Bild. Zurecht getrimmt mit ihren eckigen Baumkronen, dass sie aussahen wie eine gebaute Loggia, bloß nicht wie lebendige Bäume. Sie erschienen mir tot wie vieles, was Erwachsene schön und vor allem „ordentlich“ hielten. Auch ich wollte ausbrechen. Nicht selten hatte ich den Wunsch zu randalieren. Diese ganze blöde Normalität mal in Unordnung zu bringen. Meine Wut äußern über dieses Elend, in dem ich nicht mein ganzes Leben verplempern wollte.
Wie anders ich das heute sehe. Normal ist längst nix mehr. Es scheint, als sei ich mit jedem Lebensjahr mehr in diese Welt hinein gewachsen. Früher erschien alles wie eine Kulisse. Das war vor mir entstanden, hatte mit mir nichts zu tun. Als Kunsthistorikerin verstehe ich zum Beispiel besser, was an einem Barock-Garten schön ist. Was es mit der in die Natur geschnittene Symmetrie auf sich hat, und warum das kein Vergehen gegen die Natur ist, sondern der Versuch einer ästhetischen Verbindung. Einen unglaublichen Respekt jedoch habe ich vor Lebewesen die so alt geworden sind. 300 Jahre! Das ist aus menschlicher Perspektive fast nicht vorstellbar und eine unglaubliche Leistung. Wie gemein, da einfach mal gegen zu treten. Und die Pflege der vielen Gärtner, die Zufälle des Überlebens mit einer wütenden Geste zu zerstören.
Vielleicht ist es das. Als junger Mensch in eine Langeweile zu fallen, weil alles so enorm selbstverständlich erscheint. Damit will ich die Randale nicht „verstehen“. Ich kann mir allerdings vorstellen, in einem trostlosen Blick auf die Realität gefangen zu sein, wie sie einen vielleicht gerade in jungen Jahren erwischt. In einer Entfremdung, aus der ich ausbrechen will, nicht aus Bosheit, sondern aus Verzweiflung.
Schönheit erscheint mir als größter Schutz vor (Selbst-)Zerstörung. Und ich verstehe, dass der Sinn für Schönheit eine Kompetenz ist, die wir im Laufe des Lebens erlernen. Nicht, um uns in weltabgewandte Ästheten zu verwandeln, sondern zu friedlichen Zeitgenossen.

LP 10. Mai 2026
Ich glaube nicht, dass Schönheit vor Zerstörung schützt. Ich habe sogar eher die Sorge, dass sie Zerstörung und Vandalismus anziehen. Immer schon.
Denn mit der Zerstörung dessen, was andere schön finden, trifft sie der Zerstörer ganz bewusst tief in ihrer Seele. Denn er vernichtet, was den anderen lieb und teuer ist.
Allein, weil er es kann. Und genau das demonstrieren will.
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Stephanie Jaeckel 10. Mai 2026
Oh, da habe ich mich möglicherweise nicht klar genug ausgedrückt. Mir ist an diesem Vorfall klar geworden, dass ich als Teenager überhaupt keinen Wert und keine Schönheit in was auch immer – und ausgerechnet in diesen Parkbäumen – gesehen habe. Dass ich alles, was war als langweilig und weitestgehend banal angesehen habe. Ich hätte in meinem Frust auch Parkbäume ausreißen können. Dass ich es nicht getan habe, hat vielleicht nur mit mangelnder Gelegenheit zu tun. Erst über Jahrzehnte ist mir ein Sinn für (Natur-)Schönheit zugewachsen. Ich habe heute keinerlei Motivation, Dinge zu zerstören. Auch wenn sie nicht meinem Geschmack entsprechen oder mir irgendwie überflüssig erscheinen. Natürlich hat es einen großen Reiz, gerade die Dinge zu zerstören, die anderen wertvoll sind. Aber sobald ich selbst die Schönheit oder den Wert einer Sache erkenne, ist es aus mit dem Frust oder der Langeweile. Weil ich verstehen kann, dass nicht die Welt oder der Alltag langweilig ist, sondern höchstens ich selbst. Hm. Das ist jetzt immer noch nicht ganz schlüssig. Aber mir scheint es ein wesentlicher Punkt. Wenn ich Schönheit begreife, ist Zerstören keine Option mehr. Weil ich mich damit selbst verletze.
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