Langzeitfolgen

Ich habe neulich den Soziologen Stephan Marks über Scham sprechen gehört. Mir ist regelrecht das Gesicht entgleist, als er sagte, unsere auf Beschämung gerichtete Kultur der Erziehung reiche bis in den Dreißigjährigen Krieg zurück. Echt jetzt!? Der Dreißigjährige Krieg tobte im Europa des 17. Jahrhunderts. Es ging um die Rechtmäßigkeit des Katholischen bzw. des Neuen Reformierten Glaubens, praktisch um eine neuen Machtverteilung zwischen Staaten, Städten und Ländern.

Worauf Marks (verkürzt gesagt) hinweist, ist, wie Traumatisierung Menschen schwächt. Folter, Gewalt, Erniedrigung machen so kaputt, dass eine Schutzhülle aus Kälte und Aggression angelegt wird. Schwäche in anderen wird lächerlich gemacht, „hart wie Kruppstahl“ – den Spruch kennen wir vielleicht noch von unseren Eltern oder Großeltern.

Doch, ja, meine Generation stand als Kind noch in der Ecke. Da ging es nicht um Strafe an sich, sondern ganz konkret um Beschämung. Schlimmste Orte der Beschämung sind tatsächlich Klassenzimmer. Und Turnhallen. Sportlehrer*innen, so Marks, werden immer nur die, die als Kinder beim Sport nicht ausgelacht oder gemobbt wurden. – Das leuchtet ein. Und trägt vermutlich, ohne dass die Lehrer*innen das ahnen, die Beschämungsstrategien fort.

Das Tongefäß habe ich im Archäologischen Museum in Brandenburg an der Havel gesehen. Leider habe ich mir nichts notiert, ich kann nur sagen, was man sieht: Es ist schon sehr, sehr alt. Und irre schön. Marks spricht davon, wie Beschämungen in uns eingegossen werden wie Flüssigkeit in ein Gefäß. Wenn das Gefäß dann überläuft – nix wie weg…

Vielleicht wäre es ein paar Gedanken wert, zu überlegen, wann wir – ohne dem groß Beachtung zu schenken – andere beschämen. Scham ist, und auch das habe ich von Marks gelernt, die Wächterin der Menschenwürde. Darauf im Alltag zu achten, ist sicher keine schlechte Idee.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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